Darmbakterien: Vaccensäure senkt Blutzucker und Blutfette

Konstanzer Forscher zeigen, wie Vaccensäure den Stoffwechsel beeinflusst. Zugleich wachsen Probiotika, Mundflora-Forschung und bakterielle Wirkstoffsuche.

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In der medizinischen Forschung verdichten sich die Hinweise darauf, wie maßgeblich bakterielle Stoffwechselprodukte die menschliche Gesundheit beeinflussen können. Wissenschaftler der Universität Konstanz haben in diesem Zusammenhang die Wirkung der Vaccensäure untersucht und einen bedeutenden Mechanismus identifiziert, der künftige Ansätze bei der Behandlung von Stoffwechselerkrankungen prägen könnte.

Bakterielle Metaboliten und ihre Wirkung auf den Stoffwechsel

Die Forschungsergebnisse der Universität Konstanz, die im Fachjournal EMBO Molecular Medicine im Jahr 2026 veröffentlicht wurden (DOI 10.1038/s44321-026-00516-3), belegen erstmals die Entdeckung eines bakteriellen Liganden für den Transkriptionsfaktor LRH-1/NR5A2. Dabei handelt es sich um die Vaccensäure, ein produkt von Darmbakterien, das natürlicherweise in Wiederkäuern entsteht und über den Konsum von Fleisch und Milchprodukten in den menschlichen Darm gelangt.

In Untersuchungen an Mausmodellen zeigte die Verabreichung von Vaccensäure eine deutliche Wirkung: Sowohl der Blutzuckerspiegel als auch die Blutfettwerte sanken signifikant. Zudem konnte ein Rückgang bereits bestehender Fettlebererkrankungen beobachtet werden.

Die Identifizierung dieses bakteriellen Liganden gilt als Meilenstein, da er zeigt, wie direkt mikrobielle Produkte in die hormonelle und metabolische Steuerung des Wirtsorganismus eingreifen können.

Probiotische Ansätze in der Gynäkologie und Dermatologie

Parallel zu den Erkenntnissen über die Vaccensäure gewinnen spezifisch formulierte Probiotika an Bedeutung für die klinische Anwendung. Das Institut Allergosan hat mit Omnibiotic Meno ein Präparat entwickelt, das elf Bakterienstämme mit Vitamin B6 sowie Pflanzenextrakten aus Rotklee, Soja, Salbei und Granatapfel kombiniert.

Eine Herstellerstudie mit 139 Frauen, deren Daten bereits 2024 in der Fachzeitschrift OM & Ernährung publiziert wurden, untersuchte die Wirkung bei einer zweimal täglichen Einnahme über acht Wochen.

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Den Ergebnissen zufolge konnten Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Müdigkeit signifikant gemildert werden. Angesichts von rund 9 Millionen Frauen in den Wechseljahren allein in Deutschland stellt dies ein relevantes Feld für die Gesundheitswirtschaft dar.

Auch in der Dermatologie wird das Potenzial des Mikrobioms zunehmend kommerziell genutzt. Der Konsumgüterkonzern Beiersdorf brachte unter der Marke Eucerin ein Produkt auf den Markt, das auf dem Wirkstoffkomplex TopiC.A basiert. Dieser nutzt zwei ruhende Bakterienstämme, die erst bei der Anwendung aktiviert werden.

Die Entwicklung stützt sich auf eine langjährige Forschungshistorie und die Übernahme des Unternehmens S-Biomedic im Jahr 2022. Der Markt für Akne-Produkte, in dem solche Probiotika positioniert werden, wuchs zwischen 2020 und 2025 jährlich um etwa 8,8 % und erreichte 2025 ein globales Einzelhandelsvolumen von 4,6 Milliarden Euro.

Systemische Risiken durch orale Bakterienbesiedlung

Die Bedeutung mikrobieller Gemeinschaften beschränkt sich jedoch nicht auf den Darm oder die Haut. Aktuelle Auswertungen unterstreichen die Risiken durch bakterielle Fehlbesiedlungen im Mundraum. Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden 70 % der Erwachsenen an Zahnfleischerkrankungen, wobei Parodontitis für mehr als die Hälfte aller Zahnverluste verantwortlich ist.

Eine im Jahr 2026 im Fachmagazin Lancet Public Health veröffentlichte Metaanalyse von 28 Langzeitstudien mit über 300.000 Teilnehmern zeigt zudem eine systemische Komponente: Eine bestehende Parodontitis erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes um 18 % bis 25 %.

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Umgekehrt belegen Daten von Cochrane, dass eine erfolgreiche Behandlung der Parodontitis den HbA1c-Wert nach sechs Monaten um 0,30 Prozentpunkte senken kann.

In einer im European Heart Journal veröffentlichten Untersuchung wurde zudem festgestellt, dass eine intensive Behandlung der Mundflora bei gesunden Personen mit schwerer Parodontitis nach zwei Jahren zu einer messbaren Verringerung der Halsschlagaderwanddicke um durchschnittlich 0,023 mm führte.

Expansion der Wirkstoffforschung und Infrastruktur

Die Suche nach neuen therapeutischen Substanzen aus Bakterien wird derweil intensiviert. Das Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) beschrieb in der Fachzeitschrift Advanced Science 118 neue Myxobakterien. Damit konnte die bekannte Vielfalt dieser Bakteriengruppe von bisher 32 auf 90 Gattungen gesteigert werden.

Im Rahmen dieser Forschung wurden fünf neue Substanzklassen identifiziert, darunter Myxoquaterine gegen Pilze und Sandarazole mit antibakterieller Wirkung.

Um die Forschung zu diesen komplexen Wechselwirkungen strukturell zu verankern, wurden Mitte September 2026 an der Tierärztlichen Hochschule Hannover drei neue „Research Integration Units“ (RIUs) bewilligt.

Die Projekte, darunter das Vorhaben „GutFeelings“, werden mit 2,5 Millionen Euro aus Mitteln des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums und der VolkswagenStiftung gefördert. Die Laufzeit ist auf 48 Monate angelegt, wobei nach zwei Jahren eine Zwischenevaluation über die Fortführung entscheidet.

Zusätzlich werden für Ende September neue Erkenntnisse aus der PRO-MENTAL-Studie erwartet. Diese untersucht bei 400 Menschen mit Diabetes den Zusammenhang zwischen Glukosevariabilität und der täglichen Lebensqualität, um die psychischen Auswirkungen einer strikten Stoffwechselkontrolle besser zu verstehen.