Große Softwareanbieter und Fintech-Startups bringen eine neue Generation sogenannter „agentischer“ KI-Tools auf den Markt. Diese Systeme gehen weit über einfache Automatisierung hinaus – sie können eigenständig analysieren, entscheiden und komplexe Aufgaben in Finanz- und Steuerabteilungen übernehmen.
Lucanet und BlackLine treiben die Entwicklung voran
Am heutigen Dienstag hat Lucanet seine intelligente CFO Solution Platform vorgestellt. Das Unternehmen mit über 6.500 Kunden und 900 Mitarbeitern setzt auf eine clevere Trennung: Reine Rechenaufgaben – etwa für Bilanzierungsstandards wie GAAP, IFRS oder CSRD – bleiben strikt von der KI-gesteuerten Entscheidungsfindung getrennt.
Die neue Plattform umfasst mehrere spezialisierte KI-Agenten. Ein „Analyst“ durchforstet Daten, ein „Close“-Agent kümmert sich um Monatsabschlüsse, ein „Modeler“ unterstützt die Finanzplanung. Besonders beeindruckend: Der „Tagger“ reduziert den Aufwand für XBRL-Kennzeichnungen um bis zu 95 Prozent. Weitere Agenten befassen sich mit Berichterstattung und ESG-Emissionsdaten – letztere arbeiten Berichten zufolge fünfmal schneller als manuelle Methoden. CEO Elias Apel und CTO Kevin Smith betonen die Fähigkeit der Plattform, komplexe regulatorische Anforderungen wie ESEF und Pillar 2 zu bewältigen.
Nur einen Tag zuvor hatte BlackLine nachgelegt. Der Anbieter, dem über 4.300 Kunden vertrauen, erweiterte seine Agentic Financial Operations Platform um eine Finance Control Console. Dieses Tool bietet Echtzeit-Transparenz und zentrale Kontrollmöglichkeiten. Entscheidend: Der Mensch bleibt durch umfassende Prüfpfade stets im Loop. Angetrieben wird die Plattform von den Technologien Studio360 und Verity AI, wie CEO Owen Ryan und CTO Jeremy Ung erläuterten.
Milliardeninvestitionen in autonome Finanzsysteme
Der Trend zu agentischer KI lockt gewaltige Summen an. Airwallex sicherte sich am Montag 320 Millionen US-dollar in einer Serie-H-Finanzierungsrunde – das entspricht rund 300 Millionen Euro. Die Bewertung des Unternehmens klettert damit auf 11 Milliarden US-dollar. Angeführt wurde die Runde von Addition, beteiligt waren unter anderem Baillie Gifford, T. Rowe Price und Amex Ventures.
Airwallex nutzte die Ankündigung, um seine T:0-Plattform für autonome Finanzen und Airi, eine agentische Verbraucher-Wallet, hervorzuheben. Das Unternehmen meldet einen annualisierten Umsatz von 1,3 Milliarden US-dollar – ein Plus von 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Auch im Private-Markets-Sektor tut sich etwas: Nomerra sammelte heute zwei Millionen US-dollar in einer Seed-Runde ein. Unter der Führung von 14Peaks Capital soll das Geld in den Ausbau des Engineering-Teams für die KI-Plattform fließen, die Fondsbuchhaltung, Treasury-Operationen und Transfer-Agentur-Aufgaben automatisiert.
Spezialisierte Lösungen für einzelne Branchen
Weitere Anbieter ziehen nach und integrieren autonome Agenten in ihre Systeme:
- Risikomanagement: Regnology brachte heute RRiH Ascend auf den Markt. Diese Cloud-native Risikoplattform nutzt eine gesteuerte Intelligenzschicht für konversationelle Interaktionen und wandelt Kennzahlen in handlungsrelevante Erkenntnisse um – etwa für Liquiditäts- und Kreditrisiken.
Während KI-Systeme komplexe Finanzdaten analysieren, stellt der EU AI Act neue rechtliche Weichen für deren Einsatz in Unternehmen. Dieser kostenlose Umsetzungsleitfaden bietet Ihnen einen kompakten Überblick über alle Anforderungen, Pflichten und Risikoklassen der neuen KI-Verordnung. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
Handelsfinanzierung: Crédit Agricole CIB führte SPASE ein, eine KI-gestützte ESG-Handelsfinanzierungsplattform für den asiatisch-pazifischen Raum. Das System analysiert Handelsdaten und generiert ESG-Kennzahlen. Ein Pilotprojekt lief kürzlich in Hongkong.
Beschaffung: SAP kündigte an, dass seine Joule Agents ab Juni 2026 allgemein verfügbar sein werden – und zwar in den Ariba- und Fieldglass-Suiten. Die Agenten helfen bei der Vertragserstellung und im Eingangsmanagement per Chat und E-Mail.
Ausgabenmanagement: Pleo arbeitet an einer Suite von Agenten. Ein Policy Agent ist bereits live, ein Accounting Agent soll ab Sommer 2026 folgen.
Marktdurchdringung und Effizienzgewinne
Der 2026 Global AI in Financial Services Report zeigt: 81 Prozent der Finanzdienstleistungsunternehmen setzen bereits auf KI, 40 Prozent befinden sich in fortgeschrittenen Implementierungsphasen. Häufige Anwendungsfälle sind Underwriting, Compliance und Vermögensverwaltung.
Doch der Weg ist noch weit. Daten von Salesforce zufolge berichten 50 Prozent der Finanzverantwortlichen, dass 20 bis 40 Prozent ihrer Arbeitsabläufe weiterhin manuell erfolgen. Immerhin: 33 Prozent haben die Skalierung agentischer KI zur Priorität für 2026 erklärt. Das Inkasso hat sich dabei als primärer Anwendungsfall herauskristallisiert – 61 Prozent der Führungskräfte setzen hier auf KI.
Wer beim Einsatz moderner Finanztechnologien die gesetzlichen Rahmenbedingungen ignoriert, riskiert im neuen regulatorischen Umfeld empfindliche Strafen. Sichern Sie sich jetzt den kostenlosen Experten-Report zu den Übergangsfristen und Dokumentationspflichten der aktuellen EU-KI-Verordnung. Kostenlosen Umsetzungsleitfaden zum EU AI Act herunterladen
Die Effizienzgewinne sind enorm. Analysten von Gartner gehen davon aus, dass KI-Agenten die Betriebskosten um bis zu 30 Prozent senken können. In spezifischen Bereichen wie Governance, Risk und Compliance (GRC) konnten Prüfer durch agentische Anwendungen rund 70 Prozent ihrer Zeit einsparen.
Experten beobachten, dass der Aufstieg dieser Technologien völlig neue Berufsbilder hervorbringt. „Audit Engineers“ etwa überwachen die Transparenz und Prüfpfade autonomer Systeme – eine Rolle, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab.

