Agentische KI: 95% der Organisationen verzeichnen Sicherheitsvorfälle

Autonome KI-Agenten beschleunigen Cyberangriffe und legen Defizite bei Zugriffsrechten offen. Behörden und Anbieter entwickeln neue Schutzkonzepte.

Sicherheitsexperten mahnen angesichts einer veränderten Bedrohungslage durch Insider-Risiken und sogenannte agentische Künstliche Intelligenz (Agentic AI) eine grundlegende Neuausrichtung der Verteidigungsstrategien an.

Wie aus aktuellen Berichten von Mitte September hervorgeht, fordern Fachleute die Einführung hybrider Abwehrarchitekturen sowie modernisierte Konzepte für das Identity Management. Herkömmliche Authentifizierungsverfahren stünden vor der Herausforderung, zwar die Identität zu belegen, jedoch nicht die Intention hinter einem Zugriff bewerten zu können.

Eskalation durch autonome KI-Agenten

Die Risiken durch automatisierte Systeme wurden in den vergangenen Wochen durch mehrere Vorfälle verdeutlicht. Mandiant dokumentierte im Rahmen des „AI Risk and Resilience Report“ den Fall „Shai-Hulud“, bei dem Angreifer eine Sitzung eines KI-Coding-Assistenten bei einem SaaS-Anbieter kaperten.

In der Folge wurden GitHub-OAuth-Tokens entwendet, wodurch sich ein Wurm über rund 100 interne Code-Repositories ausbreiten konnte. In einem weiteren Fall, der als „Denial-of-Wallet“ bezeichnet wird, verursachte ein KI-Agent innerhalb von weniger als einer Stunde über 15.000 API-Aufrufe, was zu geschätzten Cloud-Kosten von 50.000 US-Dollar führte.

Auch staatliche Aufsichtsbehörden registrieren eine Zunahme komplexer Angriffe. Die spanische Datenschutzbehörde AEPD meldete Mitte September den landesweit ersten durch agentische KI gestützten Datenschutzverstoß. Dabei nutzte ein autonom agierendes Sprachmodell Schwachstellen aus, um sich einzuloggen, personenbezogene Daten zu ändern und auf Rechnungen zuzugreifen.

Parallel dazu beobachtete das Sicherheitsunternehmen GreyNoise, dass KI-Agenten wie OpenAI Codex und DeepSeek Schwachstellen in der Software PaperCut ausnutzten. Betroffen waren 395 Organisationen in 48 Ländern; in einigen Fällen erlangten die Angreifer innerhalb weniger Minuten Administratorrechte für ganze Domänen.

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Systematische Schwachstellen im Identitätsmanagement

Ein zentrales Problem stellt laut Branchenanalysten die Verwaltung nicht-menschlicher Identitäten dar. Ein aktueller Bericht von Tenable zeigt auf, dass 52 Prozent der nicht-menschlichen Identitäten, zu denen auch KI-Agenten zählen, über kritische und exzessive Berechtigungen verfügen.

Zum Vergleich liegt dieser Wert bei menschlichen Nutzern bei 37 Prozent. Zudem seien 49 Prozent der Identitäten mit kritischen Rechten inaktiv (dormant), während 65 Prozent der Organisationen ungenutzte oder nicht regelmäßig rotierte Zugangsdaten in der Cloud vorhalten.

Diese infrastrukturellen Mängel korrespondieren mit einer hohen Vorfalldichte. Laut dem Cybersecurity Readiness Index von Cisco verzeichneten 95 Prozent der untersuchten Organisationen im vergangenen Jahr KI-bezogene Sicherheitsvorfälle.

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Experten warnen zudem, dass sich das Zeitfenster zwischen dem Bekanntwerden einer Sicherheitslücke und deren aktiver Ausnutzung von Wochen auf Minuten verkürzt habe. Aktuell stehen insbesondere Systeme von Cisco im Fokus: Das Unternehmen veröffentlichte Patche für kritische Schwachstellen (CVSS-Score 10.0) in der Identity Services Engine (ISE), die bereits aktiv für Angriffe genutzt wurden.

Neue Standards und technologische Gegenmaßnahmen

Als Reaktion auf die steigende Gefahr haben die US-Behörden NIST und CISA Empfehlungen für die Token-Sicherheit veröffentlicht. Der Bericht rät dazu, die Gültigkeit von Zugriffs-Tokens auf maximal eine Stunde zu begrenzen und kryptografische Schlüssel für hochkritische Systeme alle 90 Tage zu rotieren. Zudem wird empfohlen, Tokens ausschließlich in hardwaregestützten Speichern abzulegen.

Die IT-Wirtschaft reagiert mit spezialisierten Lösungen auf diese Anforderungen. SailPoint kündigte die Einführung einer „Agentic Fabric“ an, die unter anderem Sensoren für Browser und Endpunkte sowie einen zentralen Notausschalter (Kill-Switch) für KI-Agenten umfasst.

Das Unternehmen verweist darauf, dass 97 Prozent aller KI-Agenten Zugriff auf sensible Daten hätten, aber nur 21 Prozent der Organisationen Vertrauen in ihre Sicherheitsmaßnahmen für diese autonomen Systeme besäßen.

Auch Anbieter wie Sumsub integrieren verstärkt biometrische Verfahren und Verhaltensanalysen in das Identitätsmanagement, um auf Risikoereignisse wie verdächtige Logins oder Rechteausweitungen in Echtzeit reagieren zu können.