Europaparlament wechselt zu Qwant: 720 Abgeordnete verlassen Google

Die EU-Kommission stellt ein Gesetzespaket vor, das die Abhängigkeit von US-Technologien reduzieren und die heimische Chip- sowie Cloud-Infrastruktur stärken soll.

Die Europäische Kommission hat diese Woche ein umfassendes Gesetzespaket vorgestellt, das die digitale Souveränität Europas stärken soll. Der „European Technological Sovereignty Package“ – vorgestellt zwischen dem 2. und 5. Juni – umfasst neue Regeln für Halbleiter, Cloud-Infrastruktur und Künstliche Intelligenz. Hinzu kommt eine eigene Strategie für Open-Source-Software.

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Das Problem: Europas digitale Abhängigkeit

Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 80 Prozent aller digitalen Produkte in der EU stammen von Anbietern außerhalb der Union. Bei Halbleitern produziert Europa gerade einmal zehn Prozent der weltweiten Produktion. Dieses Ungleichgewicht will Brüssel nun korrigieren.

Der Cloud and AI Development Act (CADA) sieht vor, die europäische Rechenzentrums-Kapazität in den nächsten fÜnf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Branchenschätzungen zufolge sind dafür Investitionen von rund 200 Milliarden Euro bis 2036 nötig. KernstÜck des Gesetzes ist ein Bewertungsrahmen fÜr digitale Souveränität: Ab Stufe drei und vier mÜssen Cloud-Anbieter nachweisen, dass sie nicht der Kontrolle von Drittstaaten unterliegen. US-Lobbyisten kritisieren diese Regelung scharf – sie könnte internationale Anbieter benachteiligen.

Der Chips Act 2.0 konzentriert sich auf KI-fähige Halbleiter. KI-Komponenten werden bis 2030 voraussichtlich mehr als 70 Prozent des globalen Halbleitermarktes ausmachen. Die EU plant den Aufbau einer offenen Fertigung fÜr Sub-3-Nanometer-Chips, mit Pilotprojekten zwischen 2030 und 2033.

Europaparlament stellt auf Qwant um

Ein symbolträchtiger Schritt: Seit dem 4. Juni nutzen die 720 Abgeordneten und tausende Mitarbeiter des Europaparlaments standardmäßig die französische Suchmaschine Qwant – statt Google. Die Umstellung betrifft die Browser Edge und Firefox.

Hintergrund sind Bedenken wegen des US-Cloud-Act und der Nachverfolgung von Nutzerdaten. Anders als die großen Suchmaschinen, die rund 90 Prozent des europäischen Marktes beherrschen, speichert Qwant keine Nutzerprofile. Gemeinsam mit Ecosia arbeitet Qwant zudem an einem eigenen Suchindex namens „Staan“ – um sich von der bisherigen Abhängigkeit von Microsofts Bing zu lösen.

Mitgliedstaaten treiben Open-Source-Offensive voran

Die Open-Source-Strategie der EU-Kommission umfasst 190 Millionen Euro fÜr das „Next Generation Internet“ und 156 Millionen Euro fÜr das „Simpl“-Projekt. Auf nationaler Ebene tut sich ebenfalls einiges:

  • Deutschland: Schleswig-Holstein hat 30.000 Arbeitsplätze auf Linux umgestellt – eine Einsparung von über 15 Millionen Euro. Das offene Dokumentenformat ODF ist Standard.
  • Frankreich: Öffentliche Einrichtungen wechseln von Windows zu Linux und ersetzen Zoom und Teams durch die europäische Alternative Visio. Die Forschungsorganisation CNRS hat nicht-europäische Chatbots verboten und bietet stattdessen das KI-Tool „Emmy“ von Mistral AI an.
  • Niederlande: Eine Cloud-basierte Suite namens „Office EU“ entsteht als Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace. Die breitere Open-Source-Lösung „EuroOffice“ soll am 9. Juni 2026 starten.
  • Dänemark und Österreich: Dänemark setzt seit 2025 auf Linux und LibreOffice, das österreichische Militär nutzt Open-Source-Bürosoftware.
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Wie der Erfolg in Schleswig-Holstein zeigt, bietet der Wechsel auf Open-Source-Systeme enorme Vorteile bei Sicherheit und Kosten. Mit dem kostenlosen Linux-Startpaket inklusive Ubuntu-Vollversion gelingt Ihnen der risikofreie Umstieg parallel zu Windows besonders einfach. Gratis-Startpaket sichern und Ubuntu in Minuten testen

Der größere Rahmen: DMA und Zahlungssysteme

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, die Union könne es sich nicht leisten, bei kritischer digitaler Infrastruktur von externen Anbietern abhängig zu bleiben. Henna Virkkunen ergänzte, es sei Zeit, dass Europa die Kontrolle über seine eigenen Daten übernehme.

Der Digital Markets Act wird die Entwicklung weiter beschleunigen: Bis zum 27. Juli 2026 müssen große Suchmaschinen ihre Daten mit Wettbewerbern teilen. Parallel dazu beobachtet die Europäische Zentralbank die Abhängigkeit von US-Zahlungssystemen. Die European Payments Initiative baut ihre digitale Geldbörse „Wero“ als Alternative zu globalen Diensten aus.

Ob das Paket tatsächlich die digitale Wende bringt? Die Weichen sind gestellt – jetzt kommt es auf die Umsetzung an.