Der KI-Spezialist Anthropic bringt mit Claude Science eine spezialisierte Plattform für wissenschaftliche Forschung auf den Markt. Das Multi-Agenten-System soll komplexe Arbeitsabläufe in der Genomik, Proteomik und Chemieinformatik automatisieren und nachvollziehbar machen.
Seit dem 30. Juni 2024 ist das Tool in der öffentlichen Beta-Phase verfügbar. Abonnenten der Tarife Pro, Max, Team und Enterprise können es nutzen. Für Anthropic bedeutet der Schritt einen strategischen Wandel: weg vom universellen KI-Assistenten, hin zu spezialisierten, reproduzierbaren Wissenschafts-Workflows.
Reproduzierbarkeit als Kernversprechen
Claude Science fungiert als integrierte Entwicklungsumgebung für datenintensive Forschungsprojekte. Ein koordinierender Agent greift dabei auf über 60 kuratierte Fähigkeiten und Datenbanken zurück. Ein separater Prüf-Agent kontrolliert Zitate und überprüft numerische Berechnungen auf Korrektheit.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Rückverfolgbarkeit (Provenance Tracking). Das System dokumentiert jeden Schritt eines Forschungsprojekts lückenlos – eine Antwort auf die viel diskutierte Reproduzierbarkeitskrise in den Wissenschaften.
Die Software läuft auf bestehenden Claude-Modellen, darunter Opus 4.8. Zeitgleich veröffentlichte Anthropic am 2. Juli 2024 die Modelle Sonnet 5 und Fable 5. Forscher können Claude Science lokal auf macOS und Linux nutzen oder über SSH und Hochleistungsrechner-Umgebungen (HPC) darauf zugreifen.
NVIDIA-Integration und biotechnologische Werkzeuge
Für die Strukturbiologie und Genomik hat Anthropic Fähigkeiten aus dem NVIDIA BioNeMo Agent Toolkit integriert. Dadurch können Forscher direkt in der Claude-Science-Umgebung auf fortschrittliche Modelle wie Evo 2, Boltz-2 und OpenFold3 zugreifen.
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Die Plattform bewältigt konkrete Laboraufgaben: von der Einzelzell-RNA-Sequenzierung bis zum Design von CRISPR-Screenings. Eric Kauderer-Abrams, Leiter der Life Sciences bei Anthropic, betont das Ziel, eine einheitliche Umgebung zu schaffen, die Werkzeuge für Einzelzell- und Proteomik-Analysen bündelt.
Erste Anwender berichten von deutlichen Effizienzgewinnen. Forscher am Allen Institute und der University of California in San Francisco (UCSF) nutzen das System bereits. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Ein UCSF-Wissenschaftler identifizierte mit Claude Science in Minuten eine virale Kontamination, die ein Jahr lang übersehen worden war.
Eigene Wirkstoffforschung und Wettbewerb
Parallel zur Produkteinführung kündigte Anthropic ein internes Programm zur Entwicklung von Medikamenten gegen vernachlässigte Krankheiten an. Jonah Cool, Leiter der Life-Sciences-Partnerschaften, erklärte, das Unternehmen werde Forschungsbereiche angehen, die für die klassische Pharmaindustrie wirtschaftlich unattraktiv sind. Die eigene präklinische Forschung soll helfen, die KI-Werkzeuge für externe Wissenschaftler besser zu optimieren.
Mit dieser Strategie tritt Anthropic in direkte Konkurrenz zu Google DeepMind und OpenAI, die mit GPT-Rosalind ebenfalls im wissenschaftlichen Bereich aktiv sind. Die wirtschaftlichen Perspektiven sind beeindruckend: Branchenanalysten prognostizieren, dass der Markt für KI-gestützte Wirkstoffforschung von rund vier Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 25 Milliarden Euro bis 2035 wachsen könnte. Noch breiter gefasst: Der KI-Markt in den Life Sciences, 2025 auf 17 Milliarden Euro geschätzt, soll bis 2031 auf 69 Milliarden Euro klettern.
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Beschleunigte Medikamentenentwicklung in Sicht
Das Potenzial der Technologie unterstreicht Novartis-CEO Vas Narasimhan. Er schätzt, dass KI die Entwicklungszeiten für Medikamente von zwölf auf etwa sieben bis acht Jahre verkürzen könnte – bei gleichzeitig verdoppelten Erfolgsquoten.
Um die Verbreitung in der akademischen Welt und bei Startups zu fördern, vergibt Anthropic Förderungen von bis zu 30.000 Euro in Guthaben für bis zu 50 Projekte. Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2024. Die Unternehmensführung betont, die Mission sei die Entwicklung von KI für das langfristige Wohlergehen der Menschheit – und die Life Sciences böten dafür derzeit die größte unmittelbare Chance.

