Chips Act 2.0: Europa peilt 20% Marktanteil bis 2030 an

Die EU-Kommission stellt ein milliardenschweres Maßnahmenpaket vor, um die Abhängigkeit von US- und asiatischer Technologie zu reduzieren und Europa zum KI-Kontinent zu machen.

Die Europäische Kommission hat ein milliardenschweres Strategiepaket vorgelegt, um Europa unabhängiger von US- und asiatischer Technologie zu machen. Am 3. Juni präsentierte die Brüsseler Behörde das „Europäische Technologie-Souveränitätspaket“ – ein Maßnahmenbündel, das die Bereiche Halbleiter, Künstliche Intelligenz und Cloud-Computing grundlegend neu ordnen soll. Das Ziel: Aus Europa soll ein „KI-Kontinent“ werden.

Neue Regeln für die Cloud: Vier Sicherheitsstufen

Herzstück der Initiative ist der Cloud and AI Development Act (CADA). Er schafft einen einheitlichen europäischen Rechtsrahmen für Cloud-Souveränität und führt vier verbindliche Sicherheitsstufen für öffentliche Ausschreibungen ein – von SEAL-0 bis SEAL-4. Die Kriterien umfassen 48 Prüfpunkte, die unter anderem sogenannte „Kill-Switches“ in kritischen Cloud-Diensten verhindern sollen. Sensible Daten müssen zwingend unter europäischer Gerichtsbarkeit bleiben.

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Hintergrund: US-Anbieter wie Amazon, Google und Microsoft kontrollieren derzeit 80 Prozent des EU-Cloud-Marktes. Analysten erwarten, dass sie bis 2031 sogar 67 Prozent der gesamten Rechenzentrumskapazität in Europa besitzen werden. Die EU gibt jährlich schätzungsweise 264 Milliarden Euro für US-Technologie aus.

Die höchste Souveränitätsstufe SEAL-4 dürfte für US-Konzerne kaum erreichbar sein – der US Cloud Act zwingt sie zur Herausgabe von Daten an amerikanische Behörden. Allerdings: Nur ein Prozent der öffentlichen Dienste gelten laut Kommission als so sensibel, dass sie die strengste Stufe benötigen.

Chips Act 2.0: Europas Halbleiter-Offensive

Parallel dazu tritt der Chips Act 2.0 in Kraft – die Nachfolgeregelung des ersten europäischen Chip-Gesetzes. Das ambitionierte Ziel: Europas globalen Marktanteil bei Mikrochips bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Die Gesamtinvestitionen dafür werden auf 120 Milliarden Euro geschätzt.

Das Gesetz führt „Exzellenz-Labels“ für europäische Halbleiterregionen ein und räumt der Kommission Notfallbefugnisse ein: Bei Chip-Knappheit kann sie bestehende Lieferverträge außer Kraft setzen. Unternehmen, die sich verweigern, drohen Strafen von bis zu 300.000 Euro.

Ein strategisch wichtiger Schritt: Die EU ist der Pax Silica Initiative beigetreten – einem US-geführten Bündnis zur Sicherung der Halbleiter-Lieferketten. Branchenexperten rechnen damit, dass KI-bezogene Komponenten bis 2030 mehr als 70 Prozent des Chip-Marktes ausmachen werden.

Investitionsziele: 200 Milliarden bis 2036

Um die Transformation zu finanzieren, peilt die Kommission 200 Milliarden Euro an privaten Investitionen bis 2036 an. Weitere 100 Milliarden Euro sind speziell für Cloud-, KI- und Gigafactory-Projekte vorgesehen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, das Paket solle sicherstellen, dass Europa seine eigenen technologischen Entscheidungen treffen könne – statt auf externe Anbieter angewiesen zu sein.

Konkret soll die europäische Rechenzentrumskapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifacht werden. Das langfristige Ziel: eine Kapazität von 65 Gigawatt innerhalb eines Jahrzehnts.

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Die Strategie enthält zudem eine Roadmap zur Digitalisierung des Energiesektors und setzt verstärkt auf Open-Source-Entwicklung. Europa zählt aktuell mehr als drei Millionen Open-Source-Entwickler. Bereits im Frühjahr wurde der erste EU-Souveränitäts-Cloud-Vertrag über 180 Millionen Euro vergeben. Ein formeller Aufruf zur Errichtung von KI-Gigafactories ist für Juli 2026 angekündigt.

Industrie mahnt zur Eile

Der Digitalverband Bitkom begrüßte das Paket grundsätzlich als Schritt in die richtige Richtung, betonte aber: Die Umsetzung müsse schnell erfolgen, um mit globalen Wettbewerbern Schritt zu halten. Ohne rasche Implementierung drohe Europa, den Anschluss zu verlieren – während die USA und Asien ihre Technologieführerschaft weiter ausbauen.