Zaisu: Stühle ohne Beine

Während meiner Arbeitsaufenthalte konnte ich auch feststellen, dass viele moderne Japaner zwischen Tradition und Moderne gefangen waren. Die Kollegin, Frau Dr. Hashimoto, erzählte mir, dass sie morgens keinen Reis esse, sondern ein Marmeladenbrot. Das hatte sie während ihres Studiums in Heidelberg kennen und (auch wegen der Zeitersparnis) schätzen gelernt. Und es gab noch etwas, was ich in Japan kennenlernte: Stühle mit Rückenlehne, aber ohne Stuhlbeine.

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Die japanischen Kollegen machten es sich, speziell während meines ersten Arbeitsaufenthalts, zur Aufgabe, mich abends in japanische Restaurants zum Essen zu schleppen. Da gab es dann zwei Sorten von Restaurants: Moderne Lokalitäten, die zwar japanische Speisen boten, aber mit normalen Tischen und Stühlen ausgestattet waren. Das habe ich jeweils genossen – und jüngere japanische Kollegen, die auch im Ausland gelebt hatten, erzählten mir, dass sie das bevorzugten.

Und es gab die wirklich traditionellen japanische Restaurants, wo das Essen an niedrigen Tischen serviert wurde. Man kniete vor dem Tisch, den Hintern auf den Fersen abgelegt, um zu speisen. Oder man saß im Schneidersitz vor diesem Tisch. Ich fand es nach ein paar Minuten äußerst unangenehm und schmerzhaft, da ich diese Sitzhaltung nicht gewohnt war.

Diese Art, an einem niedrigen Tisch zu sitzen, hatte im traditionellen Japan noch einen riesigen Vorteil. Dort kannte man ja keine Heizungen und im Winter war es, speziell in den nördlichen Regionen Japans, arg kalt. Also wurde ein Tuch über den Tisch gelegt und ein Holzkohle-Ofen unter den Tisch gestellt. Die glimmende Holzkohle erwärmte den Raum unter dem Tisch auf angenehme Temperaturen. Die Gäste konnten dann die Füße unter das Tischtusch strecken, um sich diese aufzuwärmen.

Bei einem dieser Restaurantbesuche, es muss während des dritten Arbeitsaufenthalts gewesen sein, da mein deutscher Mitarbeiter dabei war, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nachdem die papierbespannte Türe aufgeschoben war, sah ich zwar die Tatamimatten und den niedrigen Tisch im Raum. Aber um den Tisch herum waren merkwürdige Stühle für die Gäste angeordnet. Diese waren wohl aus Holz (Bambus) angefertigt und mit einer schön geschwungenen Rückenlehne versehen. Aber die ‘Stühle’ besaßen keine Stuhlbeine – die hatte man weggelassen. Der Grund war klar: Stuhlbeine passten nicht zu den niedrigen Tischen.


(Quelle: Chris 73 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Das Restaurant hatte man mit Rücksicht auf meinen deutschen Kollegen gewählt – ich segelte ja quasi als ‘halber Japaner’, der zwar kein Japanisch spricht und lesen konnte, aber sonst fast alles mitmachte. Beim Schreiben dieses Blog-Beitrags lernte ich, dass es sich bei den Stühlen ohne Beine um Zaisu  (座椅子), in der Machart, wie hier zu sehen, handelte. Die Japaner nutzten diese, um einerseits an traditionellen niedrigen Tischen zu sitzen. Andererseits entlasteten die Zaisu den Rücken, da man diesen an die Rückenlehne anlehnen konnte. Die Kollegen erzählten mir, dass sie die Zaisu ganz gut fänden – ich selbst hatte aber auch dort so meine Probleme mit dem Sitzen.


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