Arzneimittelversorgung: 65% der Packungen defizitär, KI soll helfen

Lieferprobleme und wirtschaftliche Belastungen prägen den Apothekertag, während KI-Kooperationen und Reformpläne neue Wege für die Versorgung eröffnen.

Die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung steht im September 2026 vor tiefgreifenden Herausforderungen. Wie Berichte im Rahmen des Deutschen Apothekertags verdeutlichen, belastet eine hohe Anzahl schwer lieferbarer Medikamente das System.

Parallel dazu gewinnen Bestrebungen an Bedeutung, die Arzneimittelentwicklung durch Kooperationen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) zu beschleunigen, um langfristige Versorgungsengpässe zu minimieren.

Wirtschaftliche Herausforderungen und strukturelle Pläne

Der pharmazeutische Großhandelsverband Phagro weist auf eine kritische wirtschaftliche Lage hin. Laut Verbandsangaben sind rund 65 Prozent der ausgelieferten Packungen defizitär.

Phagro-Chef Marcus Freitag bezeichnete eine jüngst erfolgte Erhöhung des Apothekenhonorars zwar als längst überfällig, sieht darin jedoch kein ausreichendes Mittel, um die Lieferketten dauerhaft zu stabilisieren.

Ergänzend dazu betonte der Chef des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Hubmann, dass Themen wie die Temperaturkontrolle und Probleme bei der Zuzahlungsabwicklung weiterhin Priorität auf der Agenda behalten.

Die Standesvertretung ABDA legte einen Fünf-Punkte-Plan zur Sicherung der Versorgung vor. Dieser sieht eine wirtschaftliche Stärkung der Apotheken sowie Honorarverhandlungen ab dem Jahr 2028 vor.

Weitere Eckpunkte sind der Abbau von Bürokratie, eine verstärkte Krisenvorsorge und die Erweiterung des Leistungsspektrums um Impfungen und Diagnostik. Eine Umfrage unter 500 Apothekeninhabern signalisierte bereits eine hohe Bereitschaft für neue pharmazeutische Dienstleistungen, darunter Raucherentwöhnung und Blutabnahmen.

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Politische Maßnahmen und Wettbewerbsbedingungen

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann adressierte auf dem Kongress in München die ungleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen Vor-Ort-Apotheken und dem Versandhandel. Er kritisierte Rabatte und den Erlass von Zuzahlungen durch Versender als Wettbewerbsverzerrung. Ab dem 1. Januar 2027 sollen die Zuzahlungen für Patienten auf 7,50 bis 15 Euro je Packung steigen, verglichen mit dem bisherigen Rahmen von 5 bis 10 Euro.

Die Delegierten des Apothekertags forderten mit großer Mehrheit ein vollständiges Verbot des Versands verschreibungspflichtiger Medikamente (Rx-Versandverbot). Zudem wurde die Stärkung einer paritätischen Stelle zur Sicherung rechtssicherer Verfahren beschlossen.

Bundesminister Linnemann merkte hierzu an, dass die Stärkung durch das Apotheken-Reformgesetz (ApoVWG) womöglich nicht ausreiche. Ein deutlicher Trend zeigt sich zudem beim Import von Medizinal-Cannabis: Dieser soll im Jahr 2026 auf 300 Tonnen steigen, was einer Verzehnfachung gegenüber dem Wert von 30 Tonnen aus dem Jahr 2023 entspricht.

Auf europäischer Ebene äußerte sich EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera zu der Thematik. In einem Schreiben an den EU-Abgeordneten Bernd Lange stellte sie fest, dass eine Ungleichbehandlung des Versandhandels in Deutschland keinen Verstoß gegen EU-Wettbewerbsrecht darstelle, da die Mitgliedstaaten selbst für die Arzneimittelversorgung verantwortlich seien. Ribera äußerte jedoch Zweifel an einer ausreichenden Überwachung grenzüberschreitender Versender.

Technologische Innovationen und industrielle Transformation

Um die Verfügbarkeit neuer Therapien zu beschleunigen, setzen führende Unternehmen verstärkt auf KI. Novo Nordisk und Anthropic haben eine Zusammenarbeit vereinbart, um die Medikamentenentwicklung mithilfe von Modellen wie Claude Science zu optimieren.

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Laut Novo-CEO Mike Doustdar strebt das Unternehmen an, ein weltweit führender KI-gesteuerter Gesundheitskonzern zu werden. Anthropic-CEO Dario Amodei betonte das Potenzial, medizinische Durchbrüche durch den Einsatz von KI zeitlich massiv zu beschleunigen.

In der Industrie zeichnen sich zudem Portfolio-Umschichtungen ab. Sanofi und CHEPLAPHARM vereinbarten eine strategische Partnerschaft, bei der CHEPLAPHARM 20 etablierte Medikamente, darunter das Präparat Lovenox/Clexane, sowie drei Produktionsstandorte in Ungarn, Singapur und Frankreich übernimmt. Im Gegenzug erhält Sanofi eine Beteiligung von 26,4 Prozent an CHEPLAPHARM. Die Übertragung des Portfolios soll im ersten Quartal 2027 beginnen.

Flankiert werden diese Entwicklungen durch eine vorläufige Einigung auf EU-Ebene über eine Reform der Arzneimittelgesetzgebung. Diese sieht strengere Vorgaben für Antibiotika, verpflichtende digitale Beipackzettel und ein „Rolling Review“-Verfahren bei der EMA vor.

Während die Datenschutzfrist für neue Arzneimittel bei acht Jahren bleibt, soll der allgemeine Marktschutz von zwei Jahren auf ein Jahr sinken, wobei für innovative Medikamente Verlängerungsoptionen vorgesehen sind.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte zudem für November Initiativen an, um das Potenzial von KI in der Gesundheitsvorsorge, etwa bei der Krebsfrüherkennung, stärker zu nutzen.