{"id":224967,"date":"2019-11-18T01:12:57","date_gmt":"2019-11-18T00:12:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/?p=224967"},"modified":"2022-05-20T17:56:08","modified_gmt":"2022-05-20T15:56:08","slug":"shanghai-die-geisterschiffe-und-das-gps-spoofing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.com\/blog\/2019\/11\/18\/shanghai-die-geisterschiffe-und-das-gps-spoofing\/","title":{"rendered":"Shanghai, die Geisterschiffe und das GPS-Spoofing"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" src=\"https:\/\/borncity.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Schutz.jpg\" width=\"40\" height=\"47\" align=\"left\" \/>In Shanghai gibt es wohl ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/GPS-Spoofing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">GPS-Spoofing<\/a>-Problem, welches die Schifffahrt beeintr\u00e4chtigt, wie ein Bericht jetzt offen legt. Kapit\u00e4ne k\u00f6nnen sich auf die GPS-Anzeige anderer Schiffe nicht mehr verlassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/57820a0073ed445da2c0fc7cc0c0fd30\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Houston, wir haben ein Problem, so l\u00e4sst sich das Ganze umschreiben, was wohl im Hafen von Shanghai passiert. <script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>Die GPS-Positionsbestimmung funktioniert dort nicht mehr, weil sie gezielt gest\u00f6rt wird.<\/p>\n<h2>Worum geht es?<\/h2>\n<p>Nach internationalem Recht m\u00fcssen alle (mit Ausnahme der kleinsten) kommerziellen Schiffe Transponder des automatischen Identifikationssystems (AIS) installieren. Alle paar Sekunden \u00fcbertragen diese Ger\u00e4te ihre Identit\u00e4t, Position, Kurs und Geschwindigkeit und zeigen AIS-Daten von anderen Schiffen in der Region an, was dazu beitr\u00e4gt, die \u00fcberf\u00fcllten Wasserstra\u00dfen sicher zu halten. Die Positionsdaten f\u00fcr diese Transponder stammen von GPS-Satelliten.<\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.technologyreview.com\/s\/614689\/ghost-ships-crop-circles-and-soft-gold-a-gps-mystery-in-shanghai\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">diesem Artikel<\/a> beschreibt die US-Site Technology Review aber ein GPS-Problem an einem konkreten Fall. In einer lauen Sommernacht im Juli 2018 steuerte das US-Containerschiff MV Manukai den Hafen von Shanghai, nahe der M\u00fcndung des Huangpu-Flusses, an. Bei der Einfahrt in den Hafen beobachtete der Kapit\u00e4n seine Navigationsbildschirme genau, denn es ist eine stark von Schiffen befahrene Gegend.<\/p>\n<p>Laut den Navigationsbildschirme auf der Manukais befuhr ein anderes Schiff mit etwa sieben Knoten den gleichen Kurs. Pl\u00f6tzlich verschwand das andere Schiff aus dem AIS-Display. Wenige Minuten sp\u00e4ter zeigte der Bildschirm das andere Schiff zur\u00fcck am Dock. Dann war es wieder im Einfuhrkanal und bewegte sich wieder, Sekunden sp\u00e4ter lag es wieder am Dock, und so weiter. Als der Kapit\u00e4n sein Fernglas zur Hand nahm, konnte er erkennen, dass das andere Schiff die ganze Zeit station\u00e4r am Dock lag. Die Anzeige des AIS-Navigationssystems hatte gesponnen.<\/p>\n<p>Als das Containerschiff Manukai seinen eigenen Liegeplatz ansteuern wollte, gingen auf dessen Br\u00fccke mehreren Alarme los. Die beiden, aus Redundanzgr\u00fcnden installierten, GPS-Empf\u00e4nger des Schiffes hatten das GPS-Signal verloren, und der AIS-Transponder war ausgefallen. Selbst ein Notfallsystem, das gerade auf GPS umger\u00fcstet worden war, funktionierte nicht mehr.<\/p>\n<p>Der Kapit\u00e4n konnte zwar sein Containerschiff sicher im Hafen andocken, fertigte aber einen Bericht \u00fcber den Vorfall an, den er an das Navigation Center der US-K\u00fcstenwache schickte. Die sammeln <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20201107171735\/https:\/\/navcen.uscg.gov\/?Do=GPSReportStatus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berichte \u00fcber Ausf\u00e4lle des GPS-Systems<\/a>. Selbst als das Containerschiff Manukai am Dock festlag, zeigte das AIS-System mehrmals am Tag eine falsche Position, mehr als drei Kilometer entfernt an. <a href=\"https:\/\/www.maritime-executive.com\/editorials\/gps-jamming-and-spoofing-at-port-of-shanghai\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diese Marineseite berichtete<\/a> bereits im August 2019 dar\u00fcber, ohne aber in die nachfolgenden Details zu gehen. Auch <a href=\"https:\/\/rbtus.com\/u-s-coast-guard-warns-of-cyber-attack-electronic-interference-threats-to-commercial-vessels\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die US-K\u00fcstenwache warnt vor Angriffen<\/a> auf das GPS-Positionssystem kommerzieller Schiffe.<\/p>\n<h2>GPS-Spoofing aufgeflogen?<\/h2>\n<p>Der Vorfall in Shanghai mit dem Containerschiff Manukai w\u00e4re als Interferenz oder tempor\u00e4res Problem in den Akten verschwunden, wenn nicht ein Tipp aus der Schifffahrtsbranche auf dem Schreibtisch eines Forschers am Center for Advanced Defense Studies (<a href=\"https:\/\/c4ads.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">C4ADS<\/a>) in Washington, DC, gelandet w\u00e4re. Das ist einer gemeinn\u00fctzigen Organisation, die globale Konflikte und Sicherheitsfragen analysiert. Der Tipp, von einer Quelle aus der Schifffahrtsbranche, deutete darauf hin, dass jemand in Shanghai GPS-Signale f\u00e4lscht.<\/p>\n<p>Dies war das erste Mal, dass das C4ADS von weit verbreiteten maritimen GPS-Spoofing-Ma\u00dfnahmen geh\u00f6rt hatte, die nicht offensichtlich mit den Russen in Verbindung stehen. Einige Monate zuvor hatte das Unternehmen einen Bericht ver\u00f6ffentlicht, der detailliert darlegte, wie Russland GPS-Jamming auf der Krim, im Schwarzen Meer, in Syrien, Norwegen und Finnland einsetzte (siehe auch die Beitr\u00e4ge <a href=\"https:\/\/augengeradeaus.net\/2019\/11\/merkposten-gps-spoofing-in-shanghai\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>, <a href=\"https:\/\/apps.derstandard.de\/privacywall\/story\/2000100869788\/studie-belegt-massive-gps-manipulationen-durch-russland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> und hier (gel\u00f6scht)). Es enthielt auch Beweise daf\u00fcr, dass ein russisches mobiles elektronisches Kampfteam die GPS-Signale w\u00e4hrend der \u00f6ffentlichen Auftritte von Pr\u00e4sident Putin gest\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Auf Grund des Tipps untersuchten die C4ADS-Forscher die Aufzeichnung der AIS-Daten. Diese kann man von einem Startup kaufen, welches AIS-Daten der ganzen Welt aufzeichnet. Die Analysten stellten fest, dass die Angriffe auf das GPS AIS-System im Sommer 2018 begonnen hatten und im Laufe der Monate zunahmen. Die st\u00e4rksten St\u00f6rungen wurden genau an dem Tag im Juli verzeichnet, an dem der Kapit\u00e4n der Manukais \u00fcber Schwierigkeiten berichtete. An diesem Tag wurden fast 300 Schiffspositionen in Shanghai gef\u00e4lscht. W\u00e4hrend die St\u00f6rung Schiffe direkt in Shanghai betraf, bezogen sich die meisten dieser gef\u00e4lschten Schiffspositionen auf Schiffe, die den Fluss Huangpu befuhren.<\/p>\n<p>Die Recherchen und bisher unbekannte Daten zeigen, dass das Containerschiff Manukai und Tausende anderer Schiffe in Shanghai im letzten Jahr Opfer von GPS-Spoofing wurden. Was die Forscher aber sahen, als sie die Daten in Karten einzeichneten, war anders, als was sie bisher beim russischen GPS-Spoofing beobachtet hatten. Bei den Russen wurden die Schiffe virtuell per GPS-Spoofing an einen Punkt verschoben. In Shanghai zeigten die Daten, dass die Schiffspositionen alle paar Minuten ringf\u00f6rmig zum Ostufer des Huangpu sprangen. Auf einer Visualisierung der tage- und wochenlangen Daten schienen sich die Schiffe in gro\u00dfen Kreisen zu versammeln. Ich bin die Tage \u00fcber Twitter auf das Thema aufmerksam geworden. Nachfolgender Tweet zeigt eine solche Karte (<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20211221053937\/https:\/\/cdn.technologyreview.com\/v\/files\/comp-1-2.mp4?sw=1272\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier ist ein Video<\/a>, was das Ganze dynamisch zeigt).<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"en\">Ghost ships, crop circles, and soft gold: A GPS mystery in Shanghai <a href=\"https:\/\/t.co\/NZ6E1kejiv\">https:\/\/t.co\/NZ6E1kejiv<\/a><\/p>\n<p>\u2014 Aryeh Goretsky (@goretsky) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/goretsky\/status\/1195573263855845376?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 16, 2019<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Da in Shanghai viele Radfahrer ihre Fahrten \u00fcber Fitness-Apps aufzeichnen, die ihrerseits auf GPS basieren, haben die Forscher deren Daten analysiert. Die Daten kann man z.B. auf <a href=\"https:\/\/www.strava.com\/heatmap#7.00\/-120.90000\/38.36000\/hot\/all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Strava als Heatmap<\/a> abrufen. Beim Zoomen auf Shanghai konnten die C4ADS-Analysten die gleichen mysteri\u00f6sen Kreise auf der Heatmap von Strava sehen. Die Spoofing-Angriffe betrafen alle GPS-Ger\u00e4te, nicht nur die von Schiffen.<\/p>\n<p>Am 5. Juni dieses Jahres kam es zu einem Unfall, als die Run 5678, ein Flussfrachter, ein kleineres Schiff auf dem Huangpu, zu \u00fcberholen versuchte. Der Flussfrachter \u00fcberholte das kleine Schiff, kollidierte aber direkt mit der New Glory (chinesischer Name: Tong Yang Jingrui), ein Frachter, der auf dem Weg nach Norden war. Die New Glory verlor dadurch die Kontrolle und fuhr in die Uferpromenade, wobei zahlreiche Fu\u00dfg\u00e4nger ihren Abendspaziergang unternahmen.<\/p>\n<p>Untersuchungen ergaben, dass die AIS-Positionsdaten der New Glory in Shanghai in den sechs Monaten vor der Kollision mindestens f\u00fcnfmal gef\u00e4lscht wurde. Ein Angriff wrude weniger weniger als zwei Wochen zuvor nachgewiesen, obwohl unklar ist, ob beim Unfall auch Daten verf\u00e4lscht worden waren. Die Analyse der AIS-Daten zeigen am gleichen Tag aber ein halbes Dutzend Angriffe auf andere Schiffe in der Stadt. Sogar die Shanghaier Wasserschutzpolizei, die Huangpu Maritime Safety Administration (MSA), war fast t\u00e4glich Spoofing-Angriffen ausgesetzt. Die Daten zeigen, dass die Positionsdaten eines seiner Patrouillenboote in neun Monaten mindestens 394 Mal gef\u00e4lscht wurden.<\/p>\n<h2>Zweck des GPS-Jamming unklar<\/h2>\n<p>Die C4ADS-Forscher teilten die Ergebnisse mit Todd Humphreys, Direktor des Radionavigation Laboratory an der University of Texas at Austin und eine f\u00fchrende Autorit\u00e4t f\u00fcr GPS-Hacking. Humphreys untersuchte die Daten, aber je genauer er schaute, desto verwirrter wurde er. \"Es ist eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Technologie, Positionsdaten mehrere Schiffe gleichzeitig in einen Kreis zu verschieben. Es sieht nach Magie aus\", sagte er. Im September zeigte Humphreys eine Visualisierung der Daten auf der weltweit gr\u00f6\u00dften Konferenz f\u00fcr Satellitennavigationstechnologie, ION GNSS+ in Florida. \"Den Leuten fiel die Kinnlade herunter, als ich ihnen dieses Muster des Spoofing zeigte\", sagte er. \"Sie begannen, es Kornkreise zu nennen.\"<\/p>\n<p>Bisher wei\u00df niemand, wer hinter diesem GPS-Spoofing steckt oder was sein eigentlicher Zweck sein k\u00f6nnte. Es k\u00f6nnte sich um eine mysteri\u00f6se neue Waffe handeln, die in der Lage ist, GPS-Systeme in einer noch nie dagewesenen Weise zu manipulieren. Die Spekulation geht dahin, dass diese Schiffe unfreiwillige Testkandidaten f\u00fcr ein ausgekl\u00fcgeltes elektronisches Kampfsystem gewesen sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Oder es waren Kollateralsch\u00e4den in einem Konflikt zwischen Umweltkriminellen und dem chinesischen Staat, der bereits Dutzende von Schiffen und Menschenleben gefordert hat. Der Hintergrund ist der Flusssand des Yangtze, der in der Bauindustrie begehrt ist. In den Jahren des Bauboom in den achtziger und neuziger Jahren wurde der Sand f\u00fcr die Bauindustrie verwendet. Im Jahr 2000 wurde die F\u00f6rderung von Flusssand aber aus Umweltschutzgr\u00fcnden von den Beh\u00f6rden verboten. Gut m\u00f6glich, dass der verungl\u00fcckte Frachter das AIS-Signal durch GPS-Spoofing verschleierte, um seine Fahrt zu tarnen.<\/p>\n<p>Das ist allerdings ein gro\u00dfen Problem, denn ein gro\u00dfer Teil moderner Technik, von der Kontrolle des Schiffsverkehrs bis hin zur Luftfahrt basieren darauf, dass die GPS-Positionsbestimmung zuverl\u00e4ssig funktioniert. Momentan ist eines sicher: Es gibt einen unsichtbaren elektronischen Krieg um die Zukunft der GPS-Navigation in Shanghai, und die GPS-\u00dcberwachung der Schiffe hat diesen Krieg verloren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Shanghai gibt es wohl ein GPS-Spoofing-Problem, welches die Schifffahrt beeintr\u00e4chtigt, wie ein Bericht jetzt offen legt. 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