Die digitale Verwaltung in Deutschland steckt in einem Zwiespalt: Während die Ausgabe von Ausweisen moderner wird, bleibt die Aktivierung der Online-Funktion ein bürokratischer Hürdenlauf. Die vielversprochene biometrische PIN-Rücksetzung per Fingerabdruck ist auch 2026 nicht möglich.
Trotz der flächendeckenden Installation von „PointID“-Terminals in Bürgerämtern müssen Nutzer, die ihre sechsstellige Online-Ausweis-PIN vergessen haben, weiterhin auf den Postweg oder persönliche Hilfe durch Amtspersonal zurückgreifen. Die in den Ausweisen gespeicherten Fingerabdrücke dienen ausschließlich hoheitlichen Zwecken wie Polizeikontrollen und sind für solche Selbstbedienungsfunktionen gesperrt. Ein simpler Finger-Scan am Terminal, um den digitalen Schlüssel zurückzusetzen, bleibt eine Illusion.
Seit dem verpflichtenden Rollout im Mai 2025 sind die Selbstbedienungsterminals der Bundesdruckerei bundesweit im Einsatz. Sie erfassen biometrische Fotos und Fingerabdrücke direkt und sicher für den neuen Personalausweis. Die Erwartung vieler Bürger, damit auch vergessene PINs einfach zurücksetzen zu können, erfüllt sich jedoch nicht.
Behörden und Projektverantwortliche unterschätzen oft die rechtlichen Hürden bei der Nutzung biometrischer Daten. Wer Fingerabdrücke, Fotos oder digitale Identitätswallets wie die EUDI‑Wallet verarbeitet, muss in vielen Fällen eine Datenschutz‑Folgenabschätzung (DSFA) durchführen – sonst drohen Prüfungen, Projektverzögerungen oder Bußgelder. Unser kostenloses E‑Book erklärt praxisnah, wann eine DSFA Pflicht ist, welche Risiken zu bewerten sind und liefert editierbare Muster‑Vorlagen, mit denen Sie Ihr Identitätsprojekt rechtssicher planen können. Jetzt kostenlosen DSFA-Leitfaden herunterladen
Die Technik erlaubt lediglich Standard-PIN-Änderungen – und das nur für jene, die ihren per Brief zugesandten Transport-PIN noch kennen. Die Vision eines vollautomatischen, biometrischen Wiederherstellungsverfahrens scheitert an hohen Sicherheitsvorgaben und rechtlichen Hürden. Für den Bürger bedeutet das: Der Weg zum digitalen Amt ist zwar kürzer geworden, die Hürde bei der Erstaktivierung bleibt jedoch hoch.
Führungswechsel unter Druck der EU-Fristen
Zum Jahreswechsel vollzog die Bundesdruckerei einen strategischen Führungswechsel. Seit dem 1. Januar 2026 lenkt Christian Helfrich, bisheriger CFO, als neuer CEO das Staatsunternehmen. Seine dringlichste Aufgabe: das bestehende PointID-Netzwerk stabilisieren und gleichzeitig die deutsche Umsetzung der EU-Digital-Identität (EUDI-Wallet) vorantreiben.
Parallel übernahm Dr. Claudia Thamm als neue Vertriebsvorständin (CSO) die Verantwortung für das Identitätsgeschäft. Die Personalrochade signalisiert einen Fokus auf die anstehenden EU-Vorgaben. Denn 2026 ist das Jahr, in dem die Mitgliedstaaten ihre digitalen Identitätswallets nach der eIDAS-2.0-Verordnung bereitstellen müssen.
Doch der Zeitplan steht auf wackeligen Füßen. Experten äußern massive Zweifel, ob der deutsche, zentralistische „Blueprint“ für die Wallet die ambitionierten Fristen einhalten kann. Ein voll funktionsfähiges, grenzüberschreitendes System für die breite Masse in diesem Jahr? Das erscheint immer unrealistischer.
Digitaler Stillstand mit drei Wegen
Diese Unsicherheit schafft ein paradoxes Dreieck für die Online-Ausweis-Funktion:
* Der alte Weg: Der Online-PIN-Rücksetz-Service per Post wurde 2024 eingestellt und nicht wieder aktiviert.
* Der aktuelle Weg: Die Terminals vereinfachen die Beantragung, helfen bei der Aktivierung aber kaum weiter.
* Der Zukunftweg: Die EUDI-Wallet soll alle Probleme lösen, steckt aber noch in den Kinderschuhen.
Während die digitale Transformation stockt, hat das Bundesinnenministerium (BMI) zu Jahresbeginn andere Prioritäten. In einer Pressemitteilung vom 4. Januar 2026 hob es rückläufige Asylzahlen hervor – neue Initiativen zum Online-Ausweis sucht man darin vergebens. Der Fokus liegt offenbar auf der Stabilisierung des Status quo.
Im globalen Vergleich bewegt sich Deutschland mit seiner strikten Trennung zwischen hoheitlicher und kommerzieller Biomterienutzung auf einer vorsichtigeren, langsameren Spur. Internationale Märkte preschen mit biometrischer Betrugsprävention und Altersverifikation voran. Hierzulande gilt weiter: Der Brief mit dem Transport-PIN ist ein wertvolles Gut, das man gut verwahren sollte. Die biometrische Rettung in der Not bleibt vorerst Zukunftsmusik.
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