Heute mal ein kurzer Blick auf die Frage: "Wie geht es eigentlich der kleinen elektronischen Patientenakte, liebevoll ePA genannt?" Wächst und gedeiht sie, oder liegt die ePA schon im Koma? Für Beides gilt wohl ein "Nein". Die aktive ePA 3.0-Nutzung liegt, großzügig gerundet, bei 4%. Und gesetzlich Versicherte der AOK Bayern sehen sich aktuell mit der Realität konfrontiert, dass ihre ePA gerade irrtümlich gelöscht wurde. Zeit, einen Blick auf die Gemengelage zu werfen, wobei ich das Ganze in zwei Teile untergeliedert habe.
Kurzer Rückblick auf das Thema ePA
Über das Thema elektronische Patientenakte, kurz ePA, für gesetzlich Versicherte hatte ich hier im Blog ja häufiger berichtet (siehe Links am Artikelende). Es sollte, nach den Protagonisten, nichts weniger als die Revolution im Gesundheitswesen bringen. Jeder gesetzlich Krankenversicherte sollte eine ePA bekommen. Nur wer sich aktiv für ein Opt-out entschied, bekam keine ePA-Akte von den Krankenkassen eingerichtet.
Verweigerer wurden als Bremser dargestellt, und gelegentlich spielten Leute mit den Hinweis "ohne ePA bekommst Du keine Behandlung", oder "ohne ePA weiß der Notarzt bei einem Unfall nichts über die Erkrankungen und verliert vor Ort wertvolle Zeit" (dabei können Notärzte und Sanitäter bei einem Einsatz gar nicht auf die ePA zugreifen).
Seit Januar 2025 testen "wir", also die Patienten unter den gesetzlich Krankenversicherten und die Ärzte, dieses Konstrukt. Hat hörbar geknirscht, der Pilotbetrieb musste verlängert werden. Ich hatte im Beitrag Status zum Start der elektronischen Patientenakte (ePA) am 29.4.2025 die Hürden und den Fahrplan skizziert. Es sah damals nicht so positiv aus.
Und wenn die TI (Telematik Infrastruktur) der gematik steht, geht mit ePA, eAU (elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) oder eRezept nichts – wobei Rezepte zur Not noch auf Papier gedruckt werden können. Es gab eine Zeit in 2025, wo ich mir Montags morgens keinen Arzttermin geben ließ, weil pünktlich um 8:00 Uhr Tausende Praxen ihre Heilberufeausweise an der TI anmelden und dann GKV-Karten einlesen wollten und die TI streikte. Dann ging nichts mehr.
Hat sich aber alles gebessert – die Technik läuft – abgesehen von wiederkehrenden TI-Störungen, ablaufenden Zertifikaten in der Praxis-Hardware oder in den Heilberufeausweisen (aber das ist ein anderes Thema, was ich mal separat behandeln will). Momentan sieht es diesbezüglich halbwegs gut aus.
Seit dem 1. Oktober 2025 sind wir bei Ärzten "flächendeckend" mit der ePA im Einsatz (siehe Elektronische Patientenakte (ePA) ab heute (1. Okt. 2025) für Praxen flächendeckend). Ab dem 1. Januar 2026 müssen Ärzte zudem die elektronische Patientenakte für gesetzlich Versicherte (GKV-Versicherte) anbieten, wenn sie keine Honorarabzüge der Kassenärztlichen Vereinigung riskieren wollen. Wir haben nun Anfang Februar 2026, Zeit, mal einen kurzen Blick auf die Sachlage zu werfen.
Dass Sicherheitsexperten Ende 2025 der ePA immer noch Probleme bescheinigten, geschenkt, manchmal musst Du groß denken. Dass die ePA längst nicht die versprochenen Funktionen besitzt und diese wohl auch nicht bekommen wird? Ist nur was für kleine Geister.
Zweifel an dem Ganzen hatte ich letztmalig im Beitrag ePA-Risiken? Fragen Sie Ihren Arzt geäußert. Es geht um den Sinn des Ganzen (wird von einigen Ärzten arg bezweifelt), oder gelöschte ePA-Akten beim Kassenwechsel, die beim Stecken der eGK wieder gelesen werden können. Es geht auch um Phantom-Diagnosen, oder um Fragen, wie ePA-Einträge die Zukunft eines Menschen versauen können.
Die Woche traf ich meinen ehemaligen Hausarzt im Wald (ist 2025 in Rente gegangen). Er erzählte mir, dass Fachärzte (er hat welche in der Familie) 14 Euro für die Erstbefüllung der ePA im Behandlungsfall bekommen. Ergo würden diese Ärzte, wenn sie eine ePA vorfinden, irgend einen Befund für den Behandlungsfall einstellen. Der Hausarzt, der die ePA für diesen Behandlungsfall führen soll, bekommt dann nur noch 4 Euro für die Pflege. Den O-Ton der Aussage, in dem ein Haustier aus dem Schweinestall vorkam, gebe ich mal nicht wieder.
Stell dir vor, wir haben ePA und kaum einer nutzt sie?
Viel spannender finde ich, mal die Frage zu stellen, wie gut die ePA eigentlich von den gesetzlich Versicherten genutzt wird? Im Hinterkopf war, dass die 2021 eingeführte ePA als Opt-In-Lösung von 1 % der gesetzlich Versicherten genutzt wurde. Aber seit Anfang 2025 haben wir ja ePA 3.0, und es gilt Opt-out.
Insgesamt wurden ca. 75 Millionen elektronische Patientenakten angelegt. Die Opt-out-Raten der ca. 79 Millionen gesetzlich Versicherten waren marginal (3,8 bis 7 %), siehe meinen Beitrag Elektronischen Patientenakte (ePA) kommt erst im April; und weitere News. Aber zum 22. Juli 2025 hatte ich im Beitrag Elektronische Patientenakte (ePA) derzeit ungenutzt und ein Desaster schon leicht angedeutet, dass die ePA 3.0 nicht so "der Burner" sein dürfte. Dort schrieb ich, dass die Deutsche Presseagentur bei Krankenkassen die Zahlen für die aktive Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) im Juli 2025 abgefragt und folgende Ergebnisse erhalten hat:
- Die Techniker Krankenkasse (TK) hat 11 Millionen ePA-Datensätze anlegen lassen. Davon nutzen aktuell 750.000 Versicherte die elektronische Patientenakte (ePA) aktiv.
- Die Barmer hat 7,8 Millionen ePAs anlegen lassen und gibt an, dass etwa 250.000 Versicherte diese auch aktiv nutzen.
- Elf allgemeine Ortskrankenkassen (AOK) zählen insgesamt 25,8 Millionen angelegte ePAs. Die für eine Nutzung benötigt persönliche Gesundheits-ID wurde bisher von lediglich 200.000 Versichertenn angelegt.
Die Ergebnisse waren in meinen Augen ernüchternd, wir haben Millionen ePA-Datensätze angelegt, genutzt wird das Ganze kaum. Die ePA tangiert offenbar nicht die Lebenswirklichkeit der gesetzlich Krankenversicherten.
Aber das Ganze kann ja noch werden, man muss nur Geduld haben. Wir sind nun ein halbes Jahr weiter, ePA ist verpflichtend und flächendeckend vorhanden. Es sollte sich langsam was gebessert haben?
Ich bin zum 7. Januar 2026 in Zeit Online auf den Artikel Weniger als vier Prozent nutzen die elektronische Patientenakte aktiv gestoßen. Wir haben ca. 75 Millionen elektronische Patientenakten angelegt, einige Milliarden Euro in das System gebuttert (einige Akteure dürften sich nach meiner Meinung so richtig die Finger gerieben haben), und nur magere 3,6 Prozent der Leute nutzen die ePA 3.0 aktiv, um m eigene Gesundheitsdaten einzusehen, ältere Dokumente hochzuladen oder die Zugriffsmöglichkeiten von Ärztinnen und Ärzten zu beschränken.
Die Zeit zitiert bezüglich dieser Nutzungszahl eine Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland bei mehreren großen Krankenkassen, die zusammen deutlich über die Hälfte des Marktes abdecken. Der Nutzungsgrad seit seit Juli 2025 um einen Prozentpunkt angestiegen (obwohl ab 1. Oktober 2025 ePA flächendeckend bei Ärzten im Einsatz ist). Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) hat in diesem Artikel vom 7. Januar 2025 folgende Zahlen, die es von den Krankenkassen erhielt, genannt:
- Techniker Krankenkasse (TK): 11,5 Millionen angelegte elektronischen Patientenakten, aktiv genutzt wird die ePA 3.0 von etwa 850.000 Versicherten (+100.000 seit Juli 2025).
- Barmer: ca. acht Millionen elektronischen Patientenakten angelegt, aktiv genutzt etwa 440.000 ePAs (+190.000 seit Juli 2025).
- Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK): rund 26 Millionen angelegte elektronischen Patientenakten, aktiv durch angelegt Gesundheits-ID genutzt etwa 365.000 ePAs (+165.000 seit Juli 2025).
Gut, man kann es im Positiv-Sprech formulieren: Im Gegensatz zum Opt-in-Model von ePA 2021 ist es uns gelungen, mit dem Opt-out-Modell bei ePA 3.0 die Nutzungsrate von 1 % auf 4 % um 400 % zu steigern – ist doch ein gigantischer Erfolg. Der Betriebswirtschaftler wird dagegen die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Das ist eine gigantische Fehlallokation von Kapital – und wird momentan nur von der KI-Blase übertroffen. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, ePA 3.0 und KI zu kombinieren.
In Teil 2 geht es weiter mit dem Thema – bei der AOK-Bayern wurde gerade irrtümlich elektronische Patientenakten gelöscht.
Artikelreihe:
Wie geht es der ePA? Kaum Nutzung zum Jan. 2026 – Teil 1
Wie geht es der ePA? ePAs bei AOK Bayern irrtümlich gelöscht – Teil 2
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MVP: 2013 – 2016




Haben die kein Backup?
Nennt man sowas nicht auch Abstimmung mit den Füßen? Es hätte doch schon zu denken geben müssen dass beim Opt-In nur 1 % die ePA überhaupt genutzt haben. Dass es jetzt gerade 3 % mehr sind verwundert nicht wirklich. Und mal ganz ehrlich die überwiegende Mehrheit hat auch im Analogzeitalter kaum die Befunde angesehen die zwischen den Ärzten im Arztbrief hin und her gingen. Wieso sollte sich das jetzt plötzlich ändern? Viele Befunde und Laborwerte sind auch nur mit einem medizinischen Wörterbuch oder dem Internet überhaupt einigermaßen verständlich.
Ich würde zum Beispiel gern "aus Interesse" mal hineinschauen. Oder evtl. Zugriffe von Ärzten einschränken.
Jedoch werden mir Felsbrocken in den Weg gelegt:
Bei der AOK benötige ich 3 (!) verschiedene Apps, um mich erstmal anmelden zu können.
Nachdem ich mich dort dann endlich authentifiziert habe und die "Haupt-App" nutzen kann, versuche ich den Punkt ePA zu öffnen… Es erscheinen prominent drei Punkte… Zack, unbekannter Fehler.
Diesbezüglich habe ich nun schon 3x die AOK kontaktiert. ich musste den Vorgang per WLAN und mobilen Daten jedes Mal mit Anleitung der Dame am Telefon durchführen – gleiches Ergebnis.
Zitat: "Ich gebe es an den technischen Support weiter."
Wochen später dann die Nachricht, dass es nun funktionieren sollte.
Pustekuchen. Geht noch immer nicht.
Und so langsam verliere ich die Lust und die Geduld.
So kann das halt auch einfach nix werden.
Selbst auf Arbeit (IT eines Krankenhauses) erleben wir ständig nur Probleme in Bezug auf die TI.
Es ist echt katastrophal.