Die Europäische Kommission hat am Dienstag ihr lang erwartetes „Europäisches Technologie-Souveränitätspaket“ vorgestellt. Mit zwei neuen Gesetzesvorhaben und einer Offensive für europäische Cloud-Dienste will Brüssel die Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen drastisch reduzieren. Derzeit fließen jährlich rund 264 Milliarden Euro aus der EU in die Kassen amerikanischer Tech-Firmen.
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Cloud-Gesetz zielt auf US-Dominanz
Das Herzstück des Pakets ist der Cloud and AI Development Act (CADA). Rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes werden derzeit von Microsoft, Amazon und Google kontrolliert – ein Zustand, den Brüssel nicht länger hinnehmen will.
Das neue Gesetz führt ein vierstufiges Souveränitätsmodell für Cloud-Dienste ein. Die höchste Stufe bleibt sensiblen öffentlichen Bereichen wie Verteidigung, Gesundheit und Banken vorbehalten. EU-Kommissarin Henna Virkkunen machte deutlich, dass US-Unternehmen diese Stufe kaum erreichen können – der US Cloud Act erlaube amerikanischen Behörden weiterhin den Zugriff auf im Ausland gespeicherte Daten.
Die EU will deshalb die eigene Rechenzentrums-Kapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Das langfristige Ziel: 65 Gigawatt Kapazität innerhalb eines Jahrzehnts und 200 Milliarden Euro an privaten Investitionen bis 2036.
Chips Act 2.0: Europas Halbleiter-Offensive
Parallel dazu legt Brüssel eine überarbeitete Version des Chips Act vor. Derzeit stammen mehr als 80 Prozent aller digitalen Produkte in der EU aus dem Ausland. Die neue Gesetzgebung konzentriert sich auf die Entwicklung und Produktion von KI-spezifischen Chips sowie den Aufbau eigener Fertigungsstätten.
Bis 2030 soll die EU 20 Prozent des globalen Halbleitermarktes kontrollieren. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, verspricht die Kommission Bürokratieabbau für chip-Hersteller und den Aufbau eines robusten Ökosystems für europäische Hardware.
Euro-Office: Europäische Antwort auf Microsoft 365
Neben den Gesetzesvorhaben formiert sich auch die Privatwirtschaft. Ein Bündnis europäischer Software-Anbieter bringt am 9. Juni eine direkte Alternative zu Microsofts Office-Suite auf den Markt.
Das „Euro-Office“-Projekt ist als souveräne Software-as-a-Service-Plattform konzipiert und richtet sich an Regierungen, Schulen und Unternehmen. Zur Koalition gehören namhafte europäische Unternehmen wie IONOS, Nextcloud, Tuta, OpenProject und XWiki. Die Software basiert auf einer AGPL-lizenzierten Version von ONLYOFFICE und ist voll kompatibel mit Microsoft Office-Formaten.
Tuta-CEO Matthias Pfau spricht von einer „souveränen Alternative mit Fokus auf Datenschutz“. IONOS-Chef Achim Weiss betont die Notwendigkeit europäischer Lösungen angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen.
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Open Source als strategischer Hebel
Die EU setzt bei ihrer Strategie stark auf Open-Source-Software. Bis 2030 sollen 30 Millionen aktive Nutzer für kollaborative Open-Source-Tools gewonnen werden. Der Europäische Parlament hat bereits vorgelegt und nutzt inzwischen die französische Suchmaschine Qwant.
Die Kommission verweist auf Studien, wonach jeder investierte Euro in Open-Source-Software vier bis fünf Euro zurückbringt. Künftig sollen bei öffentlichen Ausschreibungen Souveränitäts-Risikobewertungen durchgeführt werden. Bei kritischen öffentlichen Aufträgen erhalten europäische Software und Hardware Vorrang.
Der Branchenverband CCIA Europe kritisierte die Maßnahmen als protektionistisch. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen konterte: Das Paket sei notwendig, um Bürger zu schützen und europäische Interessen zu verteidigen.

