Die Kriminalität im digitalen Raum hat in der ersten Jahreshälfte 2026 eine neue Intensität erreicht. Besonders der Betrug über gefälschte Online-Shops und manipulierte Messenger-Kommunikation nimmt drastisch zu. In Deutschland stieg die Zahl der Angriffe über Fake-Shops laut dem aktuellen „Gen Threat Report H1 2026“ um 134 Prozent an.
Identitätsdiebstahl explodiert um 454 Prozent
Ein zentraler Befund der Sicherheitsanalysen ist der massive Anstieg beim Identitätsbetrug. Im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2025 verzeichneten Experten ein Plus von 454 Prozent. Kriminelle setzen dabei zunehmend auf Künstliche Intelligenz, um Opfer gezielt unter Druck zu setzen.
In Mainz wurde kürzlich ein 44-jähriger Mann Opfer einer KI-gestützten Erpressung. Nachdem er online eine vermeintliche Bekanntschaft geschlossen und Geldforderungen abgelehnt hatte, schickten ihm die Täter ein täuschend echt wirkendes Deepfake-Video. Der Clip zeigte eine Nachrichtensendung, in der sein Gesicht eingebaut wurde – er sollte als gesuchter Betrüger dargestellt werden. Die Täter drohten mit der Veröffentlichung. Die Polizei warnt vor der steigenden Qualität solcher Fälschungen, die für Laien kaum noch erkennbar sind.
Schlag gegen Phishing-Plattform Kratos
Parallel zu den steigenden Angriffszahlen gelang den Strafverfolgungsbehörden ein Erfolg. In der „Operation Olympus Blade“ zerschlugen das BKA, das FBI und indonesische Behörden die Phishing-Plattform „Kratos“. Der Dienst funktionierte nach dem Prinzip „Phishing-as-a-Service“ – Kriminelle konnten gegen Bezahlung fertige Angriffs-Infrastrukturen mieten.
Die Plattform war seit 2024 aktiv und bediente rund 1.800 Kunden. Monatlich führten sie etwa 15.000 Phishing-Kampagnen in über 30 Ländern durch. Seit ihrem Bestehen soll die Plattform Einnahmen von über 300.000 Euro generiert haben. Im Zuge der Ermittlungen wurden 200 Server beschlagnahmt und ein mutmaßlicher Entwickler in Indonesien festgenommen. Die Plattform nutzte spezielle Techniken, um selbst Mehrfaktor-Authentifizierungen zu umgehen und Session-Cookies der Opfer zu stehlen.
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Messenger und Browser-Erweiterungen als Einfallstore
Auch Messengerdienste rücken verstärkt in den Fokus von Betrügern. In Brandenburg wurde eine Frau über einen Messenger von einem angeblichen Arzt kontaktiert, der finanzielle Notlagen vortäuschte. Das Opfer übermittelte Codes für Guthabenkarten im Wert eines unteren vierstelligen Betrags. Solche Maschen ergänzen die rein technischen Angriffe.
Gleichzeitig identifizierten Sicherheitsforscher eine kritische Schwachstelle in einer weit verbreiteten Browser-Erweiterung für PDF-Dokumente. Rund 329 Millionen Nutzer sind betroffen. Über eine manipulierte Funktion konnten Angreifer WhatsApp-Web-Sitzungen auslesen und Chat-Inhalte sowie Kontakte an eigene Server senden – ohne Interaktion des Nutzers. Die Lücke wurde zeitnah geschlossen, unterstreicht jedoch die Verwundbarkeit vernetzter Systeme.
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Branche setzt auf neue Sicherheitsstandards
Die Industrie reagiert auf die Professionalisierung der Angriffe mit einer Abkehr von klassischen Sicherheitsmechanismen. Microsoft plant, die herkömmliche SMS-Authentifizierung bis Anfang 2027 einzustellen. Der Grund: Techniken wie Password-Spraying nehmen massiv zu – im ersten Halbjahr 2026 um das 155-Fache.
Als sicherere Alternative etablieren sich zunehmend Passkeys. Große deutsche E-Mail-Anbieter wie GMX und WEB.DE führen diese Technologie aktuell für rund 38 Millionen Nutzer ein. Passkeys sollen die Abhängigkeit von Passwörtern verringern und besseren Schutz gegen Phishing-Plattformen bieten. Dennoch bleibt die Gefahr hoch: Marktforscher blockierten allein im ersten Halbjahr weltweit 114 Millionen Angriffe über Fake-Shops und registrierten über 15,7 Millionen kompromittierte Datensätze.

