Ernährungsmonitor: 76 Prozent halten staatliche Maßnahmen für unzureichend

Der Ernährungsmonitor zeigt breite Ablehnung von Lebensmittelabgaben und starke Zustimmung zu Rezepturänderungen sowie Präventionsangeboten.

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Staatliche Strategien gegen Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten stehen vor einem grundlegenden Spannungsfeld: Während die Bevölkerung ein entschlosseneres Handeln der Politik einfordert, stoßen finanzielle Lenkungsinstrumente wie Sonderabgaben auf breiten Widerstand.

Wie aus Berichten vom 30. September 2026 zum 13. Ernährungsmonitor 2026 des Forschungsinstituts GFS Bern im Auftrag der Schweizer Mineral- und Softdrinkproduzenten hervorgeht, halten drei Viertel beziehungsweise 76 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten die bisherigen staatlichen Maßnahmen gegen Übergewicht für unzureichend.

Zugleich sprechen sich zwei Drittel dafür aus, dass Zucker staatlich eingeschränkt werden müsse. Finanzielle Strafen lehnt eine deutliche Mehrheit jedoch ab.

Skepsis gegenüber Preisinstrumenten und Sondersteuern

Laut der Erhebung von GFS Bern lehnen 68 Prozent der Stimmberechtigten Sondersteuern auf zucker-, salz- oder fetthaltige Lebensmittel ab. Rund drei Viertel der Befragten bezweifeln, dass höhere Preise eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken können.

Eine zweckgebundene Zuckerabgabe findet bei 45 Prozent Unterstützung, während lediglich 19 Prozent ein Mindestalter für den Erwerb entsprechender Produkte befürworten. Der Bund verhandelt derzeit mit der Branche über freiwillige Selbstregulierungen, wobei bei einem Scheitern gesetzliche Vorgaben im Raum stehen.

Das Interesse am Thema Ernährung hat in der Schweiz einen Höchststand erreicht: 89 Prozent der Befragten gaben an, eher oder sehr daran interessiert zu sein – der höchste Wert seit 2014. Gleichzeitig fühlen sich nur 68 Prozent mindestens gut informiert, was einem Tiefstand entspricht. Gut ein Viertel der Stimmberechtigten möchte demnach abnehmen.

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Auch der Einsatz von Abnehmmedikamenten wird differenziert bewertet: Während 41 Prozent der Befragten den Präparaten kritisch und 36 Prozent positiv gegenüberstehen, befürworten bis zu 90 Prozent den Einsatz bei diagnostizierter Adipositas oder nach erfolgloser Therapie. Eine Nutzung aus rein ästhetischen Gründen lehnen dagegen über zwei Drittel beziehungsweise fast 80 Prozent ab.

Forderungen nach Rezepturanpassungen und Prävention

Statt steuerlicher Eingriffe setzen die Bürgerinnen und Bürger auf verhaltensbezogene und herstellerseitige Schritte. Über 70 Prozent der Befragten erwarten von den Produzenten proaktiv gesündere Rezepturen, und über 90 Prozent fordern den Verzicht auf unnötigen versteckten Zucker in Fertigprodukten.

Breiten Rückhalt genießen zudem strukturelle Präventionsangebote. Nahezu 90 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten unterstützen Bildungs-, Sport- und Präventionsprogramme. Konkret befürworten jeweils 90 Prozent zielgerichtete Angebote für Risikogruppen sowie Kooperationsprojekte mit der Wirtschaft.

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Ein obligatorischer Ernährungsunterricht an Schulen trifft bei 89 Prozent auf Zustimmung. Zudem sprechen sich acht von zehn Befragten – beziehungsweise 82 Prozent – für ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel aus, das sich an Kinder unter 13 Jahren richtet.

Argumente der Lebensmittelindustrie gegen Steuerabgaben

Die Kritik an fiskalischen Maßnahmen teilt auch die Lebensmittelwirtschaft in Nachbarländern. Katharina Koßdorff vom Fachverband der Lebensmittelindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich verweist laut einem Bericht vom 30. September 2026 auf internationale Entwicklungen.

In Ländern wie Mexiko, Chile, Frankreich und Großbritannien seien die Übergewichts- und Adipositasraten nach der Einführung einer Zuckersteuer nicht gesunken.

Die ermittelten Kalorieneinsparungen seien marginal geblieben: In Mexiko hätten sie bei etwa 6 Kilokalorien pro Person und Tag gelegen, in Großbritannien bei rund 20 Kilokalorien je erwachsener Person und 12 Kilokalorien je Kind. Dies entspreche im britischen Fall etwa einem Prozent der empfohlenen Tagesgesamtenergieaufnahme.

Zudem habe eine britische Auswertung von 54 Millionen Erwachsenen gezeigt, dass Übergewicht primär mit geringerem Einkommen sowie niedrigerer Bildungs- und Ernährungskompetenz korreliere, weshalb Sondersteuern vor allem einkommensschwache Gruppen finanziell belasten würden.

Koßdorff plädiert daher für gezielte Aufklärung und Bildung. In Österreich sei der Pro-Kopf-Zuckerkonsum seit Mitte der 1990er-Jahre um rund 30 Prozent auf 26,8 Kilogramm pro Jahr gesunken und liege damit unter dem EU-Durchschnitt von 33,2 Kilogramm.

Zudem habe die dortige Erfrischungsgetränkeindustrie den durchschnittlichen Zuckergehalt ohne gesetzlichen Zwang um ein Drittel verringert und im Rahmen einer Brancheninitiative zwischen 2015 und 2025 um weitere 15 Prozent gesenkt.

Debatte um Abgabenpläne in Deutschland

In Deutschland steht die Debatte hingegen vor einer gesetzlichen Weichenstellung. Ein Entwurf der Bundesregierung aus Union und SPD sieht eine gestaffelte Steuer auf gezuckerte Erfrischungsgetränke ab dem 1. Juli 2027 vor. Demnach sollen 26 Cent je Liter bei einem Gehalt von 5 bis unter 7 Gramm Zucker pro 100 Milliliter fällig werden, 32 Cent bei 7 bis 10 Gramm sowie 38 Cent ab 10 Gramm Zucker.

Reine Fruchtsäfte ohne Zuckerzusatz sollen steuerfrei bleiben. Der jährliche Konsum gezuckerter Getränke liegt in Deutschland laut Entwurf bei 90 bis 100 Litern pro Kopf, was mit jährlichen Brutto-Versorgungskosten von rund 3,5 Milliarden Euro beziffert wird.

Die Steuereinnahmen werden für das Jahr 2027 auf 945 Millionen Euro und ab 2028 auf rund 1,2 Milliarden Euro jährlich prognostiziert, während die Finanzkontrollgremien ab 2028 von 450 Millionen Euro ausgegangen waren. Die Mittel sollen eine geringere Kürzung des Bundeszuschusses an den Gesundheitsfonds gegenfinanzieren.

Der Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie kritisierte, dass der Entwurf vor allem zur Deckung des Bundesfinanzbedarfs diene, und forderte angesichts fehlender Transparenz eine umfassende Folgenabschätzung und Beteiligung der Wirtschaft.

Gegen die Pläne, die noch mit den Bundesministerien und Ländern abgestimmt werden müssen, regt sich zudem Widerstand innerhalb der Union sowie in mehreren Bundesländern.