Mithilfe des Modells GPT-6 Astra von OpenAI ist es gelungen, ein 217 Jahre altes militärisches Dokument aus der napoleonischen Ära vollständig lesbar zu machen. Der Sicherheitsexperte Carter Church vom Unternehmen SentinelOne setzte das KI-System auf ein verschlüsseltes Dokument aus dem Jahr 1809 an. Für die Entzifferung benötigte das Modell lediglich ein einzelnes Bild, eine Aufgabenstellung und eine Laufzeit von etwa 6 Stunden.
Bei dem Dokument handelt es sich um ein operatives Truppenbriefing von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais, dem damaligen Vizekönig von Italien, an General Auguste de Marmont. Marmont kommandierte zu diesem Zeitpunkt rund 13.000 Soldaten in Dalmatien im heutigen Kroatien.
Das Dokument war zuvor fälschlicherweise auf 1807 datiert worden. Durch den Abgleich mit einem Schreiben Napoleons vom 16.03.1809 sowie den erwähnten Einheitenstandorten und Offiziersrängen korrigierte Church die Datierung auf Ende März 1809 – rund zwei Wochen vor Beginn der Offensive der Habsburger.
Napoleon hatte Beauharnais am 16.03.1809 angewiesen, Marmont die Truppenpositionen der französischen und verbündeten Einheiten ausdrücklich chiffriert und über einen verlässlichen Boten zu übermitteln.
Bildanalyse und statistische Rekonstruktion
Die verschlüsselte Nachricht umfasste 24 Zeilen mit Zahlen, Buchstaben und eigens geschaffenen Symbolen. Das System basierte auf einer homophonen Substitution mit etwa 1.300 Chiffre-Einheiten und 155 verschiedenen Symbolen. Als Ausgangsbasis diente Church ein einzelner Scan mit niedriger Auflösung von etwa 19 Pixeln pro Zeichen aus einem Beitrag von Vilcoq in einer französischen Militärzeitschrift von 1969.
Church erläuterte den technischen Ablauf der Entzifferung: Das KI-Modell habe die Vorlage mit den Maßen 1.202 mal 1.836 Bildpunkten zunächst in Zeilen unterteilt und die Zeichen erfasst. Anschließend habe das System eigenständig entschieden, welche von 175 handgezeichneten Markierungen demselben Schriftzeichen zuzuordnen seien, bevor die eigentliche Dechiffrierung begonnen habe.
Ein einzelner niedrig aufgelöster Scan, eine Aufgabenstellung, rund sechs Stunden Laufzeit — so wurde eine 217 Jahre alte Chiffre mit etwa 1.300 Einheiten lesbar. Der entscheidende Teil war nicht das Modell allein, sondern die Abfolge: Bild in Zeilen zerlegen, Zeichen erfassen, Markierungen zuordnen, dann erst dechiffrieren. Unser kostenloser Praxis-Guide zeigt Ihnen diese Schrittfolge als übertragbaren Workflow. Praxis-Guide KI-gestützte Krypto-Analyse jetzt anfordern
Astra griff dabei auf Vorarbeiten von Daniel Tant zurück, der bereits 33 Werte beziehungsweise 435 Chiffre-Einheiten publiziert hatte. Die verbliebenen 865 Einheiten löste das System über einen Simulated-Annealing-Solver sowie anhand von Statistiken zur Buchstabenhäufigkeit in der französischen Sprache.
Am Ende blieben lediglich 5 Zeichen ungelöst, während 29 Zeichen vollständige Wörter abbilden. Satoshi Tomokiyo vom kryptografischen Portal Cryptiana stufte das Dokument inzwischen offiziell als gelöst ein; der Code lässt sich mechanisch am Text überprüfen. Church stellte die Transkription, den Schlüssel, das Skript sowie französische und englische Fassungen in einem Dateiarchiv bereit.
Historische Einordnung des Inhalts
Der entschlüsselte Text schließt eine Lücke in den 1865 herausgegebenen Memoiren Napoleons an einer Passage, in der von einer Ansammlung von Pöbel die Rede ist. Die Nachricht forderte Marmont auf, sich nicht von kleineren feindlichen Einheiten oder einem Mob einschüchtern zu lassen und eine Offensive vorzubereiten. Später verließ Marmont Dalmatien, stieß zu Napoleons Hauptstreitkräften und wurde nach der Schlacht bei Wagram zum Marschall ernannt.
Das Dokument enthält detaillierte Truppenstärken:
* 40.000 bayerische Soldaten unter dem Herzog von Danzig zwischen München und Passau
* 30.000 Polen unter Prinz Poniatowski an der Weichsel
* die sächsische Armee unter dem Prinzen von Ponte-Corvo vor Dresden
* 80.000 Franzosen unter dem Herzog von Auerstaedt bei Bayreuth
* 60.000 Mann unter dem Herzog von Rivoli zwischen Ulm und Donauwörth
* 40.000 Soldaten unter Oudinot zwischen Augsburg und dem Lech
* eine 80.000 Mann starke Armee von Friuli
Manuelle Dechiffrierung historischer Chiffren bindet Wochen an Fachzeit. Im dokumentierten Fall löste ein Simulated-Annealing-Solver gemeinsam mit französischen Buchstabenstatistiken die verbliebenen 865 von 1.300 Einheiten — fünf Zeichen blieben offen. Unsere Checkliste zeigt, welche Restlücken Sie als akzeptabel markieren und wie Sie ein Ergebnis mechanisch am Chiffretext prüfen, bevor Sie es als gelöst einstufen. Checkliste historische Chiffren dechiffrieren jetzt sichern
Fachleute bewerten den KI-Einsatz differenziert. Church merkte an, dass die Chiffre selbst keine unüberwindbare Hürde dargestellt habe und Fachleute den Code mit entsprechendem Zeitaufwand auch manuell hätten lösen können. Dieser Einschätzung schlossen sich weitere Forscher an, die den enormen Zeitgewinn durch die KI hervorhoben.
Michael Rowe vom King’s College London bezeichnete das Resultat als beeindruckend, mahnte jedoch vor voreiligen Verallgemeinerungen. Zack White von der University of Portsmouth verwies zudem auf militärische Abweichungen: In der Realität habe Napoleon über etwa 60.000 Soldaten weniger verfügt, als in der verschlüsselten Nachricht angegeben waren.

