EU-Paket: 320 Milliarden Euro für digitale Unabhängigkeit von USA

Brüssel präsentiert umfassendes Paket zur Stärkung der Technologiesouveränität mit Fokus auf KI-Chips und Cloud-Infrastruktur.

Die Europäische Kommission leitet eine Zeitenwende ein: Weg von der reinen Regulierung, hin zum aktiven Industriepolitiker.

Am 4. Juni präsentierte Brüssel ein umfassendes „Technological Sovereignty Package“. Ziel ist es, die Abhängigkeit von US-amerikanischen und chinesischen Technologiekonzernen drastisch zu reduzieren. „Wir können nicht zulassen, dass kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser oder Stromnetze von externen Anbietern abhängen“, betonte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Neues Chip-Gesetz: Europa will bei KI-Chips dominieren

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Herzstück der Offensive sind zwei Gesetzesvorhaben: der Chips Act 2.0 und der Cloud and AI Development Act (CADA) . Der Chips Act 2.0 baut auf der Vorgängerversion von 2023 auf, geht aber deutlich weiter. Das ambitionierte Ziel: Bis 2030 sollen mehr als 70 Prozent des weltweiten KI-Chip-Marktes aus Europa kommen.

Um das zu erreichen, plant die Kommission eine Milliardenoffensive. Diskutiert wird eine 30-Milliarden-Euro-Fazilität für die Fertigung von 3-Nanometer-Chips. Insgesamt sollen bis 2035 rund 120 Milliarden Euro in die europäische Halbleiterindustrie fließen. Gleichzeitig werden Genehmigungsverfahren beschleunigt und eine Art Gütesiegel für Chip-Regionen eingeführt.

Cloud-Ausbau: 200 Milliarden für digitale Unabhängigkeit

Parallel dazu soll der Cloud-Sektor massiv ausgebaut werden. Der CADA sieht vor, die europäische Rechenzentrums-Kapazität innerhalb von fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Die geschätzten Investitionen dafür: rund 200 Milliarden Euro.

Besonders brisant ist die Einführung von vier sogenannten Souveränitätsstufen für die öffentliche Cloud-Nutzung. Die höchste Stufe verlangt, dass Dienste vollständig unter europäischer Kontrolle stehen und von europäischem Personal betrieben werden. Das soll verhindern, dass Daten durch US-Gesetze wie den Cloud Act abfließen oder Dienste per „Kill Switch“ abgeschaltet werden können.

Ein konkreter Vorfall hatte die Diskussion befeuert: Ein US-Anbieter sperrte kürzlich das E-Mail-Konto eines hochrangigen internationalen Amtsträgers nach US-Sanktionen. Für die EU ein Alarmsignal.

Die Abhängigkeit ist enorm

Die Zahlen verdeutlichen den Handlungsdruck. Rund 80 Prozent der in Europa genutzten Technologien stammen aus dem Ausland. Im Cloud-Markt halten allein die drei US-Konzerne Amazon, Microsoft und Google gemeinsam 80 Prozent Marktanteil.

Die EU will nun gegensteuern, indem sie bei öffentlichen Ausschreibungen für sensible Bereiche wie Gesundheit und Verteidigung europäische Anbieter bevorzugt.

Personalie und Privatwirtschaft: Ein Däne soll’s richten

Um die Wende zu managen, ernannte die Kommission den dänischen Technologie-Manager Jim Hagemann Snabe zum Sondergesandten für industrielle KI. Snabe, der seine Beratertätigkeiten bei Google Cloud und C3.ai ruhen lässt, soll bis März 2027 konkrete Politikempfehlungen zu KI-Infrastruktur, Rechenzentren und Chip-Lieferketten erarbeiten. Die Position ist ehrenamtlich.

Die Privatwirtschaft zieht bereits mit. In Ungarn entsteht ein 4-Milliarden-Euro-Rechenzentrum nahe des Atomkraftwerks Paks. Mit 300 Megawatt Leistung und einer Kombination aus Kern- und Solarenergie soll es zu 90 Prozent CO₂-frei arbeiten.

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Und in Berlin schloss der Risikokapitalgeber Merantix Capital einen 103-Millionen-Euro-Fonds für KI-Startups ab. Rund 40 junge Unternehmen aus den Bereichen Produktion, Logistik und Gesundheit sollen gefördert werden.

Ausblick: Erste Projekte schon im Juli

Das Paket geht nun in die parlamentarische Beratung. Erste konkrete Maßnahmen, darunter der Start sogenannter „AI Gigafactories“, könnten bereits im Juli anlaufen. Europa setzt auf eine neue industrielle Logik – und investiert erstmals in großem Stil in die eigene digitale Souveränität.