Cloud Act: EU zwingt AWS und Azure zur Gatekeeper-Einstufung

Die EU will mit dem Cloud and AI Development Act den Rechenzentrumsmarkt verdreifachen und AWS sowie Azure als Gatekeeper einstufen.

Die EU-Kommission will mit einem Bündel aus Regulierung und Industriepolitik die digitale Souveränität Europas erzwingen. Im Zentrum steht der „Cloud and AI Development Act“ (CADA), der den Markt für Rechenzentren in den nächsten Jahren verdreifachen soll. Gleichzeitig droht Amazon und Microsoft die Einstufung als Marktwächter – mit weitreichenden Folgen für ihre Geschäftsmodelle.

Amazon und Microsoft im Visier der DMA

Die EU-Kommission bereitet offenbar die Einstufung von Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure als sogenannte Gatekeeper nach dem Digital Markets Act (DMA) vor. Der Schritt wäre eine Zäsur: Die beiden US-Konzerne kontrollieren nach aktuellen Daten aus dem ersten Quartal 2026 mehr als 65 Prozent des europäischen Cloud-Marktes.

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Auslöser der verschärften Prüfung waren unter anderem massive Ausfälle im Herbst 2025 – ein 15-stündiger AWS-Ausfall und eine neunstündige Azure-Störung legten europaweit Dienste lahm. Sollte die Einstufung bis Ende 2026 finalisiert werden, müssten die Anbieter ihre Gebührenstrukturen grundlegend überarbeiten. Besonders die sogenannten Egress-Gebühren – aktuell rund neun Cent pro Gigabyte – stünden dann auf dem Prüfstand. Die DMA würde zudem mehr Datenportabilität und Interoperabilität erzwingen, um den Wechsel zu anderen Anbietern zu erleichtern.

CADA: Drei Mal mehr Rechenzentren bis 2033

Am 3. Juni 2026 legte die Kommission den Entwurf für den Cloud and AI Development Act vor. Das Ziel ist ambitioniert: Der europäische Rechenzentrumsmarkt soll sich innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Kernstück ist ein vierstufiges „Union Assurance Level“-System, das technologische Souveränität garantieren soll.

Die Stufen im Überblick:
Level 1: Drittstaaten-Besitz erlaubt, aber Datenverarbeitung zwingend in der EU
Level 2 und 3: Strengere Auflagen zur Unabhängigkeit von Nicht-EU-Staaten, inklusive Migrationsplänen und Software-Stücklisten
Level 4: Volle Transparenz und Verbot jeglicher Kontrolle durch Drittstaaten

Um den Ausbau zu beschleunigen, sieht der Entwurf eine 12-Monats-Frist für Baugenehmigungen in ausgewiesenen „Green Corridors“ vor. Die Mitgliedsstaaten müssen diese Beschleunigungszonen innerhalb von sechs Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes benennen.

Neue Strategie für KI-Gigafabriken

Auch bei der Industriepolitik für Künstliche Intelligenz schwenkt die EU um. Das EuroHPC Joint Undertaking gab am 16. Juni 2026 bekannt, dass die ursprüngliche Planung von fünf identischen KI-Gigafabriken aufgegeben wird. Stattdessen setzt man nun auf einen zweistufigen Ansatz: vier kleinere und drei größere Anlagen.

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Die Finanzierung sieht rund 4,1 Milliarden Euro an EU-Subventionen vor, die durch einen gleichen Betrag der Mitgliedsstaaten ergänzt werden. 65 Prozent der Gesamtkosten sollen private Investoren tragen. Ein französisches Konsortium namens AION unter Führung von Scaleway hat bereits Investitionen von umgerechnet rund neun Milliarden Euro für eine dieser Anlagen vorgeschlagen. Der erste Spatenstich ist für 2027 geplant, allerdings werden voraussichtlich nur zwei Zentren vor 2028 eine Förderung erhalten.

Open Source und öffentliche Aufträge

Der CADA-Entwurf signalisiert zudem einen Kurswechsel bei der öffentlichen Beschaffung. Künftig sollen nicht mehr reine Preisvergleiche den Zuschlag geben, sondern der Beitrag eines Anbieters zum europäischen Ökosystem und zur digitalen Souveränität. Das Europäische Parlament ist bereits vorangegangen und hat seine Standardsuchmaschine auf den französischen Anbieter Qwant umgestellt.

Parallel dazu fördert die Kommission einen „Open Source First“-Ansatz mit einem Zwei-Milliarden-Euro-Programm. Ziel ist es, bis 2030 30 Millionen aktive Nutzer von Open-Source-Tools zu erreichen. Diese Anforderungen könnten künftig auch auf private Unternehmen in kritischen Sektoren ausgeweitet werden – etwa im Rahmen der NIS2-Richtlinie.

Kritik und Zielkonflikte

Das Gesetzespaket stößt auf ein geteiltes Echo. Der Branchenverband CCIA Europe kritisiert den Rahmen als diskriminierend. Einige Abgeordnete des Europaparlaments fordern sogar noch zentralere Ansätze oder bessere Bedingungen für private Investitionen.

Vertreter der European Data Centre Association weisen auf einen grundlegenden Zielkonflikt hin: Die KI-Ambitionen der EU könnten mit ihren Klimazielen kollidieren. Das derzeitige europäische Energiesystem sei möglicherweise nicht in der Lage, den Strombedarf neuer KI-Rechenzentren zu decken. Eine vorübergehende Abhängigkeit von Gaskraftwerken könnte nötig sein, um technologisch nicht den Anschluss an internationale Wettbewerber zu verlieren.

Der CADA-Entwurf durchläuft derzeit das Gesetzgebungsverfahren. Die endgültige Verabschiedung wird für Ende 2027 angestrebt.