Der US-Softwarekonzern ClickUp vollzieht einen radikalen Kurswechsel: Rund 22 Prozent der Belegschaft müssen gehen, stattdessen übernehmen 3.000 digitale Arbeiter die Routineaufgaben. Das Unternehmen spricht von einem „100x-Organisationsmodell“ – und könnte damit zum Vorbild für die gesamte Branche werden.
ClickUp, Anbieter einer gleichnamigen Produktivitätsplattform, hat im Mai 2026 rund 290 seiner zuletzt 1.300 Beschäftigten entlassen. Doch anders als bei üblichen Sparrunden handelt es sich hier um eine grundlegende Neuausrichtung. Firmenchef Zeb Evans stellt den Schritt als „fundamentalen Wandel“ dar: Künstliche Intelligenz übernimmt künftig den Großteil der operativen Arbeit.
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3.000 KI-Agenten für 1.000 Mitarbeiter
Das Herzstück der neuen Strategie ist das sogenannte 100x-Organisationsmodell. Rund 3.000 interne KI-Agenten sollen künftig drei Viertel der operativen Aufgaben erledigen – vom Kundenservice über Projektmanagement bis zur Datenanalyse. Das Verhältnis: drei digitale Arbeiter pro verbleibendem menschlichen Mitarbeiter.
Besonders betroffen von den Entlassungen waren die Bereiche Kundenservice, Vertrieb, Content-Produktion und Qualitätssicherung. Die verbleibenden Angestellten sollen sich künftig auf strategische und kreative Aufgaben konzentrieren, während die KI die technischen und repetitiven Tätigkeiten übernimmt.
ClickUp ist damit eines der ersten großen Software-Unternehmen, dessen Chef die Entlassungen offen mit dem Einsatz von KI-Arbeitern begründet. Bisher hielten sich die meisten Tech-Konzerne mit solchen Aussagen zurück.
Millionengehälter für KI-Manager
Doch der Umbau hat auch eine Kehrseite: ClickUp führt neue Gehaltsstrukturen ein. Einzelne Mitarbeiter können künftig bis zu eine Million Euro pro Jahr verdienen – vorausgesetzt, sie bauen, managen oder optimieren KI-Systeme, die die Produktivität vervielfachen.
Das Signal ist klar: Die Zahl der Beschäftigten sinkt, aber der Wert der verbleibenden „KI-nativen“ Arbeitskräfte steigt massiv. Der moderne Tech-Mitarbeiter wird vom Aufgabenausführenden zum Orchestrator autonomer Systeme.
Branchentrend: KI ersetzt Arbeitsplätze
ClickUp steht mit diesem Kurs nicht allein. Im Mai 2026 kündigte auch der Website-Baukasten-Anbieter Wix an, zwischen 800 und 1.000 Stellen zu streichen – rund 20 Prozent der Belegschaft. Das ist die größte Entlassungswelle in der 20-jährigen Firmengeschichte. Begründung: der verstärkte Einsatz von KI-Tools.
Bereits zuvor hatte der Finanzsoftware-Riese Intuit mehr als 3.000 Stellen gestrichen, um sich auf KI-gesteuerte Dienste zu konzentrieren. Und selbst die Commonwealth Bank of Australia bereitet ihre 55.000 Mitarbeiter auf Veränderungen vor. Konzernchef Matt Comyn warnte kürzlich davor, den Beschäftigten „falsche Sicherheit“ in Bezug auf ihre Jobs zu geben.
Die Forschung untermauert den Trend: Laut Gartner haben rund 80 Prozent der Unternehmen, die autonome KI-Systeme eingeführt haben, anschließend Personal abgebaut. Allerdings seien die finanziellen Erträge oft noch unklar – viele Firmen setzen offenbar auf strukturellen Wandel statt auf kurzfristige Gewinne.
Investoren lieben schlanke Teams
Der Kapitalmarkt honoriert den Trend zu schlanken, hochproduktiven Teams. Erst Anfang Mai 2026 sammelte das Startup Polsia – ein Ein-Mann-Unternehmen, das nahezu alle Aufgaben mit KI erledigt – 30 Millionen Euro bei einer Bewertung von 250 Millionen Euro ein. Ein klares Signal, dass Investoren zunehmend Wert auf hohe Wertschöpfung bei minimalem Personalbestand legen.
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Warnung aus dem Vatikan
Die Entwicklung ruft aber auch Kritiker auf den Plan. Christopher Olah, Mitgründer des KI-Forschungsunternehmens Anthropic, warnte am 25. Mai 2026 bei einer Veranstaltung im Vatikan: Künstliche Intelligenz werde menschliche Arbeitskraft in massivem Umfang verdrängen. Die Entwicklung solcher Technologien dürfe nicht allein privaten Konzernen überlassen bleiben.
Die Rede fiel zeitgleich mit der Veröffentlichung der neuen Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV., die sich mit dem Spannungsfeld zwischen KI und Menschenwürde befasst und eine ethischere Technologieentwicklung fordert.
Milliarden für Umschulung
Einige Unternehmen reagieren bereits. Die Commonwealth Bank hat ein 90 Millionen Euro schweres „Future Workforce Programme“ aufgelegt, um ihre Mitarbeiter für die KI-Integration zu qualifizieren. Mehr als 27.600 Beschäftigte haben bereits an internen KI-Schulungen teilgenommen.
Ausblick: Wird das 100x-Modell zum Standard?
Die Experimente bei ClickUp und Wix könnten richtungsweisend für die gesamte SaaS-Branche werden. Ob das 100x-Organisationsmodell hält, was es verspricht, hängt davon ab, ob die 3.000 KI-Agenten die Qualität und Innovationskraft liefern können, die bisher menschliche Teams erbracht haben.
Klar ist: Die zweite Hälfte des Jahres 2026 wird zeigen, ob die versprochenen Produktivitätsgewinne autonomer Systeme in nachhaltiges finanzielles Wachstum münden – oder ob der radikale Umbau am Ende mehr kostet, als er einbringt.

