Der Vorstandsvorsitzende von Siemens Energy, Christian Bruch, sieht eine signifikante Verschärfung der Bedrohungslage für die deutschen Energienetze. In den vergangenen 12 bis 18 Monaten habe die Gefahr durch Cyberangriffe deutlich zugenommen.
Bruch wies darauf hin, dass die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union häufiger Ziel von Angriffen auf die kritische Infrastruktur werde. Vor diesem Hintergrund forderte er von der Bundesregierung ein strukturiertes Vorgehen zum Schutz der Bevölkerung.
Forderung nach neuer Resilienzstrategie
Bruch sprach sich dafür aus, den Fokus von einem angestrebten, aber kaum realisierbaren perfekten Schutz hin zu einer verbesserten Reparaturfähigkeit zu verschieben. Er regte die Erstellung eines zivilen Operationsplans an und verwies dabei auf die Ukraine als Vorbild, die trotz massiver Angriffe eine hohe Widerstandsfähigkeit ihrer Infrastruktur bewiesen habe. Die jüngsten Vorfälle an Stromleitungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen (NRW) stufte der Manager als Akte verfassungsfeindlicher Sabotage ein.
Die Ermittlungsbehörden bestätigen die Ernsthaftigkeit der aktuellen Sicherheitslage. In Dormagen (NRW) untersuchte die Polizei kürzlich einen verdächtigen Gegenstand an einem Umspannwerk, bei dem es sich nach ersten Erkenntnissen um eine Abschussvorrichtung handeln könnte. Ein vorliegendes Bekennerschreiben nimmt Bezug auf diesen sowie weitere Fälle in NRW und Brandenburg.
Bereits Anfang September kam es zu Sabotageakten an Umspannwerken in Jänschwalde und Bergheim. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul lässt derzeit prüfen, ob die Hintergründe im Linksextremismus oder in fremdstaatlich gelenkter Sabotage liegen, wobei bislang keine konkreten Hinweise auf eine ausländische Macht vorliegen.
Statistische Zunahme der Sabotagefälle
Das Bundeskriminalamt (BKA) verdeutlicht die Intensität der Bedrohung in seinem Lagebild mit Stand Ende August 2026. Demnach wurden 165 Sabotageverdachtsfälle registriert, nachdem im gesamten Jahr 2025 noch 320 Fälle verzeichnet worden waren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Energieversorgung.
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So führte ein Angriff beim Energiekonzern RWE zu einem Leistungsverlust von 3 GW. Neben physischer Sabotage dokumentierte das BKA 747 Drohnensichtungen, bei denen insgesamt 1.068 Drohnen identifiziert wurden, sowie 24 Spionageverfahren. Regional bilden Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen die Schwerpunkte der polizeilichen Ermittlungen.
Ergänzend zu den physischen Bedrohungen bleibt die Lage im digitalen Raum angespannt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) meldete für das Jahr 2025 durchschnittlich 119 neue Software-Schwachstellen pro Tag.
Kritik an gesetzlichen Rahmenbedingungen
Trotz des im März 2026 in Kraft getretenen KRITIS-Dachgesetzes äußern Experten und Wirtschaftsvertreter Kritik an der aktuellen Gesetzgebung. Dirk Binding vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte eine umfassendere Schutzstrategie und einheitliche Mindeststandards für die Sektoren Energie, Verkehr, IT und Kommunikation.
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Auch Sicherheitsexperten wie Norbert Gebbeken bemängeln, dass konkrete Schutzziele und quantitative Vorgaben fehlen. Insbesondere kommunale Betreiber verfügten oft nicht über die notwendigen finanziellen Mittel, um die geforderten Resilienzanalysen und Schutzmaßnahmen umzusetzen.
Siemens Energy, das weltweit 103.000 und in Deutschland 27.000 Mitarbeiter beschäftigt, sieht sich als zentraler Akteur direkt von der Sicherheit der Netze betroffen. Die Aktie des Unternehmens reagierte stabil auf die Marktlage und notierte am 3. September 2026 bei 145,6 EUR, was einem Plus von 2,35 Prozent entsprach.
Während die Debatte über erweiterte Befugnisse für Betreiber, Videoüberwachung und Drohnenabwehr anhält, kündigte das Land Brandenburg bereits den Aufbau eines neuen Sicherheitszentrums zum Schutz kritischer Infrastruktur an.

