Anthropic finanziert Wahlkampf für strengere KI-Regeln

Der KI-Konzern Anthropic finanziert eine Lobbygruppe für striktere Sicherheitsauflagen und stellt sich damit gegen die Branchenkonkurrenz. Dies könnte die Regulierung in den USA und Europa maßgeblich beeinflussen.

Der KI-Riese Anthropic stiftet 20 Millionen Euro an eine neue Lobbygruppe – und spaltet damit die bislang geschlossene Tech-Front. Das Geld soll Kandidaten unterstützen, die sich für striktere Sicherheitsauflagen bei Künstlicher Intelligenz einsetzen. Die Spaltung der Branche könnte die Regulierung in den USA und damit auch in Europa entscheidend beeinflussen.

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Strategischer Schwenk im Lobby-Krieg

Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, vollzieht eine überraschende Kehrtwende. Statt sich wie die Konkurrenz für weniger Regeln einzusetzen, finanziert der Konzern nun die Kampagne für ein „Safety-First“-Gesetz. Das bestätigte das Unternehmen am Donnerstag. Die 20 Millionen Euro fließen an Public First Action, eine neu gegründete Interessengruppe.

Diese Gruppe will gezielt Politiker fördern, die verbindliche Sicherheitstests, Transparenzvorgaben und strengere Landesgesetze fordern. Für Anthropic ist es der bislang größte direkte Eingriff in die US-Wahlkampffinanzierung. Ein klares Signal: Das Zeitfenster für wirksame Regulierung schließt sich schnell – und der Konzern will es mitgestalten.

„Flexible Regeln sind nötig, um Risiken zu begrenzen und gleichzeitig die Vorteile der Technologie zu verbreiten“, heißt es in der Erklärung. Damit stellt sich Anthropic bewusst gegen die vorherrschende Branchenlinie, wonach Regulierung Innovation ersticke. Stattdessen inszeniert man sich als verantwortungsvoller Hüter der mächtigen Technologie.

Stellvertreterkrieg um die Vorherrschaft

Public First Action ist als direkter Gegenspieler zur Super-PAC „Leading the Future“ konzipiert. Diese wird von Größen wie OpenAI-Führungskräften und der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz unterstützt. Sie sammelte seit Ende 2025 etwa 125 Millionen Euro ein. Ihr Ziel: Kandidaten zu fördern, die für minimalistische Bundesgesetze sind – und damit schärfere Landesregeln verhindern.

Der Konflikt dreht sich um eine zentrale Frage: Darf der Bund den Ländern strenge KI-Gesetze verbieten? Während „Leading the Future“ ein einheitliches Bundesrecht will, befürwortet Public First Action das Modell der „Labore der Demokratie“. Demnach sollen Bundesstaaten wie Kalifornien eigene, härtere Vorgaben erlassen dürfen.

Die neue Gruppe hat bereits erste Schützlinge identifiziert. Dazu gehört die Republikanerin Marsha Blackburn, die für das Gouverneursamt in Tennessee kandidiert. Sie wehrte sich im Kongress erfolgreich gegen Versuche, den Bundesstaaten eigene KI-Gesetze zu verbieten – und passt damit perfekt zur Strategie von Public First Action.

Der Riss: Sicherheit versus Tempo

Die Finanzspritze vertieft den philosophische[n] Graben in der Tech-Branche. Auf der einen Seite stehen die „Beschleuniger“, angeführt von „Leading the Future“. Sie warnen, zu strikte Regeln würden die technologische Führungsposition der USA an Rivalen wie China verspielen. Bestehende Gesetze reichten aus.

Auf der anderen Seite formieren sich die „KI-Sicherheits“-Befürworter um Anthropic. Sie argumentieren, dass fortschrittliche KI-Systeme einzigartige Risiken bergen – von automatisierten Cyberangriffen bis zum Entwurf biologischer Waffen. Diese erforderten spezielle, vorbeugende Regeln.

„Wir wollen eine überparteiliche Koalition von Politikern aufbauen, die KI-Sicherheit als nationale Sicherheitspriorität behandeln“, sagt Brad Carson, ein ehemaliger demokratischer Kongressabgeordneter und Mitgründer von Public First Action. Mit der Unterstützung durch Anthropic hofft die Gruppe, eine Kriegskasse von bis zu 75 Millionen Euro für den Wahlzyklus 2026 zusammenzubekommen.

Folgen für die Zwischenwahlen 2026

Der Einstieg von Tech-Millionen in den Wahlkampf wird die politische Landschaft verändern. Vor allem in umkämpften Wahlbezirken, wo Technologiepolitik auf wirtschaftliche Sorgen trifft. Durch Anthropics Engagement müssen Kandidaten nun nicht mehr zwangsläufig auf deregulatorische Positionen setzen, um Industrieunterstützung zu erhalten.

Strategen sagen voraus, dass dies Gesetzgeber ermutigen könnte, härtere Linien bei der KI-Aufsicht zu vertreten. Sie wüssten nun, dass es eine finanzkräftige Spendengruppe gibt, die sie vor der Gegenwehr der Branche schützt. Der Schlagabtausch zwischen den beiden Super-PACs wird sich in teuren Werbekampagnen und Vorwahl-Herausforderungen entladen.

Die Zeit, in der die Tech-Branche geschlossen auftrat, ist vorbei. Wähler und Politiker müssen sich nun in einem komplexen Umfeld zurechtfinden, in dem „pro-Technologie“ zwei völlig unterschiedliche Regulierungsvisionen bedeuten kann. Mit Milliardensummen in der Infrastruktur und der Zukunft der KI-Governance auf dem Spiel ist sicher: Die Debatte über die Kontrolle Künstlicher Intelligenz wird ein zentrales Thema des Wahljahrs 2026.