Meine erste Solo-Bahnfahrt

An einem Samstag Nachmittag wollte ich per Bahn nach Tokyo fahren, um von einer japanischen Kollegin die Stadt gezeigt zu bekommen. Eigentlich ist mit der Bahn zu fahren ja eine Selbstverständlichkeit – Millionen Japaner nutzen öffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen und dann wieder nach Hause zurück zu kehren. Das ist aber leichter gesagt als getan, wenn man kein japanisch lesen und sprechen kann.

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Zur Zeit meiner Aufenthalte war die Stadt Kawagoe noch Provinz, so dass Haltestellen in Bahnhöfen, Fahrkartenautomaten etc. ausschließlich in japanischer Schrift bezeichnet waren. Nur in Tokyo waren S-Bahnhöfe auch in Romani, also westlicher Schreibweise, ausgeschildert. Die beispielsweise hier gegebenen Informationen in englisch waren damals nicht verfügbar.

Nachfolgend ist ein Video zu sehen, welches den Bahnhof Hon Kawagoe in der heutigen Fassung, samt Zugang zum Bahnsteig, zeigt. Damals war das alles noch sehr viel einfacher gehalten.

(Quelle: YouTube)

Aber nachdem mir ein japanischer Kollege ein paar Tage vorher erklärt hatte, wo ich ein Ticket ziehen und in den Zug steigen sollte, war ich gut vorbereitet. Der Fahrkartenverkauf klappte, und ich war mir sicher, den richtigen Bahnsteig für die Bahn nach Shinjuku der Seibu Shinjuku Line gewählt zu haben. Es gab nur ein kleines Problem: Meine japanische Kollegin Frau Hashimoto hatte erwähnt , dass ich entweder in Takadanobaba (高田馬場) oder am Bahnhof Seibu-Shinjuku (西武新宿) aussteigen könne – ich müsse das nur mit der Dame, die mich durch Tokyo begleiten wolle, absprechen. Ich entschied mich für das Treffen am Seibu-Shinjuku-Bahnhof.

Aber wie bekommt man mit, durch welchen Bahnhof der Zug gerade fährt? Ich konnte ja kein japanisch, war aber mit einer handgeschriebenen Liste der Ankunftszeiten für Takodanobaba und Seibu-Shinjuku ausgestattet. Also saß ich im Zug und habe erst einmal eine geraume Zeit abgewartet – fing dann aber an, die Zeiten auf dem Zettel zu studieren. Zuerst war mir ja etwas mulmig, weil die Bahnhofsnamen in japanisch angesagt bzw. auf den Bahnsteigen beschriftet waren. Aber als es nach meinem Zettel Zeit wurde, dass wir im Bahnhof Taokodanobaba einfahren sollten, kam auf die Minute genau der Bahnhof in Sicht. Und da dieser bereits in Tokyo lag, war sogar der Name in westlicher Schrift am Bahnhof auf einem Schild zu lesen. Beruhigt sah ich dann der nächsten Station entgegen. Und wirklich, auf die Minute genau kamen wir am Bahnhof Shinjuku an.

Beim Aussteigen stellte ich dann fest, dass es die Endstation der Seibu-Shinjuku Linie war. Ich hätte mir also keine so großen Sorgen zu machen brauchen. Aber der Umstand, dass der Zug auf die Minute pünktlich an den Bahnhöfen einlief, empfand ich als extrem hilfreich. Hatte man den richten Zug erwischt, konnte man auch ohne Japanisch-Kenntnisse quasi “nach der Uhr fahren” und an der gewünschten Station aussteigen.

Nach der Ankunft geht man vom Bahnsteig durch eine Schranke, in der das Ticket mittlerweile von Automaten gelesen und entwertet wird. Hat man zu wenig bezahlt, kann man unkompliziert nachlösen – so verlieren die Japaner kein Gesicht, falls sie einen Fehler gemacht und ein falsches Ticket bezahlt haben. Müßig zu erwähnen, dass alles glatt lief und ich die japanische Kollegin am Ausgang des Bahnhofs traf. Wir fuhren dann per S-Bahn diverse Stellen wie Akihabara (秋葉原) – die Elektronic-Einkaufsmeile, oder die Ginza (銀座), die Shopping-Meile, in Tokyo an.

Nach einem langen Tag lieferte mich die Dame am Bahnhof Seibu-Shinjuku (西武新宿) ab und zeigte mir das Gleis der Seibu-Shinjuku-Linie, auf dem der Zug nach Hon Kawagoe (本川越駅) abfuhr. Den Namen der Endstation konnte man auf dem Zug lesen – ich fand es zwar schwierig, den Namen in Kanji-Zeichen zu lesen. Aber zumindest Hon Kawa (本川) konnte ich mir merken (Kawa ist die Silbe für Fluss, was in dem betreffenden japanische Zeichen (川) zu finden ist. Hier noch ein Video, welches den Bahnhof in Shinjuku mit dem nach Hon Kawagoe abfahrenden Zug zeigt.

(Quelle: Youtube)

Auf der Rückfahrt wurde mir aber wieder ein Problem deutlich: Wie weiß ich, welcher Bahnhof gerade angefahren wird. Irgendwo hatte ich mitbekommen, dass die Linie nicht immer nach Hon Kawagoe durchfuhr. Und wenn ich mal einen falschen Zug erwischt hätte, wollte ich das so schnell als möglich merken. Also begann ich mir den Streckenplan, der in jedem Wagon angeschlagen war, genau anzusehen. Dort waren die Stationen in Kanji-Schrift vermerkt. Als wir im ersten Bahnhof Takodanobaba einliefen, versuchte ich den Stationsnamen in Kanji-Schrift auf dem Bahnsteig zu finden – was mir aber nicht gelang. Es gab einfach zu viele Werbetafeln, Hinweisschilder und so weiter. Auch bei der zweiten und dritten Station ging diesbezüglich nichts.

Aber irgendwann gelang es mir die Namen der Stationen doch zu finden. Ich kannte die Kanji-Zeichen deguchi (出口) für Ausgang und iguchi (入口 ) für Eingang. Als ich zum ersten Mal diese Zeichen durch das Fenster meines Abteils auf dem Bahnsteig sah, schloss ich messerscharf, dass dazwischen auch irgendwo der Stationsname zu finden sein müsste. Am nächsten Bahnhof gelang es mir fast auf Anhieb die Zeichen 出口 und 入口 zu finden. Und dann meinte ich plötzlich eine Übereinstimmung mit dem Stationsnamen auf der Streckenkarte im Wagon mit einem Zeichen auf dem Bahnsteig erkannt zu haben. Leider fuhr der Zug bereits wieder an. Aber ich hatte ja noch einige Stationen und probierte meine neuen Erkenntnisse aus. Nach weiteren Stationen konnte ich sicher Namen wie Tanashi (田無), Kodaira (小平),  Kumegawa (久米川) oder Higashi-Murayama (東村山) am Bahnsteig ausmachen. Dabei kam mir zu Hilfe, dass ich mit die Zeichen 田 (Ta) für Reisfeld, 小 für klein (chiisai), 川 für Fluss (Kawa) oder 山 für Berg (Moto) gut merken konnte (siehe auch).

Lange Rede kurzer Sinn, die im Fahrplan angegebenen Ankunftszeiten stimmten und ich kam an diesem Tag und auch an weiteren Tagen immer zuverlässig in Shinjuku (Tokyo) oder Hon Kawagoe an. Irgendwann war Bahnfahren auf dieser Strecke dann Gewohnheit und ich nutzte freie Wochenenden, um nach Shinjuku zu fahren. Dort streifte ich durch die Straßen mit ihren Pachinko-Spielhallen, Läden, Amüsierbetrieben und setzte mich oft auf einen Mauervorsprung oder einen Blumenkübel, um die Leute zu betrachten. In Shinjuku trieben sich viele junge Japaner herum, die wir irgendwie als Punks bezeichnen würden. Grell gefärbte Haare und abgefackte Kleider waren das Markenzeichen. Viele verdienten sich ein paar Yen, indem sie mit Schildern auf Brust und Rücken Werbung für irgendwelche Lokale oder Geschäfte liefen.


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