Nattō – oder wie Gaijin-San streikte

Hach, ich habe das japanische Frühstück genossen und mich beim morgendlichen Gang über die langen Flure des Ryokan –  nachdem ich mich überzeugt hatte, dass ich die Toiletten-Slipper nicht mehr an den Füßen hatte – auf die nächste Überraschung gefreut. Nur war dieser Morgen irgendwie schon ein Scheiß-Morgen. Warum?

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Die japanischen Kollegen hatten die Eigenart, nach der Arbeit in ein japanisches Restaurant in der Nähe des Werks zu gehen. Und als Gaijin musste ich natürlich immer mit. Gab dann immer reichlich Sake (warmer Reiswein), Asahi-Bier und Tempura (im Teigmantel frittierter Fisch oder frittiertes Gemüse). Schmeckte eigentlich ganz lecker, dieses Tempura. Auch das Asahi-Bier war trinkbar – den Sake hätte ich liebend gerne weg gelassen – ging aber nicht.

Ich konnte mich lediglich in den Kniff flüchten und die Leute mit ihren eigenen Waffen schlagen. Üblicherweise nahm jemand die Sake-Flasche auf und goss dem Gegenüber mit dem obligatorischen Kampai einen Porzellanbecher voll, der dann zu leeren war. Ich trank den Stumpen nach dem obligatorischen Kampai nicht leer. So konnte mein Gegenüber nicht immer volle Kanne nachfüllen (sah man aber durch die Porzellangefäße nicht). Umgekehrt adaptierte ich den Brauch und füllte mit dem Schlachtruf Kampai die Becher meiner Gegenüber oft und reichlich mit Sake. Und wenn die Jungs dann abgefüllt waren, gelang es mir auch schon mal, einen Becher in den Blumenkübel oder andere Gefäße zu entleeren. Es gab wohl auch einen Wirt, der beim Chefingenieur seinen Kummer ablud – in letzter Zeit würden seine Blumen immer so “kümmern”.

Langer Rede kurzer Sinn, ich brauchte sehr lange, bis ich der Belegschaft diese Gelage ausgeredet hatte. Und mir war nach den Besuchen in dieser Gaststätte immer speiübel. Damals führte ich es auf zu viel Alkohol zurück (obwohl ich immer versuchte, dessen Genuss auf ein Mindestmaß zu reduzieren, ohne meine Gastgeber vor den Kopf zu stoßen). Heute weiß ich, dass ich an einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegenüber den beim Frittieren des Tempura (speziell in des in diesem Haus) verwendeten Fetts leide.

Tja, der vorangegangene Abend war wieder spät gewesen. Obwohl ich mich beim Sake-Trinken extrem zurück gehalten hatte, war mir die Nacht speiübel gewesen und ich hatte einige Stunden auf der Toilette meines Zimmers verbracht. Entsprechend aufgeregt war mein Magen und mein Kopf fühlte sich auch nicht so wirklich fit an. Das waren die Momente, wo ich Japan geliebt, aber die Japaner gehasst habe. Konnte man so ein schönes Land auch ohne die Japaner betreiben?

Aber die Aussicht, auf eine herzhafte Miso-Suppe, Reis und etwas rohen Fisch bewirkten, dass ich eigentlich recht zuversichtlich in meinem Yukatan in Richtung Frühstückraum marschierte. Voller Freude nahm ich an meinem Tisch Platz und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Die Misu-Suppe kam, der grüne Tee kam, aber es gab keinen Fisch. Vielmehr stellte die Wirtin eine Tonschale vor mich, die meinen Magen zum Hüpfen brachte. Unten war wohl irgendwie Reis – war schon mal gut. Darüber war irgend so ein glibberiges Zeugs, in dem Bohnenkerne drin steckten. Und obenauf lag ein aufgeschlagenes, rohes Taubenei.

Nachdem ich meinen Becher grünen Tee sowie die Misu-Suppe konsumiert hatte, war der Magen wieder versöhnt. Ich wollte also mal dieses Undefinierbare in der Tonschale zumindest kosten. Vorsichtig versuchte ich, am rohen Ei vorbei, etwas von den Kernen mit den Stäbchen aufzunehmen. Als ich die glibberige Masse mit den Essstäbchen packte, zog diese Fäden – und erinnerte mich unwillkürlich – ich weiß nicht warum – an einen chinesischen Spucknapf. Also ich war offensichtlich gerade dabei, mit Stäbchen was aus einem chinesischen Spucknapf heraus zu angeln und zum Mund zu führen. Kostete schon Überwindung – das rohe Taubenei hatte ich diskret an die Seite der Schüssel geschoben.

Der erste, vorsichtige Versuch der Verkostung führte zu einer Explosion der Sinne in meinem Gehirn. Ich habe es zwar noch nicht gekostet, aber der Geschmack erinnerte mich spontan an einen Klumpen Teer, eingelegt in Nikotin, den man nun lutscht. Ich habe sofort den Bissen mit den Stäbchen in die Schüssel zurück drapiert und das Frühstück für beendet erklärt.

Als ich dann (ohne Frühstück) in die Firma kam, hing Herr Nishibayashi wie ein Schluck Wasser auf seinem Stuhl und meinte, es wäre am Vorabend wohl zu viel Sake gewesen und er sei nicht gut drauf. Dann kam die obligatorische Frage, ob und was ich gefrühstückt hätte. Ich gab zur Antwort, dass das Frühstück sehr schmal ausgefallen sei und nur aus einer Miso-Suppe, etwas rohem Reis und grünem Tee bestanden hätte. Die Schüssel mit was anderem habe ich nicht essen können, da es irgendwie nach Teer geschmeckt habe und rohe Eier nicht so mein Fall seien. Er fragte dann, was für eine Speise es gewesen sei. Wusste ich nicht, versuchte es aber bestmöglich zu beschreiben (irgendwelche Bohnen, die Schleimfäden zögen mit Reis und rohem Ei).

(Quelle: YouTube)

Plötzlich scholl ein kollektives Nattō von den Kollegen durch den Raum. Manche hatte leuchtende Augen, aber Herr Nishibayashi sah mich verständnisvoll an und sagte auf Deutsch “Born-San, ich kann dich gut verstehen, ich kann das Zeugs auch nicht essen”. Es handelt sich um fermentierte Sojabohnen, und in diesem Japan Food-Talk-Beitrag gibt es ein Foto des Fäden ziehenden Nattō.  Im Beitrag My Challenge Number 1 Natto habe ich ein Foto von Nattō mit rohem Ei gefunden. Wer es noch ein wenig ekeliger mag, kann sich noch dieses Youtube-Video oder das hier reinziehen.

Abschließend so viel: Gaijin-San hat bei Nattō gestreikt, Nishibayashi–San konnte das voll nachvollziehen und ich hatte seine Solidarität. Ich habe im Ryokan nie wieder Nattō vorgesetzt bekommen – und es gibt viele Japaner, die das Zeugs mit wachsender Begeisterung konsumieren.


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