Entgegen weit verbreiteten Befürchtungen lässt sich am deutschen Arbeitsmarkt bislang kein negativer Einfluss von künstlicher Intelligenz auf Berufsanfänger nachweisen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Demnach gibt es keinen feststellbaren Zusammenhang zwischen dem Vormarsch von KI-Anwendungen und den aktuellen Hürden junger Menschen bei der Jobsuche. Ein messbarer Beitrag der Technologie zum Beschäftigungsrückgang lasse sich nicht belegen.
Konjunktur dämpft Einstiegschancen junger Erwerbstätiger
Die Daten der Nürnberger Arbeitsmarktforscher zeichnen für verschiedene Altersgruppen ein differenziertes Bild. So entwickelte sich die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung in Berufen mit starkem KI-Einfluss seit 2022 insgesamt positiver als in Berufsfeldern, die kaum von den neuen Technologien berührt werden.
Bei den 30- bis 39-Jährigen lag das Plus in KI-intensiven Berufen um knapp 6 Prozentpunkte über dem in weniger betroffenen Tätigkeitsfeldern. Bei den Beschäftigten im Alter zwischen 40 und 64 Jahren betrug der Vorsprung rund 5 Prozentpunkte.
Einzig in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen ging die Vollzeitbeschäftigung in stark KI-betroffenen Berufen zwischen 2022 und 2025 um 1,2 Prozentpunkte stärker zurück als im Rest des Arbeitsmarktes. Dieser Rückstand ist laut IAB statistisch jedoch nicht signifikant und damit nicht gesichert.
Ausschlaggebend für die Lage der Berufsanfänger sei vielmehr die allgemeine wirtschaftliche Lage: In konjunkturell schwächelnden Sektoren sank die Beschäftigung junger Arbeitskräfte im selben Zeitraum um 4,2 Prozent.
IAB-Forscher Oliver Schlenker erklärte, dass die Konjunktur mehr als doppelt so stark auf junge Beschäftigte wirke wie ein möglicher KI-Effekt. Die trübe wirtschaftliche Entwicklung sei somit der entscheidende Hauptfaktor.
Keine Belege für flächendeckenden Stellenabbau
Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen KI-Systemen und der realen Beschäftigungsentwicklung ist laut den Wissenschaftlern nicht nachweisbar; ein flächendeckender Stellenabbau durch KI finde nicht statt. Zudem bleibe in den Daten offen, in welchem Umfang die Betriebe entsprechende Software überhaupt produktiv einsetzen.
Warnsignale und langfristige Risiken sehen die Forscher des IAB vor allem im verarbeitenden Gewerbe, bei industriellen Tätigkeiten und in nicht-akademischen Berufen, die durch einen traditionell hohen Automatisierungsgrad geprägt sind. IAB-Vizedirektorin Melanie Arntz kündigte an, die Arbeitsmarkteffekte über das Jahr 2025 hinaus weiter systematisch zu beobachten.
Wer sich mit dem Einsatz neuer Technologien im Unternehmen befasst, muss die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen. Dieser kostenlose Download verschafft Ihnen den Überblick über Fristen, Pflichten und Risikoklassen, den Ihre Rechts- und IT-Abteilung jetzt dringend braucht. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
Auch Branchenbeobachter bestätigen das Fehlen direkter Kausalitäten. Der Digitalverband Bitkom registrierte zwar einen deutlichen Rückgang bei offenen IT-Stellen, sieht darin jedoch keinen merklichen KI-bedingten Arbeitsplatzverlust. Die Jobplattform Indeed vermeldete ebenfalls einen massiven Einbruch bei IT-Einstiegsstellen, fand dafür aber keine Belege für einen Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz.
KI verändert vor allem den Bewerbungsprozess
Während die Technologie bestehende Arbeitsplätze bislang nicht verdrängt, prägt sie zunehmend die Personalauswahl. Laut einer nicht repräsentativen Indeed-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Censuswide unter 300 Personalverantwortlichen verzeichnen 56 Prozent der befragten Entscheider mehr Bewerbungen pro Stelle als im Vorjahr, 21 Prozent registrieren sogar einen deutlichen Anstieg. Die Recruiter schätzen, dass rund ein Drittel aller eingehenden Bewerbungsunterlagen mithilfe von KI formuliert wird.
In der Folge büßen traditionelle Unterlagen an Vertrauen ein: 54 Prozent der befragten Personalverantwortlichen halten Anschreiben inzwischen für weniger aussagekräftig. 46 Prozent sagen dies über Lebenslauf-Formulierungen, 43 Prozent über schriftliche Antworten und 33 Prozent über vorgegebene Testaufgaben. Dies führt zu schärferen Filtern: 41 Prozent der Personalverantwortlichen sortieren offensichtlich vollständig von KI erstellte Bewerbungen direkt aus.
Zudem gaben 35 Prozent an, sich für die erste Sichtung höchstens eine Minute Zeit zu nehmen. Auf Arbeitgeberseite gaben 42 Prozent der befragten Entscheider an, selbst Software oder KI für die Vorauswahl zu nutzen; 11 Prozent davon räumten ein, automatisch abgelehnte Kandidaten nicht mehr durch Menschen überprüfen zu lassen.
Die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt stellt neue Anforderungen an die Compliance in Unternehmen. Ein aktueller Gratis-Report enthüllt, welche rechtlichen Pflichten und Bedrohungen Unternehmer jetzt kennen müssen, um ihre Firma langfristig zu schützen. Kostenlosen Cyber-Security-Report herunterladen
Geldpolitische Einordnung auf europäischer Ebene
Die gesamtwirtschaftlichen Dimensionen beleuchtete am 13. Oktober 2026 auch EZB-Chefökonom Philip Lane in einer Rede in Dublin. Lane stellte fest, dass KI bislang keine Veränderungen in den Beschäftigungstrends der Eurozone bewirkt habe, allerdings die Einstellungspläne von Unternehmen dämpfe.
Der zunehmende KI-Einsatz berge das Risiko, die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern zu schwächen, den Anstieg der Löhne zu dämpfen und den Arbeitsanteil am Gesamteinkommen zu schmälern. Zugleich liege die Inflation in der Eurozone derzeit bei fast dem Doppelten des Zielwerts von 2 Prozent, wobei sich bisher keine sekundären Effekte bei den Löhnen zeigten.
Eine massive Kreditaufnahme für KI-Investitionen treibe zudem die allgemeinen Kreditkosten sowie die langfristigen Zinsen nach oben. Langfristig, so Lane, könnte die Technologie jedoch das Trendwachstum heben und die Schrumpfung der erwerbsfähigen Bevölkerung abfedern.

