Der Aufbau des vierten deutschen Mobilfunknetzes durch 1&1 Drillisch gilt als eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte der europäischen Telekommunikationsbranche. Für die Tochtermarken wie winSIM und PremiumSIM bedeutet dies eine doppelte Belastungsprobe: der Umzug vom langjährigen Telefónica-Roaming (O2) zu Vodafone und parallel die Aktivierung des eigenen 5G-Open-RAN-Netzes. Zwar hat das Unternehmen zentrale regulatorische Meilensteine bis Ende 2025 erreicht – doch die technische Realität im Frühjahr 2026 zeigt: Der Weg zur Netzautonomie ist von erheblichen Hürden gesäumt.
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Technikpannen und der 5G-Ausfall im April 2026
Im April 2026 geriet der 5G-Rollout für winSIM und andere Drillisch-Marken ins Stocken. Ein geplantes Update musste nach einem schwerwiegenden technischen Fehler gestoppt werden, der bei zahlreichen Nutzern zu massiven Empfangsproblemen führte. Betroffene Kunden berichteten von eingeschränkter Internetverbindung oder zeitweisem Totalausfall. Die Provider entschuldigten sich und versicherten, dass Surfen und Telefonieren für die meisten funktionieren würden. Einen konkreten Zeitplan für die endgültige 5G-Aktivierung bei allen Kunden gab es im Frühjahr 2026 jedoch nicht.
Die Panne reiht sich ein in eine Serie technischer Schwierigkeiten, die bereits früher bekannt wurden. Schon im November 2025 räumten 1&1-Manager ein, dass die Migration während des Jahres 2024 und Anfang 2025 stark eingeschränkt war. Grund war eine unerwartete Unterdimensionierung einzelner Netzkomponenten, die erst behoben werden musste, bevor der Umzug im vierten Quartal 2024 in größerem Maßstab wieder aufgenommen werden konnte. Zwar gelang es dem Unternehmen, bis zum 11. November 2025 alle 12,48 Millionen Kunden in das eigene Kernnetz zu migrieren – doch die Stabilität des Übergangs bleibt umstritten.
Frequenz-Umstellung und Roaming-Probleme: Wenn das Handy den Dienst quittiert
Die Umstellung auf 5G verläuft für viele Endkunden alles andere als reibungslos. Ein zentraler Grund sind die sogenannten Frequenz-Umwidmungen. Als 1&1 begann, bestimmte 4G-Frequenzen für das 5G-Netz umzunutzen, verloren Kunden mit älteren Smartphones den Zugang zu optimalen Signalen. Besonders betroffen waren günstigere oder ältere Modelle, deren Modems nur einen begrenzten Bereich an 4G-Bändern unterstützten.
Hinzu kommen Probleme beim Roaming-Wechsel. In Gebieten, in denen 1&1 noch keine eigenen Antennen betreibt, müssen die Kunden auf das Vodafone-Netz ausweichen. Berichte aus dem Frühjahr 2025 zeigen: In Städten wie Hamburg und München stellten winSIM-Nutzer fest, dass die Vodafone-Signalstärke unter der früheren O2-Versorgung lag. Die Folge: Verbindungsabbrüche und Rückfälle auf 2G/EDGE-Geschwindigkeit.
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Auch softwarebasierte Fehler traten auf. Im Februar 2025 dokumentierten Nutzer hartnäckige Bugs bei RCS (Rich Communication Services) und SMS nach dem Netzwechsel. Einige Kunden verloren zudem spezielle Roaming-Optionen wie etwa das inkludierte Datenvolumen für die Schweiz, das beim SIM-Kartentausch auf EU-Standard-Roaming zurückgesetzt wurde – mitunter mit unerwarteten Kosten.
Meilensteine erreicht, aber noch nicht am Ziel
Trotz der Probleme hat die 1&1-Gruppe ihre regulatorischen Kernziele erreicht. Bis Dezember 2025 versorgte das Unternehmen 25 Prozent der deutschen Haushalte mit dem eigenen 5G-Netz – die erste von der Bundesnetzagentur (BNetzA) geforderte Auflage war erfüllt. Bis März 2026 stieg die Abdeckung auf rund 27 Prozent.
Die erfolgreiche Migration aller 12,48 Millionen Kunden bis November 2025 erlaubte dem Unternehmen die „wettbewerbliche Unabhängigkeit“, eine Bedingung seiner 5G-Lizenz. Strategisch ist dies entscheidend, denn es reduziert die langfristige Abhängigkeit von Konkurrenznetzen und senkt hohe Mietgebühren.
Die Netzqualität erhielt zudem externe Bestätigung: Im Connect-Mobilfunktest 2026 bekam 1&1 die Note „sehr gut“. Das zeigt, dass die Open-RAN-Architektur grundsätzlich leistungsfähig ist – trotz der lokalen und gerätespezifischen Probleme während der Migration. Allerdings zeigten die Finanzberichte von Ende 2025, dass die Kosten für das Vodafone-Nationalroaming etwas höher ausfielen als geplant. Grund war unter anderem der langsamere Ausbau der Vodafone-Infrastruktur in bestimmten Regionen.
Strategischer Hintergrund: Streit um Antennenstandorte
Die Probleme der Drillisch-Marken sind eingebettet in einen größeren Konflikt zwischen 1&1 und seinen Infrastrukturpartnern. Das Unternehmen führt seit längerem einen Rechtsstreit mit der Konkurrenz um Verzögerungen bei der Bereitstellung von Antennenstandorten. Das Bundeskartellamt stellte fest, dass Verzögerungen bei vertraglich vereinbarten Standorten als wettbewerbswidriges Hindernis gewertet werden könnten. 1&1 sieht in diesen Verzögerungen den Hauptgrund für den langsamen Start des 5G-Basisstationsausbaus.
Ende 2025 passte 1&1 zudem seine Investitionsplanung an und verschob rund 50 Millionen Euro in das Geschäftsjahr 2026. Grund waren Projekte, die erst im ersten Quartal 2026 abgeschlossen werden sollten. Finanziell blieb der Kundenstamm 2025 stabil, doch der aufwendige Migrationsprozess drückte das EBITDA im Zugangssegment: In den ersten neun Monaten 2025 fiel es auf rund 611 Millionen Euro.
Ausblick: 35 bis 40 Prozent Haushaltsabdeckung bis Jahresende
Das Hauptziel für 2026 ist der Ausbau der Haushaltsabdeckung und der Erwerb von Niederfrequenz-Spektrum. Auf dem Mobile World Congress im März 2026 kündigte das Unternehmen an, bis Jahresende 35 bis 40 Prozent der deutschen Haushalte erreichen zu wollen. Die Obergrenze dieses Ziels hängt jedoch vom Zugang zu niedrigen Frequenzbändern im Bereich 700, 800 und 900 MHz ab – diese sind entscheidend für bessere Indoor-Versorgung und die Erschließung ländlicher Gebiete.
Für winSIM- und Drillisch-Kunden wird die Stabilität des 5G-Dienstes maßgeblich davon abhängen, ob die Update-Fehler vom April 2026 behoben werden und die geplanten tausenden Antennenstandorte ans Netz gehen. Derzeit betreibt 1&1 rund 1.500 Antennenstandorte, weitere etwa 4.500 befinden sich in verschiedenen Entwicklungsstadien. Sobald diese in Betrieb gehen, sinkt die Abhängigkeit vom Vodafone-Roaming – und die lokalen Versorgungslücken, die die Migrationsphase prägten, könnten der Vergangenheit angehören.

