0 am 9. Juni 2026 offenbart tiefe Gräben in der europäischen Open-Source-Szene. Das von einem Bündnis um Nextcloud, IONOS und weiteren europäischen Technologiefirmen getragene Projekt soll eine regionale Alternative zu den großen amerikanischen Produktivitätsplattformen bieten. Doch schon kurz nach dem Start hagelt es Kritik von etablierten Open-Source-Vertretern – vor allem an den technischen Grundlagen und der Wahl der Standard-Dateiformate.
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Ein Bündnis für europäische Souveränität
Euro-Office 1.0 basiert auf Version 9.3.1 eines zugrunde liegenden Dokumentenservers und kommt als browserbasierte Integrationskomponente – nicht als eigenständige Anwendung. Hinter dem Projekt steht eine breite Allianz aus Eurostack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian, BTactic und Proton. Das erklärte Ziel: die digitale Souveränität europäischer Behörden und Unternehmen stärken.
Die Suite wurde umgehend in Nextcloud Hub 26 Spring integriert, das am 10. Juni 2026 zum zehnjährigen Bestehen der Plattform erschien. Nextcloud Office unterstützt weiterhin Collabora Online, bietet nun aber mit Euro-Office eine produktionsreife Alternative. Die Integration in IONOS Workspace soll im Laufe des Sommers folgen, XWiki plant den Einbau für das vierte Quartal 2026.
Erste öffentliche Auftraggeber zeigen Interesse. Die Stadt München hat angekündigt, bis 2027 rund 5.000 Mitarbeiter auf die Suite umzustellen – unterstützt durch ein Förderpaket von zwölf Millionen Euro über drei Jahre. Bereits in der ersten Woche nach der Veröffentlichung soll die Software über 80.000 Mal heruntergeladen worden sein.
Der Streit um die Dokumentenstandards
Ausgerechnet das Ziel europäischer Unabhängigkeit bringt Euro-Office scharfe Kritik ein. Die Document Foundation (TDF), die Organisation hinter LibreOffice, schlug in einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 Alarm. Ihr Vorwurf: Euro-Office setzt als Standardformat auf Microsofts OOXML (DOCX, XLSX, PPTX) und zementiere damit die Abhängigkeit von proprietären Formaten – statt echte Souveränität zu schaffen.
TDF-Gründungsmitglied Italo Vignoli bezeichnete die neue Suite als „Freeware-Klon“, der pragmatische Kompatibilität über offene Standards wie das OpenDocument-Format (ODF) stelle. Das Euro-Office-Entwicklungsteam räumte die Bedenken ein und nahm ODF-Unterstützung in den Fahrplan auf. Doch die Entwickler betonten: Eine hohe Kompatibilität mit Microsoft-Formaten sei für Organisationen, die aus proprietären Ökosystemen aussteigen wollen, schlichtweg notwendig.
Der Disput ist kein Einzelfall. Bereits Anfang 2026 hatte die TDF 30 Entwickler von Collabora aus ihren Führungsrollen entfernt – ein deutliches Zeichen für die wachsenden Spannungen zwischen den Lagern im Open-Source-Büromarkt.
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Code-Herkunft und Sicherheitsfragen
Neben dem Formatstreit wirft eine technische Analyse von Cybernews aus dem Juni 2026 Fragen zur Herkunft des Codes auf. Demnach ist Euro-Office in hohem Maße von OnlyOffice abhängig – einem Projekt mit erheblichen Entwicklungsanteilen aus russischen Zeitzonen. Laut Analyse stammen rund 98,6 Prozent der Dokumenten-Engine und 99,2 Prozent des Live-Service-Codes vom Ursprungsprojekt.
Zum Zeitpunkt der Untersuchung hatte Euro-Office 184 eigene Änderungen eingebracht, aber rund 370 Updates von OnlyOffice übernommen. Die Entwickler des Forks bezeichnen den Schritt als letzten Ausweg, um die europäische Kontrolle über die Entwicklungsrichtung zu sichern. Sicherheitsexperten äußerten jedoch Bedenken zu spezifischen technischen Umsetzungen – etwa einem Android-Bundle, das Ressourcen aus einer nicht näher identifizierten Cloud-Quelle bezieht.
Europas Tech-Szene rüstet auf
Die Einführung von Euro-Office fällt in eine phase verstärkter Bemühungen um technologische Unabhängigkeit in Europa. Anfang Juni 2026 präsentierte die EU-Kommission ein neues „Technological Sovereignty Package“, das die Abhängigkeit von nicht-europäischen Technologieanbietern reduzieren soll. Nationale Initiativen untermauern den Trend: Die französische Regierung setzt auf die Open-Source-Lösung LaSuite, die Niederlande migrieren ihre Code-Repositories auf heimische Infrastruktur.
In einem weiteren, separaten Projekt wurde am 11. Juni 2026 die Open-Source-Bibliothek OfficeAgent.NET 0.1 unter einer MIT-Lizenz veröffentlicht. Das Tool ermöglicht KI-gesteuerte Dokumentenbearbeitung durch einen strukturierten Workflow – automatisierte Agenten können Word-Dokumente analysieren und gezielt verändern. Auch wenn die Veröffentlichung unabhängig vom Euro-Office-Launch erfolgte, zeigt sie: Die Entwicklung offener Werkzeuge für Standard-Dokumentformate schreitet rasant voran.

