Die Softwarebranche erlebt einen historischen Wandel: Immer mehr Unternehmen setzen auf autonome KI-Agenten, die eigenständig komplexe Geschäftsprozesse steuern. Der Markt boomt – und traditionelle Anbieter müssen umdenken.
Docusign und Papaya Global treiben die Automatisierung voran
Gleich mehrere Großkonzerne haben in dieser Woche neue KI-Plattformen vorgestellt, die weit über einfache Chatbots hinausgehen. Docusign präsentierte am 1. Juli auf der Momentum-Konferenz in London seine Iris-AI-Engine. Die Software überwacht Verträge, identifiziert Risiken und verfolgt Verpflichtungen automatisch. Erste Anwender berichten von beeindruckenden Effizienzgewinnen: Ein Partner verkürzte seinen Vertragszyklus von zehn Tagen auf wenige Stunden. Die vollständige Iris-Assistentin soll Anfang 2027 auf den Markt kommen.
Nur einen Tag später zog Papaya Global nach. Das Unternehmen launchte „ONE“, eine Plattform für Compliance-Intelligenz. Das System analysiert interne Richtlinien, Gehaltsdaten und Tarifverträge in 95 Ländern – und automatisiert damit die Ausgabenprüfung sowie Gehaltsaktualisierungen. Parallel dazu brachte CLPS Incorporation das Projekt „Athena“ an den Start: selbstlernende KI-Agenten, die Wissen aus Bildern und Audiodateien in interaktive Datenbanken verwandeln. Die Wissensabfrage soll sich von Stunden auf Sekunden verkürzen.
BPM 3.0: Wenn KI die Verantwortung übernimmt
Branchenanalysten sprechen bereits von einer neuen Ära des Geschäftsprozessmanagements – BPM 3.0. Anders als frühere Automatisierungswellen geht es nicht mehr nur um Kostensenkung, sondern darum, dass KI-Agenten die Ergebnisverantwortung übernehmen.
Capita stellte am 1. Juli seinen „Forward Deployed Orchestrator“ vor, der diese Agenten in regulierten Umgebungen steuert. Die internen Testergebnisse sind beeindruckend: Die Screening-Zeiten sanken um 43 Prozent, bestimmte Genehmigungsprozesse, die früher vier Tage dauerten, wurden in rund elf Sekunden abgeschlossen.
Auch Microsoft rüstet auf. Der Konzern erweitert seine Business-Central-KI um spezifische Agenten für Kreditorenbuchhaltung, Ausgaben und Verkaufsaufträge. Die Software überwacht Postfächer, extrahiert Rechnungsdaten und gleicht Bestellungen ab – ganz ohne menschliches Zutun. Dieser Trend folgt auf die Einführung von M-Files-KI-Agenten Ende Juni, die auf einer unternehmenseigenen Wissensdatenbank basieren.
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Milliardenschwere Prognosen – aber die Skepsis bleibt
So rasant die Produkteinführungen auch sind: Die breite Einführung in Unternehmen steckt noch in den Kinderschuhen. Ein aktueller Deloitte-Bericht zeigt, dass erst 16 Prozent der Organisationen KI-Workflows vollständig in ihre Abläufe integriert haben. Die McKinsey-Forschung geht sogar noch weiter: Weniger als jedes zehnte Unternehmen hat KI-Agenten erfolgreich skaliert – obwohl 62 Prozent derzeit mit der Technologie experimentieren.
Die Analysten von Gartner sind optimistischer. Sie prognostizieren, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen KI-Agenten nutzen werden – ein sprunghafter Anstieg von weniger als fünf Prozent im Jahr 2025. Die Ausgaben für KI-Agenten-Software sollen in diesem Jahr auf 206,5 Milliarden Euro steigen, ein Plus von 139 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch Gartner warnt auch: Bis 2030 könnten autonome Agenten traditionelle SaaS-Ausgaben in Höhe von 234 Milliarden Euro gefährden. Der Grund: Je weniger Menschen direkt mit Software interagieren müssen, desto überflüssiger werden klassische Lizenzmodelle.
Finanz- und Lieferketten-Software im Umbruch
Die autonomen Agenten erobern längst auch Kernbereiche der Wirtschaft. Anaplan launchte am 30. Juni seine „Agentic Enterprise“-Plattform – zunächst mit Fokus auf die Finanzabteilungen. Die auf Amazon Bedrock laufenden Agenten sollen bis Jahresende auch Supply-Chain- und Vertriebsabteilungen unterstützen.
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Oracle zog am 29. Juni nach: Vier neue autonome Anwendungen in der Fusion Cloud kümmern sich um Lagerplanung und Lieferantenqualifikation. Für Spezialbranchen hat Trimble am 2. Juli KI in seine Kostenschätzungssoftware für die Bauindustrie integriert. Das Unternehmen verspricht eine Reduzierung manueller Aufgaben um bis zu 60 Prozent.
Die Botschaft ist klar: Wer in der digitalen Wirtschaft von morgen mithalten will, kommt an autonomen KI-Agenten nicht vorbei. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell die Transformation gelingt.

