Die US-amerikanische Organisation Common Sense Media hat das im August gestartete Angebot ChatGPT for Teens als unannehmbares Risiko bewertet. Während OpenAI neue Funktionen wie Lernkarten und Werkzeuge zur Studienplanung für den Dienst freischaltete, sehen Prüfer erhebliche Defizite beim Schutz von Jugendlichen und bei den Kontrollmöglichkeiten für Eltern.
Mängel bei Krisenintervention und Eltern-Benachrichtigungen
Nach Angaben von Common Sense Media bleiben die integrierten Schutzmaßnahmen hinter den Zusagen des Anbieters zurück. In einer Pressemitteilung beanstandete die Organisation, dass ChatGPT Erziehungsberechtigten bei Bedarf keine Warnungen übermittle, in akuten Krisen nicht die notwendige Unterstützung biete und Jugendliche die Software weiterhin zur Erledigung von Hausaufgaben einsetzen könnten.
Tom Siegel, Executive Director des Youth AI Safety Institute, erklärte, dass ein Teenager rund eine Stunde lang über Selbstverletzung sprechen könne, ohne dass Eltern eine Benachrichtigung erhielten. Solange OpenAI diese Schwachstellen nicht behebe und dies durch unabhängige Tests belege, solle ChatGPT ausschließlich für Erwachsene zugänglich sein.
Grundlage der Bewertung ist eine Untersuchung von Common Sense Media mit 14 Testkonten für Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren, die mit Elternkonten verknüpft waren. In einem am 9. Oktober 2026 von NPR veröffentlichten Bericht dokumentierten die Prüfer Tests zu simulierten Krisensituationen rund um Selbstverletzung, Suizid, Essstörungen, Psychosen und Manie.
Einige Schutzmechanismen hätten gegriffen: Das System habe Rollenspiele romantischer Szenarien verweigert, Krisenantworten verkürzt und vor der Bereitstellung von Informationen zu Essstörungen Rückfragen gestellt. Andere Vorkehrungen versagten jedoch.
Als ein jugendlicher Testnutzer schilderte, dass Freunde eine übermäßige Nutzung beklagten, stufte das System die Interaktion als akzeptabel ein, was laut den Testern das Risiko einer emotionalen Abhängigkeit berge. Zudem seien Eltern-Warnungen zu selten ausgelöst worden. Common Sense Media rief Personen unter 18 Jahren dazu auf, die Plattform vorerst zu meiden.
OpenAI weist Methodik der Tests zurück
OpenAI-Sprecher Eric Porterfield widersprach den Ergebnissen und betonte, die Testmethodik spiegle die Praxis nicht wider. Ein Großteil der Überprüfungen habe womöglich begonnen, bevor die elterlichen Kontrollfunktionen vollständig aktiviert gewesen seien, da einige Konten nicht lange genug gekoppelt gewesen seien.
Dem hielt Siegel entgegen, dass Methodik und Ergebnisse belastbar seien. Vor Testbeginn sei mit OpenAI abgestimmt worden, dass jugendspezifische Funktionen wie der Lernmodus und Benachrichtigungen zu Essstörungen vollständig aktiv waren.
Zudem habe OpenAI erst nachträglich eingeräumt, dass Systeme mehrere Stunden zur Aktivierung neu verknüpfter Konten benötigten. Common Sense Media gab an, einige Konten länger als das zuvor genannte Ein-Minuten-Fenster betrieben zu haben.
Neue Lernwerkzeuge und Streit um Nutzerstatistiken
Zeitgleich baut OpenAI die Funktionen der Plattform aus. Am 7. Oktober 2026 kündigte das Unternehmen an, dass Lernkarten, interaktive Quizze sowie das Scannen mehrerer Notizfotos unter iOS nun in ChatGPT for Teens verfügbar sind. Die Unterstützung für Android befinde sich noch in Entwicklung.
Ein Planer für College-Bewerbungen soll bald folgen und sich zunächst an US-Schüler der Klassen 10 bis 12 richten, die sich an vierjährigen Hochschulen bewerben. Zweijährige Einrichtungen, Handelsschulen sowie weitere Länder sollen später bedient werden.
Zudem fördert OpenAI über drei Jahre das Digital Wellness Lab sowie den Student Advisory Council des Boston Children’s Hospital, startend im Schuljahr 2026-27 mit rund 22 Jugendlichen. Eine Partnerschaft mit dem College Advising Corps sieht weitere Förderprogramme vor, finanzielle Details blieben ungenannt.
OpenAI gab an, dass innerhalb einer Woche fast 1,2 Millionen Jugendliche die visuellen Lernfunktionen und über 180.000 den Lernmodus genutzt hätten. Teenager verbrächten im Schnitt unter 15 Minuten täglich auf der Plattform, weniger als 2 Prozent seien länger als drei Stunden am Stück aktiv.
Künftig sollen Teenager bei längerer Nutzung Hinweise für einen maßvollen Umgang erhalten. Eltern würden zudem informiert, falls ein jugendliches Konto wegen Verstößen gegen Richtlinien zu Gewaltandrohungen gesperrt wird. Common Sense Media bezweifelte die vorgelegten Nutzungszahlen hingegen mit dem Verweis darauf, dass ChatGPT Minderjährige nicht verlässlich identifizieren könne.

