Rund um den Welt-Alzheimertag am 21. September und die bundesweite Woche der Demenz fordern Verbände und Wissenschaftler, Hirngesundheit stärker in den gesellschaftlichen Mittelpunkt zu stellen. Angesichts steigender Erkrankungszahlen weltweit drängen Experten auf den Ausbau von Präventionsangeboten, modernere Früherkennungsmethoden und verlässlichere Versorgungsstrukturen für Betroffene und pflegende Angehörige.
Hohe Fallzahlen und beeinflussbare Risikofaktoren
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit mehr als 57 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, rund 37 Millionen davon mit Alzheimer. Der Demenzexperte Doron B. Stein wies in einem Standpunkt darauf hin, dass kognitive Probleme im Alter zu oft als unvermeidbare Begleiterscheinung hingenommen würden. Dabei sei der Krankheitsverlauf auch nach ersten Anzeichen noch beeinflussbar.
Nach Einschätzungen von Fachleuten und Daten der Lancet-Kommission aus dem Jahr 2024 gelten rund 45 Prozent der Demenzfälle als potenziell verhinderbar oder erheblich verzögerbar. Zu den 14 bekannten beeinflussbaren Risikofaktoren zählen unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Rauchen, Alkoholkonsum, Depressionen, Bewegungsmangel, soziale Isolation, hohe LDL-Cholesterinwerte im mittleren Alter sowie unbehandelte Seh- und Hörverluste.
In Deutschland sind laut der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) rund 1,8 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen. Die 2020 verabschiedete Nationale Demenzstrategie ist bis Ende 2026 befristet; eine Fortführung ab 2027 steht im Raum.
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Für die Schweiz weist die Organisation Alzheimer Schweiz für September 2026 rund 166.300 Betroffene und über 35.800 Neuerkrankungen pro Jahr aus. Die jährlichen Kosten belaufen sich dort auf schätzungsweise 11,8 Milliarden Franken, wovon rund 5,5 Milliarden Franken auf unbezahlte Betreuungsleistungen der Angehörigen entfallen.
In Österreich leben laut dem Demenzbericht 2025 etwa 170.000 Betroffene, wobei bis 2050 ein Anstieg auf über 290.000 prognostiziert wird. In Ungarn beläuft sich die Zahl der Demenzkranken auf schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Personen.
Forschung setzt auf frühe Marker und digitale Helfer
Forschungseinrichtungen widmen sich intensiv der Erkennung vor dem Auftreten erster Symptome. Wissenschaftler der Medizinischen Universität Graz unterstreichen, dass krankhafte Veränderungen im Gehirn bereits viele Jahre vor spürbaren Gedächtnislücken einsetzen. An der Hochschule wird unter anderem erforscht, wie Neurofilamente mit Alterungsprozessen im Gehirn zusammenhängen, ergänzt durch präzisere Verfahren zur Messung des Hippocampus-Volumens.
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Parallel dazu treibt die FH JOANNEUM digitale Methoden voran: Im April 2025 startete das mit 2,4 Millionen Euro geförderte, zweijährige Projekt LETHE-AT.
Gemeinsam mit den Medizinischen Universitäten Graz, Wien und Innsbruck erprobt die Studie an 300 Personen über 18 Monate eine personalisierte Smartphone- und Fitnessarmband-Anwendung zur Risikoerfassung. Im Vorgängerprojekt SCOBES-AR wurde zudem ein Screening-Instrument mittels Augmented Reality für Personen ab 60 Jahren getestet.
Auf therapeutischer Seite erhielten die Antikörper Lecanemab im April 2025 und Donanemab im September 2025 Zulassungen in der Europäischen Union für frühe Alzheimer-Stadien. Beide Präparate greifen Plaque-Ablagerungen an und können den kognitiven Abbau über drei Jahre um rund sechs bis neun Monate verlangsamen, eine Heilung bewirken sie jedoch nicht.
Der Alzheimer-Forscher Frank Jessen berichteten von rund 1.500 Behandelten in Deutschland. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) stellte hingegen fest, dass im Vergleich zu etablierten Behandlungen kein Zusatznutzen belegt sei.
Rufe nach verbindlichen Betreuungsstrukturen
Neben medizinischen Ansätzen stehen pflegerische Rahmenbedingungen im Fokus. Der Internationale Bund und die BAGSO mahnen im Rahmen der Aktionswoche eine bessere finanzielle Ausstattung von Demenznetzwerken sowie mehr Demenzwissen in Pflegeberufen an.
In Österreich sprach sich PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer am 21. September 2026 für einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf demenzgerechte Versorgung, spezialisierte Bereiche in Heimen und Spitälern sowie Entlastungstage für Angehörige aus. Die Diakonie Österreich verwies auf Analysen, wonach Tagesbetreuung Angehörige zu 89 Prozent entlaste.
Da derzeit jedoch nur zwei Prozent der Pflegegeldbeziehenden die bundesweit 260 Tagesbetreuungszentren nutzen – oft wegen stark schwankender Kosten zwischen 25 und 80 Euro pro Tag –, forderte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser klare Kostenobergrenzen und den Ausbau zu Kompetenzzentren.

