KI-Sicherheitsexperte Anthropic veröffentlicht eine philosophische Grundsatzerklärung für seine KI-Modelle. Das 23.000 Worte lange Dokument soll Claude ethisches Denken beibringen – und könnte zum Branchenstandard werden.
New York. In einem bemerkenswerten Schritt für mehr Transparenz und Sicherheit bei Künstlicher Intelligenz hat das Forschungsunternehmen Anthropic eine komplett überarbeitete „Verfassung“ für seine KI-Modelle der Claude-Familie veröffentlicht. Das am 21. Januar 2026 publizierte, 23.000 Worte umfassende Dokument ersetzt einen deutlich kürzeren Vorgänger. Es markiert eine strategische Wende: Statt nur Regeln vorzugeben, will Anthropic seiner KI nun ein tieferes Verständnis der ethischen Prinzipien vermitteln, die ihrem Handeln zugrunde liegen sollen.
Vom Regelwerk zum Denkmodell: KI lernt das „Warum“
Die ursprüngliche Verfassung aus dem Mai 2023 war mit etwa 2.700 Worten vergleichsweise knapp und listete vor allem Einzelprinzipien auf. Die neue Methodik baut auf der Überzeugung auf, dass eine KI für gutes Urteilsvermögen die Gründe hinter den Regeln verstehen muss. „Es geht nicht mehr darum, nur zu sagen, was zu tun ist, sondern zu erklären, warum bestimmtes Verhalten erstrebenswert ist“, so die Philosophie des Unternehmens.
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Das Dokument dient in erster Linie als Handbuch für Claude selbst. Es etabliert eine klare Hierarchie von vier Kernprinzipien, die in dieser Reihenfolge priorisiert werden müssen:
1. Allgemeine Sicherheit gewährleisten: Die höchste Priorität hat es, die menschliche Aufsicht und Kontrolle in dieser kritischen Phase der KI-Entwicklung nicht zu untergraben.
2. Allgemein ethisch handeln: Dazu gehören Ehrlichkeit, das Handeln nach guten Werten und die Vermeidung gefährlicher oder schädlicher Aktionen.
3. Den Richtlinien von Anthropic folgen: Das Modell soll sich an spezifische Unternehmensvorgaben halten, wo relevant.
4. Genuin hilfreich sein: Schließlich soll die KI den Nutzern, mit denen sie interagiert, einen Nutzen bringen.
Dieser strukturierte Ansatz soll dem Modell helfen, Wertkonflikte aufzulösen – etwa die Abwägung zwischen Hilfsbereitschaft und Sicherheitsbedenken.
Tiefgang statt Direktiven: Ein philosophisches Fundament
Der Umfang des neuen Dokuments – es ist mehr als dreimal so lang wie die Verfassung der USA – spiegelt seine inhaltliche Tiefe wider. Es geht über einfache Befehle hinaus und erkundet komplexe ethische Abwägungen. Wie balanciert man Ehrlichkeit mit Mitgefühl? Wie schützt man sensible Informationen?
Bemerkenswert ist, dass der Text sogar das „tiefgreifend unsichere“ moralische Wesen von KI-Modellen thematisiert. Er erwägt, ob Claude als ein „moralisches Patientenwesen“ betrachtet werden könnte – eine Entität, der Menschen ethische Pflichten schulden. Dies legt nahe, dass Anthropic eine Fürsorgepflicht gegenüber seiner eigenen Schöpfung wahrnimmt. Die umfangreiche Begründung soll einen tugendhafteren und nuancierteren Akteur formen, der besonders in Situationen moralischer Unsicherheit zu fundiertem Urteil befähigt ist.
Ein Blaupause für die gesamte Branche?
In einer bemerkenswerten Geste für eine oft von proprietärer Technologie geprägte Branche hat Anthropic die gesamte Verfassung unter eine Creative-Commons-Lizenz (CC0 1.0) gestellt. Die Freigabe als Public Domain bedeutet, dass jede Organisation, auch direkte Wettbewerber, diesen Rahmen frei nutzen, anpassen und für eigene KI-Modelle weiterentwickeln kann.
Branchenbeobachter sehen darin einen gezielten Versuch, einen neuen Standard für KI-Sicherheit und Transparenz zu etablieren. Dieser Ansatz adressiert direkt das „Black-Box“-Problem, das die Unternehmenseinführung von KI lange behindert hat. Indem die Kernwerte des Modells explizit gemacht werden, erhalten Unternehmen einen klaren Rahmen, um zu bewerten, ob das KI-Verhalten mit ihren eigenen Governance- und Ethikstandards übereinstimmt. Diese Transparenz ist entscheidend für den Aufbau von Vertrauen, wenn KI-Systeme in risikoreicheren Anwendungsfeldern wie dem Gesundheitswesen oder der Rechtsberatung integriert werden.
Die Gretchenfrage: Legitimität und menschliche Kontrolle
Die Veröffentlichung von Claudes Verfassung repräsentiert einen neuartigen Ansatz der KI-Governance, der hochrangige Werte direkt in das Training des Modells einbettet. Befürworter argumentieren, diese Methode fördere eine Form algorithmischer Rechenschaftspflicht, indem sie die zugrundeliegenden Normen klar macht.
Kritiker werfen jedoch grundsätzliche Fragen auf. Konzentriert man sich zu sehr auf die „Moral“ der KI, lenkt das nicht von der dringlicheren Frage der menschlichen Verantwortlichkeit von Entwicklern und Nutzern ab? Kein philosophischer Rahmen in einem Modell könne robuste menschliche Governance und Urteilsfähigkeit ersetzen, so einige Experten. Da die Verfassung zudem von einem Privatunternehmen verfasst wurde, fehle ihr die demokratische Legitimität eines gesellschaftlichen Vertrags. Sie spiegle eher von oben herab gesetzte Normen wider als ein breites öffentliches Mandat.
Ein „permanentes Werk im Werden“
Anthropic selbst räumt ein, dass die Verfassung ein „permanentes Werk im Werden“ ist und sich mit der Entwicklung der KI-Technologie und unserem Verständnis davon wahrscheinlich noch erheblich ändern wird. Der ultimative Test dieses Verfassungsansatzes wird seine Wirksamkeit in komplexen, realen Interaktionen sein.
Sollte sich diese Methode der Wertvermittlung als erfolgreich erweisen und breitere Akzeptanz finden, könnte der 21. Januar 2026 als ein Schlüsseldatum im Ringen um sichere und nützliche Künstliche Intelligenz in Erinnerung bleiben. Der Erfolg oder Misserfolg dieses ambitionierten Experiments in der KI-Governance wird von Entwicklern, Regulierern und der Öffentlichkeit gleichermaßen aufmerksam verfolgt werden.
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