{"id":183293,"date":"2016-11-01T12:19:17","date_gmt":"2016-11-01T11:19:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.borncity.com\/blog\/?p=183293"},"modified":"2023-04-29T10:40:23","modified_gmt":"2023-04-29T08:40:23","slug":"datenskandal-bist-du-glsern-millionen-daten-von-deutschen-surfern-offen-gelegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.com\/blog\/2016\/11\/01\/datenskandal-bist-du-glsern-millionen-daten-von-deutschen-surfern-offen-gelegt\/","title":{"rendered":"Datenskandal: &lsquo;bist Du gl&auml;sern?&rsquo; Millionen Daten von deutschen Surfern offen gelegt"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" src=\"https:\/\/borncity.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Schutz.jpg\" width=\"40\" height=\"47\" align=\"left\" \/>Gerade wird der n\u00e4chste, heftige Datenskandal in Deutschland ruchbar. Bei einer Recherche haben Journalisten gratis \"Datenproben\" zum 'anonymisierten' Surfverhalten von Millionen Deutschen bekommen. Nat\u00fcrlich lie\u00dfen sich Personen eindeutig identifizieren \u2026 ein paar Details, wer die Daten sammelt und warum niemand etwas gelernt hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Der AOL Datenskandal aus 2006<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/ea213336208f40dc9227a023db532672\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Ich mache mal einen Cut und spule genau einen Tag zur\u00fcck. Im Artikel <a href=\"https:\/\/borncity.com\/blog\/2016\/10\/31\/windows-10-und-das-datenschutzproblem-in-firmen\/\">Windows 10 und das Datenschutzproblem in Firmen<\/a> massiere ich das Thema Telemetriedaten\u00fcbertragung &amp; Co. in Windows 10 und komme zum Schluss: Geht gar nicht. Prompt kommt die Argumentation \"ist doch alles anonymisiert\". Beim Schreiben des Blog-Beitrags m\u00fcssen mich hellseherische F\u00e4higkeiten umgeben haben. Dann ich habe mich Sonntag (als der Blog-Beitrag in den Grundz\u00fcgen entstand) an einen alten AOL-Datenskandal erinnert und Im Blog gesucht. Am 3. Januar 2011 habe ich im Beitrag <a href=\"https:\/\/borncity.com\/blog\/2011\/01\/03\/privatsphre-beim-suchen-wahren\/\">Privatsph\u00e4re beim Suchen wahren<\/a> \u00fcber das Thema geschrieben. Zitat aus dem Beitrag:<\/p>\n<blockquote><p>Wer nun meint, \"ist doch unkritisch, was ich suche\", mag sich einfach mal den als AOL-Datenskandal bekannt gewordenen Fall zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Auch harmlos klingende Anfragen wie nach den \"anonymen Alkoholikern\" oder Suchen nach bestimmten Selbsthilfegruppen k\u00f6nnen, in Kombination mit weiteren Suchanfragen,sehr schnell zu einem Profil verdichtet werden, welches detaillierte Ausk\u00fcnfte \u00fcber individuelle Merkmale gew\u00e4hrt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Fall spielt im im August 2006, also fast genau vor einem Jahrzehnt. Der damalige Online-Riese America Online (AOL) kam auf die Schnapsidee, die anonymisierten Surfdaten von 658.000 Kunden auf einer Seite f\u00fcr Forschungszwecke bereitzustellen. Die Kunden waren zwar mittels einer ID anonymisiert. Aber es dauerte nur wenige Tage, bis findige Journalisten an Hand der Suchbegriffe einen Nutzer identifiziert hatten. Bei Cnet gibt es <a href=\"https:\/\/www.cnet.com\/news\/aol-apologizes-for-release-of-user-search-data\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> einen Beitrag und die New York Times beschreibt <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220615181223\/https:\/\/www.nytimes.com\/2006\/08\/09\/technology\/09aol.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> die Aufdeckung der Identit\u00e4t von AOL-Kunde Nummer 4417749. AOL zog zwar die Daten zur\u00fcck und feuerte einige Mitarbeiter. Aber die Daten kursierten im Internet (<a href=\"https:\/\/www.somethingawful.com\/weekend-web\/aol-search-log\/1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> gibt es einen Auszug).<\/p>\n<h3>Anno 2016, Deutschland, Big Data und die deutschen Surfer<\/h3>\n<p>Na ja, die Amis sind ja auch beliebig doof, Datenschutz kennen die nicht, und wir sind hier ja in Deutschland. Reporter des NDR sowie des Magazins Zapp haben sich &#8211; f\u00fcr eine, heute Abend erscheinende Panorama-Sendung \u2013 als Schein-Firma im Big-Data-Gesch\u00e4ft ausgegeben und mehrere Firmen im Bereich \"Erfassung von Surfdaten\" kontaktiert. Vorgebliches Ziel: Ein gr\u00f6\u00dferes Datenpaket mit anonymisierten Surfdaten von deutschen Nutzern zu kaufen. Im Rahmen der Aktion wurden gratis Probepakete mit den Surfdaten von 3 Millionen Deutschen im August 2016 \u00fcbermittelt. Ein Excerpt wurde vom NDR als <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/netzwelt\/Nackt-im-Netz-Millionen-Nutzer-ausgespaeht,nacktimnetz100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nackt im Netz: Millionen Nutzer ausgesp\u00e4ht<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Man ahnt es schon: Durch ein wenig Datenrecherche (wie damals bei AOL) konnten die Personen hinter den anonymisierten Datens\u00e4tzen identifiziert werden. Darunter, neben Lieschen M\u00fcller auch Manager, Richter, Journalisten.<\/p>\n<ul>\n<li>Bei einem Manager aus Hamburg wurde auch eine Link auf einen Online-Speicher-Dienst in den Suchergebnissen gefunden. Wer den Link kannte, konnte Architektenpl\u00e4ne zum Hausbau, Kontoausz\u00fcge, Lohnabrechnungen mit Hinweisen auf das Bonussystem des Arbeitgebers und sogar eine Kopie des Personalausweises abrufen. Der gute Mann hatte kein Passwort zum Online-Speicher gesetzt. E-Mail-Adresse des Managers sowie dessen Anschrift samt der Adresse der Ehefrau waren selbstredend mit dabei.<\/li>\n<li>Rekonstruiert wurden auch Details zu laufenden polizeilichen Ermittlungen, den sado-masochistischen Vorlieben eines Richters, wie heise.de <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Daten-zu-Surfverhalten-von-Millionen-Deutschen-als-kostenlose-Probe-3451556.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier schreibt<\/a>. Aber auch die internen Umsatzzahlen eines Medienunternehmens und Internetsuchen zu Krankheiten, Prostituierten und Drogen lie\u00dfen sich aus den \"anonymisierten Daten\" extrahieren. Quelle ist offenbar <a href=\"https:\/\/mobilsicher.de\/hintergrund\/datenhandel-aufgedeckt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dieser Beitrag<\/a> von mobilsicher.de, die an der Recherche beteiligt waren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Daten werden teilweise durch ausl\u00e4ndische Anbieter erfasst und \u00fcber dubiose Adressh\u00e4ndler an die Werbeindustrie vertrieben.<\/p>\n<h3>Wie kommen die Firmen an die Daten?<\/h3>\n<p>Ja nee, is klar, die p\u00f6sen Cookies und das User-Tracking sind schuld. Nicht wirklich, die Panorama-Autoren geben an, dass es Browser-Addons sind, die Daten \u00fcber das Surfverhalten aufzeichnen und an die Entwickler melden. Konkret:\u00a0Die Erfassung erfolgt oft durch vom Benutzer installierte Search-Bars oder Browsererweiterungen zum Verwalten von Downloads oder zum Pr\u00fcfen der Sicherheit von Webseiten.<\/p>\n<p><strong>Nachtrag:<\/strong> Bei Panorama gibt man keine Namen von Erweiterungen preis. Aber Golem listet in <a href=\"http:\/\/www.golem.de\/news\/browser-addons-browserverlaeufe-von-millionen-deutschen-nutzern-verkauft-1611-124171.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diesem Beitrag <\/a>zum Thema\u00a0die Namen der beliebtesten Firefox-Browser-Erweiterungen auf. Ganz aufschlussreich. Und es gibt bei heise.de den Artikel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Millionen-Surf-Profile-Daten-stammen-angeblich-auch-von-Browser-Addon-WOT-3453820.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Millionen Surf-Profile: Daten stammen angeblich auch von Browser-Addon WOT<\/a>. WOT steht f\u00fcr \"\"Web of Thrust\" und tageschau.de <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20170922092326\/https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/tracker-online-103.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meldet hier<\/a>, dass das Tool die Nutzer aussp\u00e4ht. Zitat:<\/p>\n<blockquote><p>Reporter des NDR konnten in einer Stichprobe zeigen, dass die Browser-Erweiterung \"Web of Trust\" (\"WOT\") im gro\u00dfen Stile Nutzerdaten aussp\u00e4ht und offenbar an Dritte weitergibt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch \u00fcber Adware-Blocker k\u00f6nnte man sich Gedanken machen. Speziell zu Ghostery h\u00e4tte ich <a href=\"http:\/\/t3n.de\/news\/tracking-blocker-ghostery-405808\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>\u00a0noch einen Beitrag. Und damit sind wir erneut beim Kernproblem: Die Nutzer holen sich freiwillig die Datensammler in Form von Browser-Erweiterungen aufs System. Da wird noch in Foren rum geprollt, welch Cleverle man sei, und gleichzeitig flie\u00dfen die Daten ab. <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/forum\/heise-online\/News-Kommentare\/Daten-zu-Surfverhalten-von-Millionen-Deutschen-als-kostenlose-Probe\/Zur-Erinnerung-Browser-Addons-und-NICHT-Tracking\/posting-29435543\/show\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dieser Kommentar <\/a>bei heise.de bringt es imho auf den Punkt.<\/p>\n<h3>Doof f\u00fcr die Betroffenen<\/h3>\n<p>Als Betroffener hat man bei dieser Konstellation faktisch keine Chance, sich juristisch gegen\u00fcber den ausl\u00e4ndischen Adresssammlern zu wehren \u2013 selbst, wenn deren Verhalten illegal ist.<\/p>\n<blockquote><p>Der zweite Skandal hinter dem Skandal: Die Politik in Deutschland und der EU tut da genau nichts. Wenn Du die Fr\u00f6sche weg haben willst, musst Du den Teich trocken legen. Den Bezug von solchen Daten durch die Werbeindustrie unter Strafe stellen w\u00fcrde den Teich trocken legen. Den Handel k\u00f6nnte man auch sanktionieren \u2013 wenn ein Wille da ist, klappt das \u2013 auch wenn Firmen im Ausland sitzen.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Wie kann man sich sch\u00fctzen?<\/h3>\n<p>Es klang ja bereits an: Wer auf Browser-Erweiterungen aller Art setzt, muss sich nicht wundern, wenn sein Surfverhalten ausspioniert wird. Und wenn ich mir meinen <a href=\"https:\/\/borncity.com\/blog\/2016\/10\/31\/windows-10-und-das-datenschutzproblem-in-firmen\/\">Windows 10 und das Datenschutzproblem in Firmen<\/a> so anschaue, scheine ich nicht so ganz daneben gelegen zu haben, wenn vor diesem Produkt warne (und von begeisterten Privatnutzern nur Kopfsch\u00fctteln oder verbale Angriffe 'ich w\u00fcrde Windows 10 nur schlecht machen' ernte). Ich m\u00f6chte zwar nicht so weit gehen, heute zu behaupten: Microsoft vertickt die Daten an Adressh\u00e4ndler. Aber niemand wei\u00df, was wir in 5 oder 10 Jahren erleben oder aufgedeckt haben \u2026<\/p>\n<p>Konkret kann man sich mit wenigen Ma\u00dfnahmen schon mal selbst ein St\u00fcck anonymisieren. Einfach keine Browser-Erweiterungen installieren., w\u00e4re mein Ratschlag. Hier ist kein einziges Add-On installiert und ich wurde auch noch nicht von der Werbemafia beim Besuch einer Webseite erschlagen oder entf\u00fchrt. Auch hilfreich: M\u00f6glichst nicht st\u00e4ndig an sozialen Netzwerken angemeldet surfen. H\u00e4ufiger den Privatmodus des Browsers verwenden und vor allem anonymisierte Suchmaschinen verwenden.<\/p>\n<p>Die Site mobilsicher.de, die die Panorama-Recherche begleitete, hat <a href=\"https:\/\/mobilsicher.de\/hintergrund\/datenhandel-aufgedeckt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einen Ratgeber ver\u00f6ffentlicht<\/a>, was man sonst noch tun kann. Pers\u00f6nlich halte ich einige dieser Aussagen aber f\u00fcr etwas zu abgehoben \u2013 da muss man sich echt mit besch\u00e4ftigen (unter Android oder iOS zum Beispiel). Und im Kontext der obigen Ausf\u00fchrungen h\u00e4tten die App-Optimierungen bei Browser-Add-Ons auf Desktops nichts gebracht. Also: Bis bald, wenn der n\u00e4chste gro\u00dfe Datenskandal \u00fcberschwappt und wir feststellen, es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Wird imho keine 10 Jahre mehr dauern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade wird der n\u00e4chste, heftige Datenskandal in Deutschland ruchbar. Bei einer Recherche haben Journalisten gratis \"Datenproben\" zum 'anonymisierten' Surfverhalten von Millionen Deutschen bekommen. 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