Wenn Gaijin japanisch frühstückt…

Nachdem ich einige Stunden wie ein Murmeltier geschlafen hatte und mich auch nicht von der grellen Neonbeleuchtung vor dem Zimmerfenster stören ließ, wachte ich gegen 6:30 Ortszeit gut ausgeruht auf. Gemütlich machte ich mich fertig, um gegen 7:15 zum Frühstück in der Offenbach-Stuben „aufzulaufen“. Die grüne Essensmarke für das Frühstück führte ich sorgsam, wie einen Schatz, in der Tasche meines Jacketts mit – denn wie hätte ich mir sonst ein Frühstück organisieren können. Mit den englischen Sprachkenntnissen der Angestellten war es nicht sehr weit her, wie ich am vorherigen Abend bereits feststellen konnte.

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Also begab ich mich, gut gelaunt und nichts vom nächsten Abenteuer ahnend, in die Offenbachstuben. Mit einem fröhlich geschmetterten „Konnichi wa“, dem japanischen „guten Morgen/guten Tag“, betrat ich den Schankraum (der jetzt als Frühstücksraum diente). Oha, war da was?

Aber hallo, gut ein dutzend Köpfe drehten sich ruckartig zur Tür und versuchten einen  Blick auf den „Schreihals“ zu werfen, um dann beschämt festzustellen, dass man als Japaner niemanden anstarrt. Also gingen ein Dutzend Köpfe ruckartig zurück in „Ausgangsstellung“ und versuchten betont angestrengt sich der Einnahme des Frühstücks zu widmen.

Die Reaktion der jungen Angestellten hinter dem Tresen auf den eintretenden Fremden (Gaijin) war noch verstörender. Mit schreckgeweiteten Augen schlug sie die Hand vor den Mund, um sich dann mit tiefen Verbeugungen etwas murmelnd an mir vorbei zu schlängeln und in einer Tür, die ich als Kücheneingang identifizierte, zu verschwinden.

Diese „Begrüßung“ hatte ich nun gar nicht erwartet und überprüfte möglichst unauffällig, ob vielleicht mein Hosenschlitz offen stände, die Hose geplatzt oder sonst etwas ungewöhnliches zu sehen sei. Nachdem ich nichts offensichtliches feststellen konnte, maß ich den Raum mit einem Blick und stellte fest, dass noch einige Tische unbesetzt waren. Ich entschied mich unbewusst für einen Tisch genau gegenüber der Eingangstür, auch weil dort eine breite Holzbank an der Wand stand. Nachdem ich Platz genommen hatte, konnte ich den Raum, den Eingangsbereich und auch den Eingang zur Küche überblicken, während ich die Wand in meinem Rücken wähnte.

So langsam sickerte die Skurrilität der Situation in mein Hirn. Ich, in einen Anzug gewandet, mit dem Rücken zur Wand, die Unterarme auf der Tischplatte ruhend, an einem groben Holztisch sitzend und auf mein Frühstück wartend. Rund um mich saßen ca. 10 japanische Geschäftsleute an kleinen Bistrotischen und waren mit Messer und Gabel angestrengt zugange, ein Frühstück einzunehmen. Während ich,  breit grinsend wie Budda, in die Runde blickte, konnte ich beobachten, wie die Anwesenden immer wieder einen schnellen Blick aus den Augenwinkeln auf mich zu erhaschen suchten. Stellten sie fest, dass ich sie beobachtete, ruckte der Kopf noch ein Stück tiefer in Richtung Teller, um sich noch intensiver mit Messer und Gabel einem glibberigen Spiegelei auf einem noch schlabberigen Stück Toast zu widmen. Aus heutiger Sicht erinnert mich das Ganze an Küchenszenen mit dem Komiker Gerd Dudenhöffer in der Serie „Familie Heinz Becker“, in denen er angestrengt etwas auf einem leeren Teller schneidet und demonstrativ in die Familienrunde „schweigt“.

Aus der nahen Küche war die ganze Zeit ein leises Murmeln zu vernehmen. Ich  stellte mich schon darauf ein, ohne Frühstück zur Arbeit zu müssen, als ein japanischer Geschäftsmann als neuer Gast in den Frühstückraum kam. Er murmelte etwas in Richtung Küche, worauf aus der Küchentür ein Arm auftauchte und er dann einen blauen Bon in die ausgestreckte Hand hineinlegte. Anschließend setzte er sich an einen der freien Bistro-Frühstücktische.

Kurz Zeit später tauchte die junge Angestellte mit einem Teller auf, den sie mit einer Verbeugung vor dem neuen Gast abstellte und gleichzeitig eine Serviette sowie Messer und Gabel dazu legte. Der Teller enthielt das obligatorische Spiegelei auf Toast, was ich just in diesem Augenblick als „western style breakfast“ identifizierte. „Schwein gehabt“, dachte ich mir, denn schlimmer konnte es mit dem japanischen Frühstück ja nicht mehr kommen.

Nachdem ich nun schon gut 5 Minuten am Tisch ausharrte, überwand sich die junge Angestellte und kam mit vielen Verbeugungen in meine Richtung. Als sie verzagt, mit weiteren Verbeugungen und etwas murmelnd an meinem Tisch stand, sah ich meine Chance gekommen. Freudestrahlend streckte ich ihr die Hand mit dem grünen Bon entgegen. Die schreckgeweiteten Augen, mit denen Sie mich und vor allem den grünen Bon anblickte, vergesse ich mein Leben nicht. Als ich ihr nochmals den Bon mit Nachdruck entgegenstreckte, nahm Sie diesen schließlich an und entfernte sich, rückwärts gehend und ständig verbeugend, in Richtung Küche. Was hinter ihrer Stirn für Gedanken abliefen, konnte ich auch ohne japanische Sprachkenntnisse erahnen. „Oh Gott, da hat der Kollege an der Rezeption gestern einen Fehler gemacht und den falschen Bon ausgeteilt“. Es war nämlich so, dass alle japanischen Gäste ein „western style breakfast“, also die westliche Frühstücksvariante, gewählt hatten und einen blauen Bon vorlegten. Nur der Fremde (Gaijin) tauchte mit einem grünen Bon auf.

Das Murmeln in der Küche schwoll an, als die Angestellte durch die betreffende Tür verschwand. Plötzlich tauchten zwei Köpfe am Türrahmen der Küchentür auf. Die junge Angestellte und der Koch warfen einen Blick in den „Frühstücksraum“, um den Gaijin in Augenschein zu nehmen. Als sie meinen Blick bemerkten, verschwanden die Köpfe ruckartig und Gemurmel ging noch etwas weiter.

Endlich erschien die junge Angestellte und trug eine Art Holzblock sowie einen Becher auf einem Tablett vor sich her. Mit vielen Verbeugungen stellte sie den Holzblock vor mir auf den Tisch, legte eine längliche Papiertüte darauf und positionierte den Becher daneben. Dann entfernte sie sich mit vielen Verbeugungen im Rückwärtsgang in Richtung Küche.

Den Inhalt des Bechers konnte ich unschwer als grünen Tee identifizieren. Auch die Papiertüte kannte ich bereits aus dem Flugzeug, enthielt sie doch ein Einweg-Holzstäbchen. „Klasse“, dachte ich noch, die haben es kapiert und das Frühstück wird nun bald anrollen. Ich empfand es zwar als ausgesprochen unkomfortabel, etwas essbares auf einem gut 10 cm hohen Holzblock serviert zu bekommen. Aber „andere Länder, andere Sitten“ sagte ich mir, „nimm es halt, wie es kommt“. Dummerweise konnte ich bei meinen Nachbarn nicht kiebitzen, wie ein japanisches Frühstück eingenommen wird. Alles um mich herum war ja mit dem Spiegelei auf Toast beschäftigt – und ich war wohl der Einzige mit „japanese style breakfast“. „Also gut, harren wir einfach der Dinge, die da kommen mögen. Kommt Zeit kommt Rat“, dachte ich so bei mir. Ich würde das Ding schon zu schaukeln wissen.

Ich saß wartend vor dem Holzblock am Tisch, hoffte auf ein leckeres Frühstück und schaute deshalb breit lächelnd in die Runde. Immer wieder bemerkend, dass die an ihren Tischen frühstückenden Japaner verstohlen einen Blick aus den Augenwinkeln auf mich warfen. Aus der Küchentür lugten abwechseln die Köpfe der jungen Angestellten und des Kochs um die Ecke, deren Mienen von Mal zu Mal besorgter schienen.

Hätte jemand eine Kamera im Frühstücksraum aufgestellt, wäre ein herrlicher Slapstick herausgekommen. Der Fremde, am Tisch sitzend und abwartend, von der Runde beobachtet. Jetzt weiß ich, wie sich die Affen im Zoo fühlen müssen.

Nachdem sich auch nach mehreren Minuten nichts mehr tat, dämmerte mir, dass da etwas gewaltig schief lief. Also begann ich den „Holzblock“ genauer in Augenschein zu nehmen und bemerkte plötzlich einen feinen Spalt. Es musste also eher ein Kästchen, denn ein Holzblock sein. Ich nahm die Tüte mit dem Essstäbchen weg und befingerte den Block. In der Tat, es handelte sich um ein Kästchen, welche zwar wie ein Stück Holz aussah, dessen Deckel sich aber nach hinten aufklappen ließ. Im Inneren befanden sich mit schwarzem Lack gestaltete Fächer, die diverse japanische Speisen wie einige Stücke Sushi, Reis, das obligatorische Stück rohen Fisch und die gesalzene Pflaume enthielten. Auf dem schwarz lackierten Innenteil des Deckels war ein japanisches Stilleben aufgemalt.

Aha, mein japanisches Frühstück! Und dann noch serviert als „Edelvariante“ eines japanischen Bento. Jetzt hatte ich es geschnackelt, und ich gewann wieder Oberhand. „Euch werde ich es zeigen!“ Mit professionellem Griff entnahm ich das Holzstäbchen aus der Tüte, riss es auseinander und rieb die Bruchflächen gegeneinander, um eventuelle Holzsplitter an den Bruchstellen zu entfernen. Dann nahm ich die zwei Stäbchen in die rechte Hand. Das untere Stäbchen zwischen Ring- und Mittelfinger eingeklemmt und mit einem Ende in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger ruhend. Das zweite Stäbchen konnte dann zwischen Daumen und Zeigefinder eingeklemmt und damit bewegt werden. Mit den Spitzen ließ sich dann (wie mit einer Pinzette) etwas einklemmen und zum Mund führen. Nach dem Vortraining im Flugzeug, wo mein Sitznachbar mir die Benutzung der Essstäbchen kurz gezeigt hatte, war das also keine Problem mehr für mich.

Ich widmete mich also dem Frühstück und bemerkte schon nach kurzer Zeit, dass das Interesse an den umliegenden Tischen rapide abnahm. Der Gaijn konnte offenbar mit Stäbchen umgehen, und was ist schon besonderes an einem Menschen, der frühstückt? Auch die Mienen der Köpfe, die abwechselnd aus der Küche lugten, sahen plötzlich wesentlich entspannter aus, und die junge Angestellte konnte sich sogar zu einem anerkennenden Lächeln durchringen.

Durch mein langes Warten hatten die japanischen Gäste das Frühstück weitgehend beendet, während ich noch mit den Essstäbchen und meinem Frühstück beschäftigt war. Rund um mich herum wurde von den Tischnachbarn der grüne Tee mit lautem Schlürfen getrunken. Völlig konsterniert musste ich feststellen, dass so mancher der Gäste das Frühstück mit einem lauten Rülpser beendete. So langsam leerte sich der Frühstücksraum und ich war auch endlich fertig.

Geschafft! Gar nicht mal so übel gelaufen, wenn nicht das Personal so blöde reagiert und mir das Kästle mit dem Frühstück geöffnet hätte. Na, das konnte ja noch heiter werden. Ich verließ mit einem gemurmelten „Sayonara“ den Raum, um mein Zimmer zum Zähneputzen aufzusuchen und mich danach mit meinem Aktenkoffer an der Rezeption einzufinden.

Und schon tauchte mein japanischer Kollege auf, erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei und wir aufbrechen könnten. Die in einem Nebensatz geäußerte Frage, ob ich japanisch gefrühstückt hätte, beantwortete ich mit Ja, ohne mir weitere Gedanken zu machen. Das gemurmelte Yoku dekimashita (gut gemacht) verstand ich nicht. Später lernte ich, dass ich offenbar gerade einen „Test“ bestanden hatte …


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