Cloud-Abhängigkeit: 260 Milliarden Euro Wertschöpfung fließt zu USA

Europa verliert bei KI-Rechenzentren und Cloud-Diensten massiv an Boden. Neue EU-Gesetze wie der Cloud and AI Development Act sollen die Abhängigkeit von US-Tech-Riesen verringern.

Untersuchungen zur digitalen Infrastruktur verdeutlichen eine wachsende Kluft zwischen Europa und den technologisch führenden Nationen USA und China. Aktuelle Analysen von Deloitte UK zeigen, dass Europa insbesondere bei der Hardware-Basis für Künstliche Intelligenz (KI) stark ins Hintertreffen geraten ist.

Demnach werden mehr als 90 Prozent der weltweiten Kapzitäten für KI-Rechenzentren von den USA und China kontrolliert. Diese Dominanz erstreckt sich auch auf den europäischen Cloud-Markt, in dem US-amerikanische Anbieter mit Stand des Jahres 2025 einen Marktanteil von 85 Prozent hielten.

Marktdominanz und öffentliche Auftragsvergabe

Die Konzentration auf wenige außereuropäische Akteure zeigt sich beispielhaft am britischen Cloud-Rahmenvertrag G-Cloud 15. Über diesen werden über einen Zeitraum von vier Jahren öffentliche Ausgaben in Höhe von 14 Milliarden Britischen Pfund abgewickelt.

Marktanalysen zufolge kontrollieren die Anbieter Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure zusammen etwa 70 bis 80 Prozent des britischen Marktes, während Google einen Anteil von 5 bis 10 Prozent hält. Obwohl rund 90 Prozent der im Rahmenvertrag gelisteten Anbieter kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind, verbleibt das finanzielle Hauptvolumen bei den US-Hyperscalern.

Branchenexperten wie der CEO des Cloud-Anbieters Civo warnen in diesem Zusammenhang vor sogenanntem „Sovereignty-Washing“. Damit wird die Praxis bezeichnet, Cloud-Dienste als souverän zu vermarkten, obwohl sie weiterhin rechtlichen Risiken wie dem US CLOUD Act unterliegen.

Dieses Gesetz erlaubt US-Behörden unter bestimmten Bedingungen den Zugriff auf Daten US-amerikanischer Unternehmen, unabhängig davon, an welchem Ort der Welt diese physisch gespeichert sind. Betroffen sind hiervon auch große Sicherheits- und Netzwerkdienstleister wie Zscaler, Palo Alto Networks und Cisco.

Ökonomische Folgen der Abhängigkeit

Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Abhängigkeit sind erheblich. Eine gemeinsame Untersuchung von Asterès und Cigref beziffert die jährliche Wertschöpfung, die von Europa an US-amerikanische Cloud- und Softwareanbieter abfließt, auf 260 Milliarden Euro.

Für den Zeitraum von 2026 bis 2030 wird mit Preissteigerungen gerechnet, die zusätzliche Kosten von jährlich 140 Milliarden Euro verursachen könnten. Dies könnte laut den Analysten zu einem Wertschöpfungsverlust von 107 Milliarden Euro führen und bis zum Jahr 2030 potenziell 1,4 Millionen Arbeitsplätze gefährden.

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Trotz dieser Herausforderungen zeigen sich regionale Unterschiede in der europäischen IT-Landschaft. Polen beispielsweise konnte seine IT-Exporte im Jahr 2023 auf 14,25 Milliarden Euro steigern und damit Nationen wie Japan oder Südkorea übertreffen. Gleichzeitig stiegen die dortigen Stundenlöhne im IT-Sektor im Jahr 2025 um 8,8 Prozent und damit deutlich stärker als der EU-Durchschnitt von 4,1 Prozent.

Regulatorische Maßnahmen und Souveränitätspakete

Die Europäische Union reagiert auf diese Entwicklungen mit einem umfassenden Tech-Souveränitätspaket. Ein zentraler Bestandteil ist der im Juni 2026 vorgestellte Cloud and AI Development Act (Cada), der europäische Rechenzentren bevorzugen und die Integration von Open-Source-Lösungen fördern soll.

Bereits zuvor wurden Initiativen wie der Chips Act mit einem Volumen von 52,7 Milliarden US-Dollar (USA) beziehungsweise das EU-Programm InvestAI mit 200 Milliarden Euro gestartet, um die Abhängigkeiten bei Halbleitern und Energie zu reduzieren.

Im Bereich der Datennutzung setzt der EU Data Act neue Maßstäbe. Seit September 2025 haben Nutzer das Recht, auf Daten zuzugreifen, die durch vernetzte Produkte generiert wurden. Ab dem 12. September 2026 wird zudem das Prinzip „Access by Design“ zur Pflicht für Hersteller.

Parallel dazu verschärft die EU die Durchsetzung bestehender Richtlinien: Im Juli 2026 verklagte die EU-Kommission mehrere Mitgliedstaaten, darunter Irland, Spanien, Frankreich und die Niederlande, wegen der noch nicht vollständig erfolgten Umsetzung der NIS2-Richtlinie.

Strategien für Unternehmen und Organisationen

Für Finanzinstitute sind seit Januar 2025 durch die DORA-Verordnung (Digital Operational Resilience Act) nachweisbare Notfallpläne verpflichtend. Experten raten IT-Verantwortlichen, Verträge systematisch auf Exit-Pläne, Audit-Rechte und die rechtliche Zuständigkeit des Anbieters zu prüfen. Dabei wird betont, dass die reine Datenresidenz – also der Speicherort der Daten innerhalb Europas – nicht mit echter technologischer Souveränität gleichzusetzen ist.

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Einige Staaten wählen bereits protektionistische Ansätze: Frankreich setzt zur Sicherung der Cybersicherheit verstärkt auf heimische KI-Anbieter wie Mistral und schließt Anbieter wie OpenAI für bestimmte Behördenbereiche aus. Dieser Schritt erfolgte unter anderem nach einem schwerwiegenden Cyberangriff auf die Steuerbehörden im August 2026, bei dem Daten von etwa 700.000 Steuerzahlern betroffen waren.

Marktforscher wie Gartner ordnen die europäischen Akteure in diesem globalen Gefüge derzeit noch als Nischenanbieter oder Herausforderer ein. Während Anbieter wie OVHcloud durch den Verzicht auf Exit-Gebühren punkten, führen US-Konzerne sowie chinesische Unternehmen wie Alibaba und Huawei weiterhin in den Bereichen Vision und Ausführung.

Für die Zeit bis 2036 hat Deloitte vier Szenarien definiert, die von einer weiteren Konsolidierung der US-Dominanz bis hin zu einer erfolgreichen Rückgewinnung europäischer Souveränität reichen.