Das Robert Koch-Institut (RKI) hat eine umfassende Auswertung zur Krankheitslast in Deutschland vorgelegt. Die Daten für den Zeitraum von 2017 bis 2022 ermöglichen über ein neues interaktives Recherchetool detaillierte Einblicke in die gesundheitliche Lage der Bevölkerung. Die Analyse differenziert nach Altersgruppen, Geschlecht sowie Bundesländern und bietet teilweise Einblicke auf regionaler Ebene.
Neue Datenlage zur Krankheitslast 2017–2022
Die zentrale methodische Grundlage der Erhebung bilden die Kennzahlen YLL (durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre), YLD (mit Einschränkungen gelebte Lebensjahre) sowie DALY, die als Summe beider Werte die gesamte Krankheitslast beschreibt. RKI-Präsident Lars Schaade bezeichnete die Ergebnisse als eine wesentliche Grundlage für zukünftige gesundheitspolitische Entscheidungen und die strategische Pflegeplanung.
In der Auswertung für den Zeitraum 2017 bis 2022 konnten Trends erstmals präzise dargestellt werden, wobei Krankheitsbilder wie Asthma, Arthrose und Parkinson neu berechnet wurden. Bei der Analyse der verlorenen Lebensjahre (YLL) belegt die koronare Herzkrankheit (KHK) den ersten Platz, gefolgt von Lungenkrebs, Schlaganfall, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) sowie Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen.
Hinsichtlich der Jahre, die mit gesundheitlichen Einschränkungen verbracht werden (YLD), führen Rückenschmerzen die Statistik an. Dahinter folgen Kopfschmerzen, Angststörungen, Diabetes und Depressionen. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich vor allem in der Priorisierung: Während bei Frauen Rückenschmerzen vor der koronaren Herzkrankheit rangieren, ist das Verhältnis bei Männern umgekehrt.
Klinische Relevanz der koronaren Herzerkrankung
Die koronare Herzkrankheit bleibt ein zentraler Faktor im deutschen Gesundheitswesen. Schätzungen zufolge sind über 4.600.000 Menschen in Deutschland betroffen, was jährlich zu mehr als 550.000 vollstationären Krankenhausaufnahmen führt. Dennoch verzeichnete die KHK-bedingte Krankheitslast (DALY) im Beobachtungszeitraum von 2017 bis 2022 einen Rückgang. Im Gegensatz dazu stiegen die Belastungen durch Angststörungen und Sturzverletzungen an.
Ergänzend zur KHK spielen die Herzinsuffizienz mit rund 4 Millionen Betroffenen – wobei über 10 Prozent der über 80-Jährigen betroffen sind – und Herzrhythmusstörungen eine bedeutende Rolle. Das Vorhofflimmern gilt dabei als häufigste Form der Rhythmusstörung und verursacht jährlich rund 400.000 Klinikaufnahmen. Das Risiko für einen Schlaganfall ist bei diesen Patienten um das Fünffache erhöht.
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In der klinischen Bewertung der Herzinsuffizienz dient die Ejektionsfraktion (EF) als wesentlicher Parameter. Ein Normalwert liegt zwischen 55 und 70 Prozent. Sinkt dieser Wert stabil unter 35 Prozent, steigt das Risiko für einen plötzlichen Herztod deutlich an.
In solchen Fällen sehen medizinische Leitlinien nach einer dreimonatigen optimalen medikamentösen Therapie häufig die Implantation eines Defibrillators (ICD) vor. Medikamentöse Behandlungen können das Hospitalisierungsrisiko um fast zwei Drittel und die Sterblichkeit um etwa 50 Prozent senken.
Fortschritte in Diagnostik und Leitlinienanpassungen
Beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) Ende August 2026 in München wurden innovative Ansätze zur Risikobewertung vorgestellt. Dazu gehören Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, die Herz-Kreislauf-Risiken aus EKGs, Röntgenaufnahmen des Brustkorbs, Mammografien oder Gesichtsbildern extrahieren können.
Zudem wurden neue Leitlinien für die Herzinsuffizienz präsentiert, die die Kategorisierung auf zwei wesentliche Gruppen (eingeschränkte systolische versus diastolische Funktion) vereinfachen.
In Bezug auf die Prävention lieferte eine globale Metaanalyse des Global Cardiovascular Risk Consortiums neue Anhaltspunkte für Blutdruckziele. Um innerhalb von zehn Jahren eine zusätzliche Herz-Kreislauf-Erkrankung zu verhindern, müssten bei einem systolischen Zielwert von 120 mmHg etwa 98 Frauen beziehungsweise 85 Männer behandelt werden.
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Langfristige Trends und die Morbiditätslücke
Die historische Entwicklung der Lebenserwartung verdeutlicht den Fortschritt der medizinischen Versorgung: Während Frauen im Jahr 1876 eine Lebenserwartung von 39 Jahren und Männer von 36 Jahren hatten, liegt diese für heute geborene Kinder bei 83,6 Jahren (Mädchen) beziehungsweise 79,1 Jahren (Jungen).
Allerdings wächst die sogenannte Morbiditätslücke – die Differenz zwischen der Gesamtlebenserwartung und den in guter Gesundheit verbrachten Jahren. Für Deutschland wurde diese Lücke im Jahr 2023 mit 11,9 Jahren beziffert, was eine Steigerung gegenüber dem Wert von 10,1 Jahren im Jahr 1990 darstellt. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit jedoch noch vor den USA (14 Jahre) oder Australien (13,9 Jahre).

