Das Europäische Parlament hat den Digital Omnibus verabschiedet und verschiebt zentrale Compliance-Fristen des EU AI Acts. Unternehmen bekommen mehr Zeit für die Umsetzung.
Der Plenarbeschluss vom 16. Juni 2026 bestätigt eine bereits im Mai erzielte vorläufige Einigung. Für Hochrisiko-KI-Systeme gelten nun deutlich verlängerte Übergangsfristen. Entwickler und Betreiber solcher Systeme müssen die neuen Vorgaben erst ab Dezember 2027 erfüllen – bisher war der August 2026 als Stichtag vorgesehen.
Neue Fristen für Hochrisiko-KI
Die Verschiebung betrifft zwei Kategorien: Eigenständige Hochrisiko-Systeme müssen bis zum 2. Dezember 2027 konform sein. Systeme, die in regulierte Produkte eingebettet sind, haben sogar bis zum 2. August 2028 Zeit.
Andere Teile des AI Acts bleiben dagegen auf dem ursprünglichen Zeitplan. Verbotene Praktiken sind bereits seit Anfang 2025 untersagt. Die Pflichten für Allzweck-KI-Modelle (GPAI) gelten seit August 2025. Transparenzregeln für verschiedene KI-Anwendungen werden planmäßig ab dem 2. August 2026 durchgesetzt.
Das Gesetzespaket enthält zudem ein spezifisches Verbot für KI-generierte intime Bilder ohne Einwilligung. Der Europäische Datenschutzausschuss und der Europäische Datenschutzbeauftragte äußerten jedoch Bedenken: Eine engere Definition personenbezogener Daten könnte den Datenschutz schwächen.
Der Brüssel-Effekt greift
Der EU AI Act ist die erste globale Horizontalregulierung für künstliche Intelligenz weltweit. Seine extraterritoriale Reichweite erinnert an die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Branchenexperten erwarten einen sogenannten „Brüssel-Effekt“: Internationale Unternehmen müssen ihre globalen Standards an EU-Vorgaben anpassen, um den europäischen Markt nicht zu verlieren.
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Nicht-EU-Firmen stehen bereits unter Druck. Nach DSGVO-Artikel 27 müssen Unternehmen, die EU-Bürger überwachen oder ihnen Produkte verkaufen, einen regionalen Vertreter benennen. Verstöße führen zunehmend zu sofortigen Geldstrafen. Beim AI Act drohen ähnliche Sanktionen – bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Für spezifische Branchen wie die deutsche Steuerberatung gelten zusätzliche Auflagen. Bereits Anfang 2026 veröffentlichte FAQ der Aufsichtsbehörden stellen klar: KI-Nutzung ist erlaubt, aber Berater müssen Risiken durch Cloud-basierte Subprozessoren-Ketten und internationale Datenzugriffsgesetze beachten.
Lieferketten unter Druck
Die Regulierungsverschiebung fällt in eine Zeit wachsender Spannungen zwischen der EU und den USA bei Frontier-KI-Modellen. Anfang Juni schränkte die US-Regierung den Zugang zu Anthropics fortschrittlichsten Modellen Fable 5 und Mythos 5 ein – mit Verweis auf nationale Sicherheitsbedenken.
Am 12. Juni 2026 ordnete das US-Handelsministerium laut Berichten den Rückzug dieser Modelle aus ausländischen Märkten an. Anthropic deaktivierte sie daraufhin weltweit. Das löste Gespräche auf höchster Ebene zwischen EU-Kommission und der Trump-Administration aus. Europäische Spitzenpolitiker fordern nun mehr souveräne KI-Fähigkeiten in Europa.
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Die EU ist als Reaktion der US-geführten Initiative Pax Silica beigetreten. Dieses Bündnis, Ende 2025 gestartet, umfasst rund zwei Dutzend Nationen und will Lieferketten für KI, Halbleiter und kritische Mineralien sichern. Parallel dazu arbeiten europäische Vertreter an einem „Trusted-Partners“-Rahmenwerk für den Zugang zu Spitzentechnologie.
Branchenbeobachter vermuten: Der Rückzug US-amerikanischer Frontier-Modelle könnte Europas Bemühungen beschleunigen, den eigenen Anteil an globaler Rechenleistung auszubauen und Arbeitsgesetze zu reformieren, um KI-Talente anzuziehen.

