New York – Unbekannte Täter haben sich Zugang zu den internen Code-Repositories von Grafana Labs verschafft und drohen nun mit der Veröffentlichung. Das Unternehmen weigert sich, Lösegeld zu zahlen.
Der Vorfall wurde am Wochenende bekannt. Ein Angreifer erbeutete einen Zugangstoken für die GitHub-Umgebung des Open-Source-Spezialisten und lud daraufhin interne Quellcode-Repositories herunter. Anschließend forderte er Lösegeld – mit der Drohung, den gestohlenen Code öffentlich zu machen. Grafana Labs lehnte ab. Eine erste Untersuchung ergab keine Hinweise auf kompromittierte Kundendaten oder persönliche Informationen.
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Erpressung nach Code-Diebstahl
Der Angriff konzentrierte sich auf die Entwicklungsinfrastruktur. Mit dem gestohlenen Token konnte der Täter auf verschiedene Repositories zugreifen und Quellcode herunterladen. Nach der Datenexfiltration kontaktierte er das Unternehmen mit einer Lösegeldforderung.
Grafana Labs reagierte mit einer klaren Ansage: Man werde nicht zahlen. Die Entscheidung folgt den Empfehlungen von Cybersicherheitsbehörden, die von Lösegeldzahlungen grundsätzlich abraten – besonders wenn kritische Infrastruktur und Kundendatenbanken nicht betroffen sind.
Sicherheitsexperten bewerten den Diebstahl von Quellcode als ernst, aber weniger kritisch als den Verlust sensibler Nutzerdaten. Für Grafana Labs, dessen Kernprodukt als Open Source verfügbar ist, ist ein Großteil des Codes ohnehin öffentlich. Allerdings könnten die gestohlenen privaten Repositories interne Entwicklungsabläufe, proprietäre Enterprise-Funktionen oder bisher unentdeckte Sicherheitslücken offenlegen.
Forensik und Gegenmaßnahmen
Nach der Entdeckung des Einbruchs leitete Grafana Labs umfassende forensische Analysen ein. Die internen Sicherheitsteams identifizierten die Quelle des Lecks, nannten jedoch noch nicht den verantwortlichen Drittanbieter oder internen Workflow.
Die Sofortmaßnahmen umfassen:
– Ungültigmachung und Rotation aller betroffenen Token und Zugangsdaten
– Zusätzliche Sicherheitsüberwachung der GitHub-Umgebung
– Vollständige Prüfung der Entwickler-Workflows
– Verschärfte Verifikationsprotokolle für automatisierte Skripte
Forensiker betonen, dass der Angreifer offenbar keinen Code manipuliert oder schädliche Artefakte eingeschleust hat. Das ist entscheidend für die Millionen Nutzer, die auf die Integrität der Grafana-Binärdateien und Container-Images angewiesen sind.
Keine Gefahr für Kundendaten
Im Zentrum der Untersuchung stand der Schutz der Nutzerdaten. Grafana Labs bestätigte: Es gibt keine Anzeichen für unbefugten Zugriff auf Produktionsdatenbanken oder kundennahe Systeme. Da der Einbruch auf die GitHub-Entwicklungsumgebung beschränkt blieb, sind weder die Daten der Cloud-Nutzer noch lokale Installationen betroffen.
Der Geschäftsbetrieb läuft normal weiter. Geplante Updates oder Service-Verfüarbeiten wurden nicht beeinträchtigt. Das Unternehmen kündigte einen detaillierten „Incident Review“ an, sobald die forensische Analyse abgeschlossen ist.
Der Vorfall kommt zu einer Zeit erhöhter Aufmerksamkeit für Infrastrukturanbieter. Cybersicherheitsanalysten sehen darin eine Mahnung: Die zunehmende Automatisierung und die Nutzung von CI/CD-Pipelines erfordern die Speicherung sensibler Token. Werden diese nicht regelmäßig rotiert oder ausreichend geschützt, können sie zum Single Point of Failure für die gesamte Codebasis werden.
Wiederholte Sicherheitsvorfälle
Es ist nicht das erste Mal, dass Grafana Labs mit Sicherheitsproblemen in der GitHub-Integration zu kämpfen hat. Bereits Ende April 2025 verschaffte sich ein Unbefugter über eine kürzlich aktivierte GitHub-Action Zugriff auf eine begrenzte Anzahl von Token. Der Vorfall wurde durch einen „Canary Token“ entdeckt – eine Art digitale Sprengfalle. Auch damals blieben Kundendaten unberührt.
Der aktuelle Einbruch folgt zudem auf die Entdeckung weiterer Schwachstellen Anfang des Jahres. Im März 2026 schloss das Unternehmen eine kritische Sicherheitslücke (CVE-2026-27876) in der SQL-Expressions-Funktion, die eine Remote-Code-Ausführung ermöglichte. Erst am 13. Mai 2026 wurde eine weitere Schwachstelle im Grafana-Live-Push-Endpunkt (CVE-2026-28376) gemeldet, die zu unbegrenzter Speicherzuweisung führen konnte.
Marktbeobachter sehen einen Zusammenhang zwischen der Popularität einer Plattform und der Häufigkeit solcher Vorfälle. Mit schätzungsweise über 100.000 Installationen weltweit bleibt Grafana ein lohnendes Ziel – sowohl für Gelegenheitsangreifer als auch für professionelle Erpresser. Der Wandel von einfacher Schwachstellenausnutzung hin zu direktem Code-Diebstahl und Erpressung spiegelt einen wachsenden Trend wider: Angreifer umgehen gehärtete Produktionsumgebungen, indem sie Entwickler und deren Werkzeuge ins Visier nehmen.
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Ausblick für Grafana und die Open-Source-Community
Grafana Labs hat weitere Details zu dem Vorfall angekündigt. Die Entscheidung für Transparenz – insbesondere die öffentliche Offenlegung des Erpressungsversuchs – stößt in der Sicherheitscommunity auf Zustimmung.
Branchenkenner erwarten, dass Grafana seine Verfahren zur Verwaltung sensibler Zugangsdaten weiter verschärfen wird. Denkbar ist der Umstieg von persistenten Token auf kurzlebige, dynamisch generierte Anmeldeinformationen für alle GitHub-Aktivitäten. Analysten rechnen zudem mit einer verstärkten Nutzung fortschrittlicher Scantools wie Trufflehog oder Gato-X, die das Unternehmen bereits zur Überprüfung der Token-Ungültigmachung eingesetzt hat.
Der Vorfall unterstreicht eine grundlegende Herausforderung für die gesamte Tech-Branche: Die Sicherheit der Software-Lieferkette hängt ebenso vom Schutz interner Entwicklungsumgebungen ab wie von der Robustheit des Endprodukts. Während die Ermittlungen laufen, bleibt die Frage, ob der gestohlene Code in Darknet-Foren auftauchen wird – oder ob der Täter seine Drohung wahr macht. Grafana Labs stellt klar: Die oberste Pflicht gilt den Nutzern und der Sicherheit ihrer Daten, nicht den Forderungen anonymer Angreifer.

