Das US-Außenministerium verschärft den geopolitischen Wettbewerb um die technologische Vorherrschaft und drängt befreundete Staaten zu einer Entscheidung zwischen westlichen und chinesischen KI-Allianzen.
Einem aktuellen Entwurf zufolge bereitet Washington ein Schreiben an 35 Länder vor, die im Juni das „AI Opportunity Statement“ unterzeichnet haben. Darin werden diese Staaten gewarnt, dass eine Mitgliedschaft in der von China initiierten World AI Cooperation Organization (WAICO) zum Ausschluss aus dem US-geführten Bündnis Pax Silica führen könnte.
Klare Abgrenzung der Einflusssphären
In dem Entwurf, der bisher noch nicht offiziell versendet wurde, positioniert das State Department die beiden Organisationen als unvereinbare Alternativen. Die Vereinigten Staaten betonen darin, dass eine gleichzeitige Teilhabe an allen Systemen letztlich bedeute, an keinem wirklich teilzuhaben.
Pax Silica umfasst derzeit rund 24 Mitglieder, darunter die Europäische Union, Indien, Japan, Australien und Südkorea. Auch Taiwan befindet sich gegenwärtig in Gesprächen über einen Beitritt, während es das ursprüngliche Statement im Juni nicht unterzeichnet hatte.
Demgegenüber steht die WAICO, die am 16. Juli in Shanghai von 29 Ländern gegründet wurde und ihren Hauptsitz in der chinesischen Metropole hat. Zu den Mitgliedern dieses Bündnisses zählen unter anderem Brasilien, Russland und der Iran.
Während die US-Seite auf Sicherheitsinteressen und technologische Standards pocht, kritisiert die chinesische Führung das Vorgehen Washingtons. Aus Peking heißt es, die US-Aktionen seien ein Versuch, den globalen Fortschritt bei der Künstlichen Intelligenz zu ersticken und Technologie zu politisieren.
Der Sonderfall Kasachstan unter Druck
Besondere Aufmerksamkeit widmet Washington derzeit Kasachstan. Das zentralasiatische Land ist bisher der einzige Staat, der sowohl Pax Silica als auch der WAICO angehört. Als bedeutender Lieferant kritischer Mineralien und erstes zentralasiatisches Mitglied in Pax Silica kommt Kasachstan eine strategische Schlüsselrolle zu.
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Die wirtschaftliche Verflechtung Kasachstans mit beiden Blöcken ist massiv. Auf der einen Seite steht die Firebird-Investition in Höhe von bis zu 10 Mrd. US-Dollar, die unter anderem die Beschaffung von 100.000 Nvidia-GPUs umfasst. Auf der anderen Seite hat das Land mehr als 70 Verträge mit China im Gesamtwert von 15 Mrd. US-Dollar unterzeichnet. Dieser Spagat gerät durch die neue US-Linie zunehmend unter Druck.
Chinas globale Expansionsstrategie
China untermauert seinen Anspruch auf eine Führungsrolle in der KI durch umfangreiche Förderprogramme für den globalen Süden. Die Regierung in Peking hat angekündigt, innerhalb von fünf Jahren 5.000 Trainingsplätze für KI-Fachkräfte aus diesen Regionen bereitzustellen.
Zudem sollen Kooperationszentren mit Organisationen wie der ASEAN, der Afrikanischen Union, der Arabischen Liga sowie den BRICS-Staaten und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) entstehen.
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Parallel dazu treibt die nationale Datenverwaltung den Ausbau der Infrastruktur voran. Bis Ende 2028 sollen hochwertige Datensätze in mehr als 25 strategischen Bereichen weltweit verfügbar gemacht werden. Ein Beispiel hierfür ist der WanJuan-Datensatz des Shanghai AI Labs, der bereits in sechs Sprachen vorliegt.
Dass diese Strategie Wirkung zeigt, belegen Untersuchungen, wonach chinesische Staatsnarrative bereits Einfluss auf die Antworten westlicher KI-Modelle wie ChatGPT bei spezifischen chinesischen Fragestellungen haben.
Neue regulatorische Anforderungen in Peking
Flankierend zur internationalen Expansion verschärft China auch die interne Aufsicht. Ein aktueller Entwurf der chinesischen Internetbehörde CAC sieht vor, dass große Verarbeiter personenbezogener Daten unabhängige Aufsichtsausschüsse mit externen Experten einrichten müssen. Dies stellt eine Umsetzung der sogenannten Gatekeeper-Bestimmungen des Gesetzes zum Schutz personenbezogener Informationen (PIPL) dar.
Das US-Außenministerium lehnte eine Stellungnahme zu den Details des Briefentwurfs mit Verweis auf die Vertraulichkeit angeblich geleakter Dokumente ab.
Klar ist jedoch, dass die Zeit der technologischen Neutralität für viele Staaten endet, da sowohl Washington als auch Peking ihre KI-Ökosysteme zunehmend voneinander abschotten. Dies wurde auch auf der Welt-KI-Konferenz (WAIC) im Juli in Shanghai deutlich, die zwar ein Rekordpublikum von über 2 Milliarden Online-Zuschauern verzeichnete, bei der jedoch führende westliche Tech-Manager im Vergleich zu früheren Jahren fehlten.

