Gehirntraining-Apps: Nur 40% wissenschaftlich belegt bei 9,7-Mrd-Markt

Der Markt für digitale Denkspiele wächst rasant, doch die Evidenzlage bleibt dünn. Nur ein Bruchteil der Apps wurde unabhängig geprüft.

Der Markt für digitales Gehirntraining soll bis 2030 ein Volumen von 9,7 Milliarden Euro erreichen – doch Forscher mahnen zur Vorsicht: Nur weniger als 40 Prozent der beliebten Apps wurden bislang in unabhängigen Studien wissenschaftlich überprüft. Das geht aus Daten der Australian Alzheimer’s Research Foundation hervor. Für Verbraucher wird es damit zunehmend schwieriger, seriöse Angebote von bloßen Spielereien zu unterscheiden.

Milliardenmarkt mit schwacher Evidenzbasis

Die Branche erlebt einen regelrechten Boom. Apps wie Lumosity, Elevate, Peak und BrainHQ versprechen verbesserte Gedächtnisleistung und schnellere Verarbeitungsgeschwindigkeit. Doch die wissenschaftliche Fundierung klafft weit auseinander. Während einige Anbieter mit vielversprechenden Studienergebnissen werben, fehlt bei anderen jede belastbare Evidenz.

Immerhin: Wer regelmäßig trainiert, kann durchaus profitieren. Eine Untersuchung zu BrainHQ zeigte, dass 15 Minuten tägliches Training über acht Wochen die kognitive Leistungsfähigkeit messbar verbessern kann. Ähnliche Effekte wurden für Lumosity dokumentiert: Zehn Minuten täglich über sechs Wochen sollen Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit steigern. Auch Anbieter wie CogniFit, NeuroNation, MindPal und Happy Neuron kämpfen um Marktanteile in dem Milliardengeschäft.

ServiceNow setzt auf KI-gestützte Denkschule

Auch die Wirtschaft hat den Trend entdeckt. Der Softwarekonzern ServiceNow hat eine KI-Plattform eingeführt, die die Konzentrationsfähigkeit und kognitive Leistung der Mitarbeiter stärken soll. Die sogenannten „Mind Academies“ nutzen Simulationen und KI-Avatare für spezialisierte Trainings – etwa im Vertriebsbereich.

Jayney Howson, Direktorin bei ServiceNow, berichtet von einer bemerkenswerten Resonanz: 75 Prozent der Mitarbeiter nutzen das Angebot freiwillig erneut. Das Unternehmen zieht einen historischen Vergleich: So wie Fitnessstudios während der industriellen Revolution die körperliche Gesundheit förderten, sollen diese Denkschulen nun die mentale Fitness im digitalen Arbeitsalltag stärken.

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Neuro-Wearables: Denken sichtbar machen

Auch die Hardware-Seite des Marktes wächst. Das Mendi-Stirnband misst den Sauerstoffgehalt im präfrontalen Kortex und hilft Nutzern, ihre Konzentration gezielt zu trainieren. Mit einem Preis von rund 300 Euro richtet es sich an Technikbegeisterte mit Ambitionen.

Eine Studie der University of Victoria mit 30 Studierenden bestätigte, dass das Gerät Veränderungen der kognitiven Belastung zuverlässig erkennt. Erste Tester berichteten von sichtbaren physiologischen Reaktionen bei komplexen Aufgaben wie Sudoku. Experten empfehlen jedoch einen Trainingszeitraum von vier bis acht Wochen, um messbare Fortschritte zu erzielen. Wer abends trainiert, erhält laut ersten Erkenntnissen stabilere Messwerte.

Gamification erobert neue Bereiche

Die spielerische Wende macht auch vor der Cybersicherheit nicht halt. CrowdStrike und AWS haben einen Security-Wettbewerb namens „AI Unlocked: Agents of Chaos“ ausgeschrieben. Der internationale Preisgeldtopf beträgt 100.000 Euro. Vom 31. August bis 29. September 2026 können sich Teilnehmer in drei Akten mit unterschiedlichen Preisklassen messen.

Im Gesundheitssektor setzen Ärzte zunehmend auf Dichoptic-Spiele mit Rot-Blau-Brillen. Sie dienen als spielerische Alternative zur klassischen Augenklappe bei der Behandlung von Amblyopie (Schwachsichtigkeit). Dr. Corinne Odineal betont: „Tools wie Optics Trainer und Eye Hero steigern die Motivation der Patienten erheblich.“ Sie seien jedoch als Ergänzung gedacht, nicht als Ersatz für eine umfassende Therapie.

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Neue Puzzle-Trends für den Sommer

Der Konsummarkt hat in diesem Monat gleich mehrere Neuheiten hervorgebracht. Die App Pic Pairs des Entwicklers Florian Burkhardt erlaubt es Nutzern, Gedächtnisspiele mit eigenen Fotos zu erstellen. Wer lieber draußen rätselt, findet beim GPS-basierten myOutdoorEscape neue Routen in Berlin und Potsdam – Privatkurse ab 18 Euro pro Team.

Am 6. August startete zudem die Daily List Challenge: Spieler müssen innerhalb von zwei Minuten möglichst viele Begriffe zu einem vorgegebenen Thema eintippen. Ein simpler, aber süchtig machender Ansatz.

Was bringt das Training wirklich?

Die Wissenschaft ist sich uneins, wie viel Transferleistung digitale Rätsel tatsächlich bieten. Berichte in Washington Post und Medical Xpress legen nahe: Ausdauersport und das Erlernen komplexer neuer Fähigkeiten – etwa einer Sprache oder eines Musikinstruments – sind für die langfristige Gehirngesundheit oft wirksamer als reines Puzzle-Training. Kreuzworträtsel und ähnliche Spiele trainieren zwar die kristalline Intelligenz, ihr Nutzen für andere kognitive Bereiche bleibt jedoch begrenzt.

Dass Problemlösung nicht immer belohnungsgetrieben ist, zeigt eine aktuelle Studie der University of British Columbia vom 6. August: Waschbären lösen Rätsel aus purer Neugier, nicht nur für Futterbelohnungen. Bei schwierigen Aufgaben wählen die Tiere bevorzugt sichere, verlässliche Lösungswege.

Die Puzzle-Branche reagiert auf diese Erkenntnisse mit ausgefeilteren Systemen. Das Solsticio-System bewertet Rätsel nun nach dem erforderlichen Deduktionsgrad – mit Kategorien wie Trio, Balance, Connector und Contradiction. Statt der Anzahl der Hinweise zählt die Schwierigkeit der Züge. Ein Paradigmenwechsel, der die Zukunft des Gehirnjoggings prägen könnte.