Euro-Office 1.0: Nextcloud startet europäische Büro-Suite

Nextclouds neue Büro-Suite Euro-Office stößt auf Kritik der LibreOffice-Gemeinde wegen Bevorzugung von Microsofts OOXML-Format.

Der deutsche Open-Source-Pionier Nextcloud bringt mit Euro-Office eine eigene Büro-Suite auf den Markt – und erntet scharfe Kritik von der LibreOffice-Gemeinde.

München – Beim Nextcloud Summit in München stellte das Unternehmen am heutigen Mittwoch das Hub 26 Spring Update vor. Die zentrale Neuerung: Euro-Office 1.0, eine browserbasierte Büro-Suite, die auf einem Fork von ONLYOFFICE basiert und unter der AGPL-3.0-Lizenz steht. Die Suite umfasst Anwendungen für Dokumente, Tabellenkalkulationen, Präsentationen und PDF-Bearbeitung.

Nutzer der Nextcloud-Plattform können künftig zwischen Euro-Office und der etablierten Integration von Collabora Online wählen. Entwickelt wurde die neue Suite von einem Konsortium europäischer Technologieunternehmen – darunter IONOS, Proton, XWiki, OpenProject und Open-Xchange. Ein kommerzieller Hosting-Dienst namens Office EU wird bereits über ein Early-Access-Programm der niederländischen EUfforic Europe BV angeboten.

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Streit um Dateiformate und digitale Souveränität

Schon am Vortag, dem 9. Juni, sorgte die Ankündigung von Euro-Office für hitzige Debatten. The Document Foundation, die Organisation hinter LibreOffice, veröffentlichte einen offenen Brief und kritisierte scharf, dass Euro-Office als Standard-Dateiformat auf Microsofts OOXML (Office Open XML) setzt.

Die Stiftung argumentiert: Die Bevorzugung proprietärer Formate gegenüber dem offenen Open Document Format (ODF) untergrabe die europäische digitale Souveränität. Euro-Office werde so zum „de facto Verbündeten“ der Lock-in-Strategien proprietärer Anbieter. Zudem stellten die Entwickler die Vermarktung als „erste europäische Open-Source-Büro-Suite“ infrage – Projekte wie StarOffice, OpenOffice.org und LibreOffice gebe es schließlich seit Jahrzehnten.

Die Euro-Office-Sprecher kontern: Die Suite helfe Nutzern beim Umstieg von proprietären Plattformen, indem sie hohe Kompatibilität mit bestehenden Dateien biete. Gleichzeitig arbeite man an einer Verbesserung der ODF-Unterstützung.

KI und Verwaltung im Fokus

Neben der Büro-Suite bringt das Hub 26 Spring Update deutliche Verbesserungen bei künstlicher Intelligenz und Unternehmensverwaltung. Die neue Nextcloud Governance-Anwendung ermöglicht Datenlebenszyklus-Management, rechtliche Aufbewahrungspflichten und Sensitivitätskennzeichnungen für Compliance-Anforderungen.

Der KI-Assistent wurde um einen Context Agent erweitert, der dateiübergreifende Suchen und relevantere automatisierte Antworten ermöglicht. Die Entwickler betonen: Alle KI-Funktionen sind konform mit dem EU AI Act und nutzen lokale Modelle – ein klares Signal für Datenschutz.

Nextcloud, das jährliche Wachstumsraten zwischen 50 und 75 Prozent verzeichnet, kündigte zudem ein neues Entwicklerprogramm an. Ziel: Die Zahl der Apps im Ökosystem von 600 auf 6.000 innerhalb des nächsten Jahres zu steigern.

Europas Kampf um technologische Unabhängigkeit

Die Entwicklungen bei Nextcloud sind Teil eines größeren Trends. Erst am Dienstag erklärte die EU-Kommission den „Tag der technologischen Unabhängigkeit“ und schlug Maßnahmen vor, um die Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern zu reduzieren. Dazu gehören die Bevorzugung europäischer Firmen bei Cloud-Aufträgen des öffentlichen Sektors und Investitionen in die heimische Halbleiterproduktion.

Schätzungen zufolge könnten dafür zwischen drei und fünf Billionen Euro nötig sein – US-Anbieter kontrollieren derzeit rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes.

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SoftMaker zieht nach

Parallel zu Nextclouds Ankündigungen startete SoftMaker am 9. Juni die Public Beta von SoftMaker Office 2026. Die neue Version von TextMaker, PlanMaker und Presentations integriert KI-Dienste wie ChatGPT und DeepL, führt dynamische Arrays ein und verbessert die DOCX-Kompatibilität. Die Beta läuft bis zum 31. Juli 2026. Die Preise für die finale Version sollen zwischen rund 30 Euro pro Jahr (Abo) und 140 Euro (Professionell-Kauf) liegen.

Die Frage bleibt: Kann Euro-Office den Spagat zwischen Kompatibilität und echter digitaler Souveränität meistern? Die kommenden Monate werden zeigen, ob die europäische Open-Source-Gemeinde zusammenfindet – oder sich weiter entzweit.