Die Bundesregierung startet eine digitale Offensive: Bis zum Ende des Jahrzehnts soll die heimische Rechenzentrums-Kapazität verdoppelt und die KI-Leistung vervierfacht werden. Das umfassende Maßnahmenpaket, das Digitalminister Karsten Wildberger diese Woche vorlegte, zielt darauf ab, die digitale Souveränität zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Tech-Giganten zu verringern. Parallel unterzeichnete Europa den Vertrag für den Supercomputer HammerHAI – ein weiterer Meilenstein im Wettlauf mit den USA und China.
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Steuerreform soll Kommunen zu Daten-Hotspots machen
Kern der neuen Strategie ist eine radikale Änderung der Steuerverteilung. Künftig fließt die Gewerbesteuer von Rechenzentren direkt an die Gemeinde, die die Anlage beherbergt – und nicht mehr an den Sitz der Betreiberfirma. „Damit sollen lokale wirtschaftliche Interessen mit den nationalen Digitalzielen in Einklang gebracht werden“, erklärt ein Branchenanalyst. Kommunen erhalten so einen directen Anreiz, um Infrastruktur-Investitionen zu werben.
Das 28-Punkte-Papier sieht zudem beschleunigte Genehmigungsverfahren, reservierte Flächen für Rechenzentren und den verpflichtenden Einsatz erneuerbarer Energien in neuen Anlagen vor. Investitionen aus Drittländern bleiben zwar willkommen, doch das primäre Ziel ist klar: Europa und deutsche Unternehmen entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette sollen gestärkt werden.
Abhängigkeit von US-Konzernen als Treiber
Die Dringlichkeit des Vorhabens wird durch eine ernüchternde Zahl deutlich: Ende 2025 betrug die KI-Rechenkapazität in Deutschland zwar 530 Megawatt. Der Löwenanteil davon wird jedoch von nicht-deutschen Unternehmen betrieben. Tech-Riesen wie Amazon, Microsoft und Google sind hierzulande nach wie vor die größten Investoren in Dateninfrastruktur.
Vor dem Hintergrund globaler Spannungen, steigender Zölle und sich auseinanderentwickelnder Regulierung will die Bundesregierung diese Abhängigkeit brechen. Als Gegengewicht zu den ausländischen Hyperscalern plant sie den Aufbau mindestens einer kommerziellen KI-Gigafactory in Deutschland. Diese soll von einem öffentlich-privaten Konsortium unter europäischer Führung betrieben werden.
Europas KI-Flaggschiff „HammerHAI“ kommt nach Stuttgart
Konkret wird die Strategie bereits: Am 16. März unterzeichnete die europäische Initiative EuroHPC JU den Vertrag mit Hewlett Packard Enterprise (HPE) für den Supercomputer HammerHAI. Es handelt sich um den ersten eigenständigen Supercomputer im Rahmen der EU-Initiative „KI-Fabriken“. Seine Heimat wird das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS).
Technisch setzt das System auf eine flüssigkeitsgekühlte NVIDIA GB200 NVL4-Architektur und soll eine Spitzenleistung von über 15 Exaflops für KI-Inferenz erreichen. „HammerHAI wird europäischen Startups und der Industrie ermöglichen, im großen Stil zu innovieren – komplett in Deutschland und unter strikter Einhaltung der EU-Datenschutzvorschriften“, betont EuroHPC-Chef Anders Jensen. Die Auslieferung ist für das zweite Quartal 2026 geplant.
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Private Investoren springen auf den Zug auf
Während der Staat die Großrechner vorantreibt, expandiert die Privatwirtschaft kräftig. Das deutsche Startup Polarise kündigte Mitte März den Bau eines 30-Megawatt-KI-Rechenzentrums in Amberg an. Bei einem Start Mitte 2027 würde dies die aktuell inländisch betriebene Kapazität bereits verdoppeln. Langfristig sind sogar 120 Megawatt geplant.
Gleichzeitig entsteht in Hanau bei Frankfurt ein riesiger Campus des Brookfield-Töchters Data4. Auf einem ehemaligen Militärgelände investiert das Unternehmen zwei Milliarden Euro in ein 180-Megawatt-Rechenzentrum, das vollständig mit Ökostrom betrieben werden soll. Der Spatenstich erfolgte bereits Ende 2025.
Wettbewerb der Kommunen und kürzere Bauzeiten erwartet
Was bedeutet das für die unmittelbare Zukunft? Marktbeobachter rechnen mit einem verstärkten Wettbewerb der Kommunen um Rechenzentrums-Projekte, angeheizt durch die neuen Steueranreize. Die geplanten vereinfachten Genehmigungsverfahren könnten zudem die Bauzeiten für heimische Anbieter spürbar verkürzen.
Die ambitionierten Ziele bis 2030 erfordern jedoch eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Hardware-Lieferanten, Kommunen und Energieversorgern. Gelingt dies, könnte Deutschland nicht nur seine technologischen Abhängigkeiten reduzieren, sondern ein wettbewerbsfähiges, souveränes KI-Ökosystem im Herzen Europas etablieren. Der Startschuss ist gefallen.





