Eine neue Studie stellt das Bild von Pekings rein autoritärem KI-Kurs in Frage. Die Analyse zeigt ein komplexes Zusammenspiel von Staat, Tech-Riesen und gesellschaftlichen Normen – pünktlich zum globalen KI-Gipfel in Neu-Delhi.
„Verhandelte“ Regulierung statt reiner Staatskontrolle
Die Forschung von Dr. Xuechen Chen und Dr. Lu Xu, veröffentlicht im Computer Law & Security Review, widerspricht der gängigen Annahme. Sie beschreibt Chinas KI-Governance als ein „verhandeltes“ Modell. Die tatsächlichen Regulierungs-Outcomes entstehen demnach im komplexen Wechselspiel zwischen der Zentralregierung, privaten Tech-Giganten und gesellschaftlichen Erwartungen.
Zwar behalte die Cyberspace Administration of China (CAC) die letzte Autorität. Die praktische Umsetzung von Sicherheitsvorkehrungen werde jedoch maßgeblich von der Selbstregulierung großer Konzerne wie ByteDance und DeepSeek beeinflusst. Diese gestalteten Sicherheitsprotokolle aktiv mit, um politische Vorgaben und Verbrauchererwartungen unter einen Hut zu bringen. Die reine Staatskontrolle sei ein „stereotypisches Narrativ“, das die Handlungsmacht der Marktkräfte übersehe.
Erfolge und Schattenseiten des KI-Kennzeichnungssystems
Die Veröffentlichung fällt mit Erfolgsmeldungen zu Chinas verpflichtender KI-Kennzeichnung zusammen. Seit dem 1. September 2025 müssen alle synthetischen Inhalte – Text, Bild, Audio, Video – sichtbare Marker und unsichtbare Metadaten tragen.
Die Zahlen sind gewaltig: Bis Anfang Februar 2026 haben große Plattformen wie Doubao und Alibabas Qwen über 150 Milliarden KI-generierte Inhalte gekennzeichnet. Laut Yu Yonghe von der CAC hat das System die durchschnittliche Zeit zur Rückverfolgung von KI-Desinformation von 72 auf nur noch 12 Stunden verkürzt.
Doch das System hat Risse. Berichte sprechen von einem florierenden Graumarkt für Label-Entfernungs-Tools. Dienstleistungen bieten an, Metadaten für umgerechnet knapp 1,30 Euro zu löschen – ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Regulierern und Umgehern.
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Strategiewechsel: Von umfassendem Gesetz zu agilen Standards
Die Studie spiegelt einen bemerkenswerten Strategiewechsel wider. Statt eines umfassenden „KI-Gesetzes“ setzt Peking seit Ende 2025 auf eine vertikale, stückweise Regulierung. Der Fokus liegt auf spezifischen Hochrisiko-Anwendungen und technischen Standards, nicht auf einem großen Wurf.
Diese „agile“ Governance soll es ermöglichen, akute Risiken zu adressieren, ohne das rasante Wachstum der heimischen Industrie zu ersticken. Durch Pilotprojekte und branchenspezifische Regeln – wie die 2025 erlassenen Vorschriften für „menschlich“ wirkende interaktive KI – versucht die Führung, Sicherheit und globale Wettbewerbsfähigkeit in Einklang zu bringen.
Globale Bühne: Der KI-Gipfel in Neu-Delhi
Die Diskussion hat hohe Aktualität. An diesem Donnerstag beginnt der AI Impact Summit in Neu-Delhi. Dort werden sich die verschiedenen Governance-Modelle gegenüberstehen: der rechtsbasierte Ansatz der EU, das marktgetriebene US-Modell und Chinas Staats-Markt-Hybrid.
China wird das Forum nutzen, um die Interessen des „Globalen Südens“ zu vertreten. Es wirbt für einen Regulierungsrahmen, der nationale Souveränität respektiert und sich gegen eine „technologische Entkopplung“ stemmt. In Vorbereitungstreffen kritisierten chinesische Vertreter „exklusive Klüngel“ in der Technologie – eine Anspielung auf US-geführte Exportkontrollen für Hochleistungschips.
Peking wird argumentieren, dass sein Modell der „souveränen KI“ eine Alternative für Entwicklungsländer biete, die sich vor westlicher Ideologiedominanz fürchten. Es betont lokale Datenkontrolle und kulturelle Anpassung.
Was kommt als Nächstes?
Die globale KI-Community beobachtet, wie Chinas interne Regulierung seine Außendarstellung beeinflusst. Die Studie legt nahe, dass westliche Politiker ihr Bild aktualisieren müssen: Chinas Tech-Giganten sind keine passiven Untertanen, sondern aktive Gestalter der Regeln.
Branchenbeobachter erwarten, dass die CAC noch im Frühjahr eine neue „Clear and Bright“-Kampagne startet. Sie soll gezielt den Graumarkt für Label-Entferner bekämpfen. Gleichzeitig könnte der Erfolg des Kennzeichnungssystems chinesische Unterhändler ermutigen, ähnliche technische Standards als globale Basis bei kommenden UN-Verhandlungen vorzuschlagen.





