AWS und Microsoft Azure droht die Einstufung als „Gatekeeper“ – das hätte weitreichende Folgen für den europäischen Cloud-Markt.
Die Europäische Kommission hat am Mittwoch eine vorläufige Entscheidung getroffen: Die Cloud-Dienste von Amazon (AWS) und Microsoft Azure sollen künftig als zentrale Zugangsanbieter unter den Digital Markets Act (DMA) fallen. Das teilte die Behörde nach einer Marktuntersuchung mit, die im November 2025 gestartet war.
Was bedeutet die Einstufung?
Mit dem DMA will die EU die Marktmacht großer Digitalkonzerne beschneiden. Wer als Gatekeeper gilt, muss strengere Regeln einhalten – etwa faire Bedingungen für Geschäftskunden schaffen und Datenzugänge öffnen. Die Kommission sieht AWS und Azure als „wesentliche Tore“ für Unternehmen, um ihre Kunden zu erreichen.
Branchenbeobachter schätzen, dass die beiden Anbieter gemeinsam rund 60 Prozent des europäischen Cloud-Marktes kontrollieren. Microsoft selbst wies darauf hin, dass Google Cloud in der Liste fehlt – ein Punkt, der für Diskussionen sorgen dürfte.
Eine endgültige Entscheidung über den Gatekeeper-Status wird bis Dezember 2026 erwartet. Sollte die Einstufung bestätigt werden, hätten beide Konzerne sechs Monate Zeit, um die DMA-Vorgaben umzusetzen. Amazon kritisierte den Schritt bereits scharf: Er könne Investitionen bremsen und ignoriere die Vielfalt des Cloud-Marktes.
Deutschlands teure Abhängigkeit von Microsoft
Die Brüsseler Initiative trifft in Deutschland auf einen sensiblen Nerv. Denn die Kosten für Softwarelizenzen explodieren. Zwischen 2017 und 2024 gab der Bund direkt rund 1,3 Milliarden Euro für Microsoft-Lizenzen aus. Rechnet man die indirekten Verwaltungskosten hinzu, dürfte die Summe bis 2025 auf über 1,9 Milliarden Euro steigen.
Wer die drohende DMA-Einstufung von AWS und Azure für seine Cloud-Strategie nutzen will, findet in diesem Report die wichtigsten Hebel – von Compliance-Checkliste bis Kostenanalyse. Jetzt kostenlosen Strategie-Report anfordern
Der Versuch der Bundesregierung, mit „OpenDesk“ eine eigene, souveräne Alternative zu schaffen, ist bislang gescheitert: Nur 8.566 Lizenzen sind aktuell im Einsatz. Die Nettoausgaben für Bund-Lizenzen steigen derweil weiter – von 211 Millionen Euro im Jahr 2022 auf prognostizierte 481 Millionen Euro im Jahr 2025.
Europas Kampf um digitale Souveränität
Die Debatte um technologische Unabhängigkeit gewinnt an Fahrt. Im Sicherheitssektor setzen europäische Behörden zunehmend auf heimische Anbieter. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der französische Inlandsgeheimdienst DGSI sind von Palantir auf den europäischen Anbieter ChapsVision umgestiegen.
Noch drastischer ist die Lage bei der Künstlichen Intelligenz. Nachdem die USA im Juni 2026 die Exporte der KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 von Anthropic blockiert hatten, schlugen Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst und BSI-Präsidentin Claudia Plattner Alarm: Europa müsse endlich unabhängig werden.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß des Rückstands: Während Microsoft jährlich rund 110 Milliarden Euro in KI investiert und China etwa 100 Milliarden Euro, gibt Deutschland gerade einmal 0,7 Milliarden Euro pro Jahr aus.
Deutsch-französische KI-Offensive
Die Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern wird für deutsche Unternehmen immer teurer: 1,9 Milliarden Euro gab der Bund bis 2025 für Microsoft-Lizenzen aus. Dieser Report zeigt, wie Sie mit europäischen Alternativen Kosten senken und digitale Souveränität gewinnen. Europäische Cloud-Alternativen jetzt prüfen
Um die Lücke zu schließen, verstärken Deutschland und Frankreich ihre Zusammenarbeit. Auf der Vivatech 2026 im Juni unterzeichneten die Forschungsinstitute Inria, DFKI und Fraunhofer ein Abkommen zur Gründung eines deutsch-französischen Binationalen Zentrums für Künstliche Intelligenz.
Das Ziel: eine gemeinsame Forschungsagenda für souveräne, sichere und transparente KI-Infrastruktur. „Sovereign-by-Design“ – also von Grund auf unabhängig – ist nicht nur für Sicherheitsbehörden ein Thema. Auch deutsche Unternehmen, die ihre SAP-Systeme modernisieren, fordern zunehmend europäische Lösungen.

