Europäisches Parlament: Qwant ersetzt Google ab 4. Juni

Das EU-Parlament ersetzt Google durch Qwant als Standardsuche. Ein neues Gesetzespaket zur technologischen Souveränität soll die Abhängigkeit von US-Anbietern reduzieren.

Ab Donnerstag, dem 4. Juni 2026, wird Qwant die Standardsuche auf allen internen Rechnern des Europäischen Parlaments. Die Änderung betrifft die Adressleiste in Firefox und Edge – die Browser, die von Mitarbeitern und Abgeordneten genutzt werden. Ein manueller Wechsel zu anderen Suchmaschinen bleibt möglich, doch die Botschaft ist eindeutig: Brüssel will unabhängiger von US-Technologie werden.

Hintergrund ist wachsender politischer Druck. Bereits im November 2025 forderten 38 Abgeordnete Parlamentspräsidentin Roberta Metsola auf, Microsoft und andere ausländische Technologien schrittweise durch europäische Alternativen zu ersetzen. Google dominiert derzeit rund 90 Prozent des europäischen Suchmarkts. Doch die Konkurrenz holt auf: DuckDuckGo verzeichnete am 1. Juni 2026 einen neuen Tagesrekord an Suchanfragen.

Anzeige

Der Wechsel zu europäischen Technologielösungen ist oft auch eine Frage der rechtlichen Compliance und IT-Sicherheit. Wie Sie Sicherheitslücken proaktiv schließen und dabei neue gesetzliche Anforderungen erfüllen, erfahren Sie in diesem kostenlosen E-Book. IT-Sicherheit stärken und Unternehmen schützen

Ein strategischer Rahmen für die digitale Unabhängigkeit

Die Europäische Kommission stellt am heutigen Mittwoch ein umfassendes Gesetzespaket zur „technologischen Souveränität“ vor. Ziel ist es, die Abhängigkeit von Anbietern aus den USA und Asien zu reduzieren. Derzeit stammen mehr als 80 Prozent der digitalen Produkte der EU aus dem Ausland – allein für US-Cloud-Software gibt die Union schätzungsweise 264 Milliarden Euro jährlich aus.

Kernstück des Pakets ist der Cloud- und KI-Entwicklungsgesetz mit folgenden Maßnahmen:

  • Infrastruktur-Ausbau: Die europäische Rechenzentrums-Kapazität soll sich innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifachen.
  • Vergabekriterien: Neue „nicht-preisliche“ Bewertungskriterien für öffentliche Cloud-Aufträge, die EU-Software und -Hardware bevorzugen.
  • Sicherheitsstandards: Souveräne Cloud-Dienste sollen den Zugriff großer US-Anbieter wie Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud auf sensible Regierungsaufträge einschränken.

Die öffentliche Beschaffung ist ein gewaltiger Hebel: Rund zwei Billionen Euro gibt die EU jährlich für öffentliche Aufträge aus – das sind mehr als 14 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung.

Anzeige

Neben der Cloud-Infrastruktur rückt auch die künstliche Intelligenz verstärkt in den Fokus der europäischen Regulierung. Dieser kostenlose Umsetzungsleitfaden zum EU AI Act hilft Ihnen, die neuen Risikoklassen und Dokumentationspflichten für Ihr Unternehmen frühzeitig zu verstehen. Kostenloses E-Book zur KI-Verordnung herunterladen

Mitgliedstaaten ziehen nach

Einzelne EU-Länder gehen bereits voran. Polens Ministerpräsident Donald Tusk kündigte am 2. Juni einen „Souveränitätstest“ für bedeutende staatliche Technologiekäufe an. Künftig wird Warschau jährliche Berichte über seine IT-Unabhängigkeit veröffentlichen. Bereits Anfang des Jahres hatte Polen ein Verbot chinesischer Fahrzeuge auf Militärgeländen erlassen.

Auch die Privatwirtschaft stellt sich neu auf. Der französische Cloud-Anbieter OVHcloud hat am 21. Mai seine europäischen Schlüsselkonten umstrukturiert, um den wachsenden Markt für souveräne Clouds besser bedienen zu können. Das Unternehmen meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 555,3 Millionen Euro – getragen von einem Wachstum von 15,1 Prozent im Public-Cloud-Segment. OVHcloud ist bereits im EU-Rahmenvertrag Cloud III (Volumen: 180 Millionen Euro) vertreten und am Digital-Euro-Projekt der Europäischen Zentralbank beteiligt.

Die Marktforscher von Gartner prognostizieren, dass die europäischen Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastruktur (IaaS) 2026 auf umgerechnet rund 11,7 Milliarden Euro steigen werden – ein Plus von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2027 werden sogar 21,5 Milliarden Euro erwartet.

Europäische Alternativen im Kommen

Während sich die Gesetzeslage verändert, drängen neue europäische Softwarelösungen auf den Markt. Sie adressieren Sicherheitsbedenken, die sich aus ausländischen Überwachungsgesetzen wie dem US Cloud Act ergeben.

  • Suche: Qwant entwickelt gemeinsam mit der Suchmaschine Ecosia einen unabhängigen europäischen Suchindex namens „Staan“.
  • Kommunikation: Clever Cloud hat eine private Beta von Openvisio gestartet – einer souveränen Videokonferenzlösung, die komplett auf europäischen Rechenzentren läuft.
  • Produktivität: ONLYOFFICE veröffentlichte Version 9.4 seiner Suite mit KI-Integration durch das europäische Unternehmen Mistral AI. Proton führte ein automatisches Migrationstool ein, das Nutzern den Umzug von Gmail zu seinem verschlüsselten Dienst erleichtert.

Das Souveränitätspaket der Kommission fällt zusammen mit breiteren nationalen Initiativen – etwa den französischen Plänen, Regierungsarbeitsplätze auf Linux umzustellen und amerikanische Videokonferenz-Tools durch heimische Alternativen zu ersetzen.