Die Finanzwelt rüstet gegen eine neue Generation von KI-gestützten Cyberangriffen – doch der Zugang zu den mächtigsten Abwehrsystemen ist ungleich verteilt.
Italiens Notenbankchef Fabio Panetta schlägt Alarm. Am Donnerstag kündigte die Banca d’Italia „dringende Gespräche“ mit globalen KI-Anbietern, nationalen Behörden und Finanzakteuren an. Im Zentrum der Diskussionen steht die bevorstehende Veröffentlichung von Anthropics Mythos-Modell – einer KI, die eigentlich Schwachstellen in Softwarecode aufspüren soll. Panetta warnte jedoch, dass dieselbe Technologie auch zur Beschleunigung von Cyberangriffen auf Banken genutzt werden könnte.
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Die Zahlen untermauern die Dringlichkeit: Laut der italienischen Zentralbank stieg die Zahl der Cybervorfälle bei italienischen Finanzinstituten zwischen 2023 und 2025 um 80 Prozent im Vergleich zu den drei Jahren zuvor. Panetta rief die Bankvorstände dazu auf, Teile ihrer Rekordgewinne in IT-Sicherheit und digitale Verteidigung zu investieren. Die Verantwortung für den Schutz der Systeme liege bei den Banken selbst – auch wenn sie auf Drittanbieter zurückgreifen.
Anthropic hatte erst Anfang dieser Woche ein neues Büro in Mailand eröffnet. Zu den Unternehmenskunden zählen bereits italienische Schwergewichte wie Generali und Enel. In den kommenden Wochen sollen Mythos-ähnliche Modelle einem breiteren Kundenkreis zugänglich gemacht werden.
Japan sichert sich Zugang – Europa wartet
Während europäische Regulierer noch über Risiken diskutieren, handeln japanische Institute bereits. Am Donnerstag gewährte OpenAI den drei größten Banken Japans – MUFG, SMBC und Mizuho – Zugang zu seinem GPT-5.5 Cyber-Modell. Das Programm trägt den Namen „Trusted Access for Cyber“. Die Vereinbarung wurde zwischen Japans Finanzminister Katayama und US-Finanzminister Bessent vermittelt.
Das KI-Modell soll den Banken helfen, Systemrisiken schneller zu identifizieren und Sicherheitslücken zu schließen. Zudem sollen die japanischen Geldhäuser nach Genehmigung durch die US-Regierung auch Zugang zu Anthropics Mythos erhalten. Vorausgegangen war die Gründung einer öffentlich-privaten Arbeitsgruppe zu KI-bezogenen Cyberrisiken in Japan im Mai 2026.
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Britische Notenbank kritisiert Ungleichbehandlung
Die ungleiche Verteilung der Abwehrtechnologien sorgt zunehmend für Spannungen. Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, kritisierte am Donnerstag, dass britische Banken trotz Zusagen aus dem April immer noch keinen Zugang zum Mythos-Tool hätten. Bailey machte dafür Verzögerungen seitens der US-Regierung verantwortlich und forderte eine koordinierte internationale Antwort auf die Cyberrisiken. Die Gefahr von Spillover-Effekten im globalen Finanzsystem sei real.
Analysten von Moody’s Ratings haben die strukturellen Kreditrisiken durch die technologischen Fortschritte untersucht. Das Ergebnis ist alarmierend: Moderne KI-Modelle können Sicherheitslücken schneller entdecken, als traditionelle Banksysteme sie schließen können. Im Jahr 2025 brauchten Banken im Schnitt 69 Tage, um Schwachstellen zu beheben – Angreifer mit automatisierten Tools konnten sie bereits nach 44 Tagen ausnutzen.
Europäische Kommission will Druck auf USA erhöhen
Die Europäische Kommission kündigte am Donnerstag an, die Gespräche mit US-Behörden über KI-Modelle mit fortgeschrittenen Cyber-Fähigkeiten zu intensivieren. Hintergrund sind Berichte, wonach Anthropic europäische Behörden aufgefordert hat, sich direkt an die US-Regierung zu wenden, um vorab Zugriffsberechtigungen zu erhalten.
Panetta wies zudem auf die enorme Machtkonzentration hin: Fünf große US-Unternehmen kontrollieren derzeit rund 75 Prozent der weltweiten Rechenkapazität. Eine Entwicklung, die aus Sicht vieler Regulierer dringend adressiert werden muss – bevor die nächste Generation von KI-Modellen die Sicherheitsarchitektur des globalen Finanzsystems grundlegend verändert.

