Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic hat religiöse Denker, Philosophen sowie Fachleute für psychische Gesundheit an seinen Hauptsitz eingeladen, um über ethische Fragen und ein mögliches Bewusstsein künstlicher Intelligenz zu beraten. Entsprechende Gespräche wurden durch Berichte über Treffen am Unternehmenssitz in San Francisco bekannt, nachdem Anfang Oktober 2026 Aufnahmen eines Teilnehmers öffentlich für Aufmerksamkeit gesorgt hatten.
Vertrauliche Gespräche über moralischen Status
Zu den Gästen zählte unter anderem Swami Sarvapriyananda, der Leiter der Vedanta Society of New York. Er berichtete nach Medienangaben, dass er im Anschluss an ein Online-Interview nach San Francisco gereist sei, um über KI-Ethik, Moral, Bewusstsein und das Training des Sprachmodells Claude zu sprechen. Reise und Unterkunft habe das Unternehmen übernommen, wobei ein KI-System die Buchung von Flug und Hotel abgewickelt habe.
Die Zusammenkünfte unterlagen strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen. Sarvapriyananda habe eine entsprechende Erklärung unterzeichnet; die Beratungen mit Theologen, Seelsorgern und Gesundheitsexperten sowie die präsentierten Inhalte seien geheim gehalten worden.
Nach eigenen Angaben sprach er stundenlang mit einem Mitgründer des Unternehmens. Dabei seien auch interne Bezeichnungen wie Mythos und ein Projekt namens Glasswing zur Sprache gekommen, zu denen jedoch keine näheren Einzelheiten vorliegen. Die Hindustan Times wies darauf hin, dass sich die Echtheit der viral verbreiteten Videoaufnahmen des Religionsvertreters nicht unabhängig überprüfen ließ.
Breite Konsultation verschiedener Weltanschauungen
Die Dialoge beschränkten sich nicht auf eine einzelne Tradition. Wie US-Medien berichteten, konsultierte Anthropic Dutzende Denker aus katholischen, jüdischen, evangelikalen und Sikh-Gemeinschaften. Bereits im April habe in San Francisco ein entsprechendes Abendessen mit Vertretern verschiedener Religionen stattgefunden.
Zudem wurden Berichten zufolge afrikanische philosophische Stimmen einbezogen. Anthropic soll sogenannte Kreise der Weisheitstraditionen veranstaltet haben, wobei das Unternehmen diese Runden nicht direkt offiziell bestätigte.
Bereits seit dem Herbst 2025 lädt Anthropic nach vorliegenden Berichten religiöse Fachleute zu solchen vertraulichen Gesprächen ein, um über den moralischen Status und theoretische Bewusstseinsfragen moderner Systeme zu debattieren.
Leitlinien und Fragen zur Empfindungsfähigkeit
Anthropic hat zu keinem Zeitpunkt erklärt, Claude verfüge über ein Bewusstsein oder Empfindungsfähigkeit. Auch Untersuchungen emotionaler Muster stellen laut den Berichten keinen Nachweis für ein tatsächliches Empfinden dar.
Forschende des Unternehmens zeigten Teilnehmern jedoch Analysen emotionaler Vektoren für Zustände wie Liebe, Ärger, Angst und Traurigkeit. Auf einer Folie sei zudem ein Modell zu sehen gewesen, das wiederholt schrieb, es sei eine Schande.
Mitgründer Christopher Olah äußerte laut Berichten von Teilnehmern Sorge darüber, ob durch die Entwicklung möglicherweise ein dauerhaft leidendes System geschaffen worden sein könnte, und thematisierte das psychische Wohl des Modells.
Um das Verhalten von Claude zu steuern, stützt sich Anthropic auf eine Verfassung mit allgemeinen Leitprinzipien. Dieses Dokument umfasst 84 Seiten und soll dem Sprachmodell ermöglichen, auch in vorab nicht geregelten Kontexten sachgerechte Entscheidungen zu treffen.
Olah beschrieb diesen methodischen Ansatz als moralische Prägung. Mit den Beratungen versucht das Unternehmen offenbar, über rein technische Sicherheitsfragen hinauszugehen und philosophische sowie theologische Perspektiven in die Entwicklung einfließen zu lassen.

