Monteurs-Snack: Eifelschinken mit Raki

An dieser Stelle noch eine kleine Geschichte, die von “heimwehkranken” Westlern, meiner Liebe zu Anisschnaps und einigem mehr handelt. Trug sich bei meinem dritten Arbeitsaufenthalt in Japan zu, als ich eine Anlage in Betrieb nehmen musste. Tja, wie bekommt man dies zusammen?

Werbung

Wie man Joghurt mit Stäbchen isst, oder was Soba-Suppe bedeutet und was Stäbchen damit zu tun haben, wurde ja in anderen Blog-Beiträgen thematisiert. Aber es gibt eine andere Story, in der Japaner eigentlich kaum vorkommen. Bei der Inbetriebnahme ging es oft bis in den späten Abend durch, so dass mein Mitarbeiter und ich erst um 23:00 Uhr im Ryokan ankamen. Wir waren oft zu müde, um noch was essen zu gehen (z.B. die im folgenden Beitrag beschriebene Soba-Suppe). Andererseits gab es noch den “kleinen Hunger” und eine Art “Absacker” war auch angebracht. Im Ryokan gab es außerhalb der regulären Frühstücksgeschichte nichts zu essen – und nur Joghurt war auch nicht immer erwünscht.

Beim ersten Abstecher nach Japan hatte mir ein Manager der mich entsendenden Firma den Tipp gegeben, den lokalen Managern ein “Gastgeschenk” in Form einer guten Flasche Cognac mitzubringen. Wäre für das Projekt und dessen gelingen ganz vorteilhaft. Der Kauf ging natürlich auf meine Kosten – weshalb ich im Duty Free Shop des Flughaftens Charles de Gaulle in Paris eine Flasche Cognac erstand. Der Preis lag erinnerungsmäßig zwischen 50 und 80 DM – für mich viel Geld. Ich staunte aber nicht schlecht, dass dort sehr junge Japaner im Duty Free Shop standen und Cognac für 190 DM die Flasche oder sündhaft teure Parfüms kauften. Im Reiseführer las ich, dass es in Japan üblich war, dass man von einer Reise (möglichst teure) Gastgeschenke mitbrachte, die den Daheimgebliebenen überreicht wurden. Teuer, um die Wertschätzung auszudrücken.

Randnotiz fürs Protokoll: Als ich am japanischen Standort die erste Besprechung mit dem deutschen Manager hatte, stellte ich fest, dass auch eine ganze Reihe Japaner anwesend waren. Ich hielt es nicht für angebracht, dem deutschen Manager das “Gastgeschenk” vor der Mannschaft zu überreichen und die japanischen Mitarbeiter in die Röhre schauen zu lassen …

… mein Plan B war nun, eine gute Gelegenheit abzuwarten, an dem ich alleine mit dem deutschen Manager wäre, um die Flasche Cognac aus meinem Aktenkoffer zu überreichen. Wie es aber so ist, nachdem ich von Plan A (Gastgeschenk direkt beim Treffen überreichen) auf Plan B (Gastgeschenk bei günstiger Gelegenheit übergeben) umgeschwenkt war, wurde auch dieser verworfen und auf Plan C umgestellt. In der ersten Besprechung krachte ein nämlich gewaltig und ich klassifizierte den deutschen Manager als Ar…loch. Von unserem Management in Deutschland hatte ich noch den Tipp (warum wohl), wenn es Ärger gebe, solle ich die President of xxx Japan in Tokyo anrufen. Erst als ich in der Besprechung darum bat, eine Telefonverbindung mit dem obersten Japan-Chef des Unternehmens zu führen, weil ich keine Projektarbeit auf dieser Basis durchzuführen gedenke, riss sich der gute Mann am Riemen. Aber die Besprechung ging frostig zu Ende. Und ich beschloss: Der Arsch säuft deinen Cognac nicht! Also habe ich die Flasche wieder mit nach Hause genommen und selbst geleert. War gut, das Gesöff. Den Manager habe ich übrigens nie mehr zu Gesicht bekommen, wenn es Kontakt zum lokalen Management gab, war ein Pharma-Manager Ansprechpartner – ein Deutscher, seit 1964 im Lande und mit einer Japanerin verheiratet – ein ganz angenehmer Mensch.

Ist jetzt etwas lange ausgeholt. Aber bei meinen nun doch folgenden Arbeitsaufenthalten in Japan hatte ich es mir angewöhnt, im Duty Free Shop ein oder zwei Flaschen Raki zu kaufen – eine sollte nach Deutschland zurück kommen (als langjähriger Türkei-Reisender hatte ich den Anisschnaps, den man mit Wasser verdünnt, lieben gelernt). Als Gastgeschenke gab es für die japanische Kollegen immer Grassamen – denn diese waren ganz wild auf “green gras” – also auch im Sommer noch grüner Rasen, wie in Deutschland so üblich. Was ich nicht wusste: Die Sommersonne brannte in Japan jedes Gras gnadenlos in Gelb- und Brauntöne.

Egal: im Ryokan gab es Abends, statt grünem Tee, der einen nicht mehr schlafen ließ, vor dem ‘zu Bett gehen’ immer ein Glas Wasser mit einem Schuss Raki. War an manchen Tagen eine Art Abschlussritual mit dem Mitarbeiter, um den Tag Revue passieren zu lassen.

Und es gab noch etwas: Als Sohn eines Bauern aus der Eifel gab es von den Eltern bei den Besuchen einen selbst gepökelten und geräucherten Schinken mit auf die Heimfahrt. Ich habe das Teil dann nochmals Monate in der Luft trocknen lassen, bis das Teil knochenhart war. Und ein kleines Reststück von vielleicht 400 Gramm hatte ich mir in einem Anfall von “wer weiß, wozu Du das brauchen kannst” zusammen mit einem Taschenmesser in mein Gepäck gesteckt. Ich bin auch anstandslos durch den Zoll gekommen – und zum abendlichen Ritual gehörte auch, dass ich mit dem Taschenmesser hauchdünne Scheiben von dem arg harten, trocken und salzigen, aber extrem aromatischen Schinken absäbelte. Diese Scheiben haben wir dann gegessen und mit einem Glas Raki runtergespült. Und in der Ferne schmeckt so was natürlich doppelt gut.

PostScript: Im Nachgang habe ich dann festgestellt, dass die Einfuhr von Nahrungsmitteln in Japan (wegen des Einschleppens von Krankheitserregern) untersagt ist. Wird in Deutschland nicht anders gehandhabt. Es sei denn, es gibt eine amtliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Zoll. So was hatte ich nicht – aber: In dem gepökelten Schinken lebte nichts mehr – hätte man zum Einwerfen von Fensterscheiben verwenden können.

Bei meinem Rückflug war noch ein gewichtiger Teil des Schinkens übrig. Der nun aus Deutschland für einige Jahre nach Japan beorderte Anlagenleiter hatte mir am Rande einer Besprechung, als ich das japanische Essen lobte, sein Leid geklagt, dass er Wurstwaren vermisse. Wenn es was gäbe, wäre das extrem teuer – und Schinken sei so gut wie nicht zu bekommen. Ich habe ihm das Reststück meines Eifel-Schinkens geschenkt – und einen gestandenen Mann mit feuchten Augen erlebt.

Für mich stand dann so 2 Wochen Umstellung von japanischer Kost auf deutsches Essen an. Ich habe in Japan (bis auf Raki und kleine Scheiben Schinken) nur japanisches Essen zu mir genommen – und gut vertragen. Allerdings stellte ich fest, dass mein Magen dann Probleme bekam, wenn er abrupt auf die deftige deutsche Küche umgestellt wurde. Also war 14 Tage Zwieback und Toastbrot sowie Suppe angesagt, bis deutsches Essen wieder ging. Beim ersten Aufenthalt wusste ich das nicht – also gönnte ich mir beim Rückflug mit Japan Airlines eine kleine Flasche Rotwein (0,25 l) und ein Stück Buttercreme-Torte. War mir schlecht – ich bin fast gestorben …


Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.