ISO 19650: Neuer Standard soll Bau-Digitalisierung vereinheitlichen

Die überarbeitete ISO 19650 Norm zielt auf einheitliches digitales Informationsmanagement über den gesamten Lebenszyklus von Bauwerken ab. Internationale Zertifizierungen werden zum Schlüssel für globale Projekte.

Die Bauindustrie steht vor einem Wendepunkt. Ein überarbeiteter Entwurf der internationalen BIM-Norm ISO 19650 liegt zur öffentlichen Konsultation vor. Er zielt darauf ab, das Informationsmanagement über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks zu vereinen – von der Planung bis zum Betrieb. Damit reagiert die Norm auf den globalen Druck, Bauprojekte durchgängig digital zu managen.

Vom Planungs-Tool zur Lebenszyklus-Plattform

Der neue Entwurf, der diese Woche veröffentlicht wurde, markiert eine fundamentale Neuausrichtung. Bislang trennte die Norm streng zwischen der Bauphase und der Betriebsphase. Dieser Graben soll nun verschwinden. Künftig sieht der Rahmen einen einheitlichen, neunstufigen Prozess für das Informationsmanagement vor.

Ein zentraler Schritt: Der traditionelle BIM-Abwicklungsplan soll durch einen Informationsproduktionsplan ersetzt werden. „Das ist mehr als nur Semantik“, analysieren Branchenkenner. „Es priorisiert den Prozess vor der Software.“ Diese Klarheit soll die Interoperabilität zwischen verschiedenen digitalen Werkzeugen verbessern und langfristige Strategien für Digitale Zwillinge unterstützen. Die finale Veröffentlichung ist für Ende 2026 geplant.

Top-Unternehmen setzen auf internationale Zertifizierung

Während der Standard entsteht, sichern sich führende Konzerne bereits jetzt Zertifikate nach der aktuellen Norm. Die japanische Chiyoda Corporation erhielt im Januar das begehrte BIM BSI Kitemark. Das Zertifikat bestätigt, dass ihre Managementsysteme internationalen Benchmarks entsprechen und einen nahtlosen Datenaustausch ermöglichen.

Ebenfalls im Januar wurde die griechische ELEMKA SA, eine Tochter von METKA S.A., nach ISO 19650-2 von TÜV AUSTRIA zertifiziert. Das Unternehmen betont, dass die Integration von BIM in die Kernprozesse die Projektplanung verbessert und Risiken senkt. Für Experten ist klar: Diese Zertifikate werden zum Türöffner für globale Großprojekte.

Staatliche Mandate heizen den Wettlauf an

Nationale Regierungen treiben die Digitalisierung mit Macht voran. Kasachstan hat zu Jahresbeginn BIM-Planung für alle Neubauten verpflichtend gemacht. Bis 2027 soll die gesamte Bauindustrie digitalisiert werden. Auch Vietnam arbeitet unter Hochdruck an einem rechtlichen Rahmen für die Bau-Digitalisierung, der sich eng an ISO 19650 orientiert.

Die Dimensionen sind gewaltig: In Australien beläuft sich die Fünf-Jahres-Infrastrukturpipeline laut einem aktuellen Bericht auf 242 Milliarden Euro. 64 Prozent der befragten Bauunternehmen investierten im vergangenen Jahr in Digitalisierung – mit Schwerpunkt auf BIM, Künstlicher Intelligenz und Automatisierung.

Analyse: Die Daten werden zum entscheidenden Asset

Die Entwicklung zeigt: BIM ist kein reines 3D-Planungstool mehr. Es hat sich zu einer datengetriebenen Management-Plattform entwickelt. Normen wie ISO 19650 bringen Ordnung in oft chaotische Workflows und schaffen eine „Single Source of Truth“ für alle Beteiligten.

„Der Erfolg der digitalen Transformation hängt weniger von einer bestimmten Software ab“, so die Einschätzung von Marktbeobachtern. „Viel entscheidender sind interoperable Daten und strukturierte Kollaboration.“ Aus- und Weiterbildungsanbieter passen ihre Curricula bereits an diese neuen internationalen Maßstäbe an.

Ausblick: Zertifikat wird zur Marktzutrittsbarriere

Die öffentliche Konsultation zum neuen Standardentwurf läuft noch mehrere Monate. Bis zur finalen Veröffentlichung bleiben die Ausgaben von 2018 in Kraft. Unternehmen wird geraten, ihre Zertifizierungspläne nicht zu verzögern.

Die Tendenz ist eindeutig: Öffentliche Auftraggeber knüpfen die Vergabe milliardenschwerer Infrastrukturprojekte zunehmend an digitale Lieferstandards. Ein international anerkanntes BIM-Zertifikat dürfte sich bis 2027 von einem Wettbewerbsvorteil zur obligatorischen Marktzutrittskarte entwickeln. Die Unternehmen, die jetzt investieren, werden die nächste Generation smarter Infrastruktur prägen.