Interne Analysen von Microsoft verdeutlichen die massiven Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz Copilot auf die Reichweite von Medienhäusern. Wie aus unredigierten Gerichtsakten im Urheberrechtsverfahren der New York Times hervorgeht, sinken die Klickraten für Publisher durch den Einsatz des KI-Assistenten drastisch. In der Spitze verzeichneten betroffene Unternehmen einen Rückgang der Zugriffe um bis zu 94 Prozent gegenüber herkömmlichen Suchergebnissen.
Drastischer Einbruch der Nutzerströme
Die nun bekannt gewordenen Daten belegen, dass die Integration von KI-Antworten in die Suchoberfläche den direkten Traffic zu den Inhaltsanbietern erheblich untergräbt. Für Suchergebnisse der New York Times sanken die Klickraten im Vergleich zur Standard-Suche von Bing um 87 bis 93 Prozent.
Ähnlich hohe Verluste verzeichneten Domains der Verlagsgruppe Ziff-Davis, zu der unter anderem Portale wie Eurogamer und IGN gehören. Hier lag der Rückgang der Klickraten zwischen 51 und 94 Prozent.
Weitere Erhebungen von Microsoft bestätigen dieses Bild für eine breite Basis an Nachrichtenanbietern. Demnach beläuft sich das Minus bei einigen klagenden Medienhäusern auf 83 bis 93 Prozent, während andere Kläger Einbußen in einer Spanne von 51 bis 94 Prozent hinnehmen müssen. Diese Entwicklung stützt die These, dass Nutzer die benötigten Informationen direkt in der KI-Oberfläche konsumieren, anstatt die ursprüngliche Website zu besuchen.
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Interne Warnungen vor einem „Doom Loop“
Innerhalb des Konzerns löste die Strategie bereits frühzeitig Bedenken aus. Brent Hecht, Microsoft Director of Applied Science, habe die Vorgänge bereits im Januar 2023 in einem internen Memo kritisch kommentiert. Er bezeichnete das massenhafte Scraping von Inhalten als erstaunlichen Diebstahl von beispiellosem Ausmaß und sprach vom größten Diebstahl von Arbeit in der Menschheitsgeschichte.
Zudem habe Hecht intern davor gewarnt, dass die Inhaltsstrategie im Bereich der Künstlichen Intelligenz eine Arbeit Teufelskreis, einen sogenannten „Doom Loop“, in Gang gesetzt habe. Dieser werde langfristig nicht nur die Leistungsfähigkeit der eigenen Modelle beeinträchtigen, sondern dem gesamten Web schaden.
Ein Sprecher von Microsoft relativierte diese Aussagen in einer Stellungnahme und ordnete sie als die persönliche Perspektive eines einzelnen Mitarbeiters ein.
Strategische Substitution statt Kooperation
Die Führungsriege von Microsoft und dem Partner OpenAI scheint sich der ersetzenden Wirkung ihrer Produkte bewusst zu sein. In einer eidesstattlichen Erklärung gab Microsoft-CEO Satya Nadella an, dass Chatbots Website-Besuche substituieren, da sie Informationen direkt bereitstellen.
Nadella betonte zudem, dass Paywall-Inhalte lizenziert werden sollten. Wäre dies nicht möglich, hätte er OpenAI dazu verpflichtet, die Modelle neu zu trainieren, um diese Inhalte auszuschließen.
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Auch seitens OpenAI wurde die Lage der Publisher als existenzielle Bedrohung eingestuft. Ein Führungschef des Unternehmens habe die eigenen Produkte als weitgehend substituierend für Nachrichteninhalte bezeichnet.
Einblicke in die interne Kommunikation zeigen zudem eine problematische Haltung gegenüber Schutzmechanismen von Medienhäusern: Auf den Vorschlag, Paywalls der New York Times zu umgehen, habe OpenAI-Mitgründer Greg Brockman zustimmend reagiert.
Rechtliche Auseinandersetzung erreicht neue Stufe
Die Dokumente sind Teil eines umfassenden Rechtsstreits. Die New York Times hat mittlerweile ein summarisches Urteil beantragt. Den Vorwürfen zufolge wurden für das Training der Modelle unter anderem Datensätze mit 1,8 Millionen Artikeln ohne kommerzielle Lizenz genutzt. Dabei seien systematisch Copyright-Hinweise entfernt und Bezahlschranken umgangen worden.
Welche finanziellen Dimensionen solche Verfahren erreichen können, zeigt ein Vergleichsfall aus der Branche: Der KI-Entwickler Anthropic zahlte in einer ähnlichen Auseinandersetzung eine Summe von 1,5 Milliarden US-Dollar. Angesichts der nun belegten Klickraten-Verluste dürfte der Druck auf Microsoft und OpenAI steigen, neue Vergütungsmodelle für die genutzten journalistischen Inhalte zu finden.

