Eine offene Büro-Suite aus Europa fordert die US-Dominanz heraus – und sorgt bereits für Kontroversen.
Seit dem 9. Juni 2026 ist Euro-Office 1.0 auf GitHub verfügbar. Die quelloffene Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace wurde von einem europäischen Technologiebündnis entwickelt. Dahinter stehen namhafte Firmen wie Nextcloud, IONOS, Proton und Eurostack. Die Software basiert auf einem Fork von ONLYOFFICE und ist unter der AGPL-Lizenz veröffentlicht.
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Das Ziel: Europäischen Organisationen digitale Souveränität zurückgeben. Die Suite bietet native Kompatibilität mit Microsofts OOXML-Formaten wie DOCX und PPTX. Der Erfolg gibt den Machern vorerst recht – über 80.000 Downloads in der ersten Woche sprechen eine deutliche Sprache.
Integration und konkrete Pläne
Die Veröffentlichung von Euro-Office fällt mit dem Launch von Nextcloud Hub 26 Spring am 10. Juni 2026 zusammen. Die aktualisierte Kollaborationsplattform integriert Euro-Office als Alternative zu Collabora Online. Nutzer erhalten Echtzeit-Dokumentenbearbeitung, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und die Möglichkeit zum Self-Hosting.
Neue Governance-Funktionen wie Vertraulichkeitskennzeichnungen und rechtliche Haltefristen ergänzen das Paket. Ein KI-Assistent wurde speziell für die Einhaltung des EU AI Acts entwickelt.
Die öffentliche Hand zeigt bereits Interesse: Die Stadt München hat angekündigt, bis Anfang 2027 rund 5.000 Mitarbeiter auf die neue Suite umzustellen. Auch kommerziell geht es voran: IONOS will Euro-Office im Sommer 2026 in sein Nextcloud Workspace-Produkt integrieren. Ein 12-Millionen-Euro-Förderpaket, verteilt auf drei Jahre, unterfüttert das Projekt finanziell.
Kontroverse um die Code-Herkunft
So vielversprechend die europäische Flagge auch weht – die technische Basis sorgt für Diskussionen. Eine Analyse von Cybernews legt nahe, dass bis zu 99 Prozent des Codes von Entwicklern aus russischen Zeitzonen stammt. Nur geschätzte 0,5 Prozent der Beiträge lassen sich auf europäische Autoren zurückführen.
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Seit dem Fork im März 2026 hat das Projekt rund 370 Änderungen aus dem Ursprungsprojekt übernommen, während es selbst etwa 20 eigene Modifikationen beisteuerte. Die Projektverantwortlichen räumen diese Herkunft offen ein. Sie betonen, dass umfangreiche Code-Reviews die Sicherheit und die Einhaltung europäischer Standards gewährleisten sollen.
Grundsatzdebatte in der Open-Source-Gemeinschaft
Der Launch hat einen tiefen Graben in der Open-Source-Welt aufgerissen. Die Document Foundation, die hinter LibreOffice steht, übt scharfe Kritik. Ihr Vorwurf: Die Konzentration auf Microsofts OOXML-Format stärke die bestehende Marktdominanz und untergrabe die digitale Souveränität. Aus Sicht der Stiftung macht sich Euro-Office damit zum „De-facto-Verbündeten“ von Microsofts Ökosystem.
Die Befürworter von Euro-Office kontern: Die OOXML-Kompatibilität sei ein notwendiges Übergangsinstrument. Organisationen, die von proprietärer Software migrieren, bräuchten diese Brücke. Die langfristige Perspektive bleibe die Verbesserung der Unterstützung für das offene OpenDocument-Format (ODF).
Rückenwind aus Brüssel
Die Veröffentlichung kommt zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt. Am 10. Juni 2026 präsentierte die Europäische Kommission ihr Tech-Sovereignty-Package. Es umfasst den Cloud and AI Development Act (CADA) und einen aktualisierten Chips Act.
Kern des Pakets: Ein „Open Source First“-Ansatz für die öffentliche Beschaffung. Ziel ist es, die Abhängigkeit von nicht-europäischen Technologieanbietern zu reduzieren. Die Open Source Initiative begrüßt diesen Kurs und sieht Open-Source-Entwicklung als Herzstück der europäischen digitalen Autonomie.
Ob Euro-Office diese hohen Erwartungen erfüllen kann, wird sich zeigen. Die Debatte um Code-Herkunft und Format-Strategie ist noch lange nicht beendet. Eines ist jedoch klar: Der europäische Bürosoftware-Markt ist in Bewegung geraten.

