Watanabe San – der “Frühstücksdirektor” …

Im Geschäftsumfeld herrsch(t)en in Japan spezielle Gepflogenheiten. Direkt unterhalb der Geschäftsleitung war ein älterer Herr angesiedelt, der immer ganz steif mit Anzug herumstolzierte. Der Herr war irgendwie bei jeder Besprechung mit Externen dabei – obwohl mir lange Zeit nicht klar war, welche Funktion er innehatte. Denn inhaltlich trug er nie zu Besprechungen bei.

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Ich konnte nur erkennen, dass der sich verbeugend und Visitenkarten überreichend mit dem Management des externen Geschäftspartners austauschte. Die gegenseitigen Verbeugungen der beiden “Kontrahenten” erinnerte mich irgendwie an eine Pinguin-Kolonie in der Antarktis. Obwohl: die mit dem Kopf nickenden und umherwatchelnden Pinguine haben etwas lustiges an sich. Was ich in Japan beobachtete, war allerdings eine recht steife Angelegenheit.

Wäre ich in China oder Nord Korea unterwegs gewesen, hätte ich den Herrn als Aufpasser tituliert. Aber das war definitiv nicht seine Aufgabe. Ein älterer deutscher Kollege, der gelegentlich ebenfalls für den verfahrenstechnischen Anlagenteil in Japan weilte, klärte mich später, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, auf.

Der gute Mann war quasi der Informationsminister des Unternehmens. Seine Aufgabe war es, für gute Beziehungen mit Behörden oder anderen Firmen zu sorgen. In diesen gab es nämlich so was wie ein Gegenstück und genau mit diesem traf er sich, um Visitenkarten und ein paar Höflichkeitsfloskeln auszutauschen.

Andō Hiroshige, Tōkaido Highway, Kakegawa
(Andō Hiroshige, Tōkaido Highway , Kakegawa – gemeinfreies Bild „From The New York Public Library“)

Keine Ahnung, ob es eine solche Funktion in japanischen Unternehmen heute noch  gibt, und ob die Person ein Fenstergucker (madogiwa zoku, 窓際族) war. Beim Schreiben dieses Blog-Beitrags fiel mir ein, dass ich als junger Ingenieur einen solchen Funktionsträger, als “Frühstücksdirektor” (oder Grußonkel) bezeichnet, auch bei einem Besuch als Kunde bei einem großen deutschen Elektrokonzern mit angeschlossener Bank (oder umgekehrt) erlebt habe.


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