KI durchdringt Deutschlands Behörden – doch reicht das?

Eine Studie belegt den flächendeckenden Einsatz generativer KI im öffentlichen Dienst, während Experten vor oberflächlichen Lösungen warnen und tiefgreifende Strukturreformen fordern.

Die digitale Verwaltung in Deutschland steht an einem Wendepunkt. Neue Daten zeigen: Künstliche Intelligenz ist im öffentlichen Dienst angekommen. Doch Experten warnen vor Scheinlösungen.

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KI wird im Staatsdienst zur Alltagshilfe

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts FOKUS, vorgestellt auf dem Kongress „Digitaler Staat 2026“, belegt einen fundamentalen Wandel. Für die allermeisten Beamten und Angestellten ist generative KI bereits Arbeitsrealität. Nur 18 Prozent der Befragten gaben an, solche Tools gar nicht zu nutzen.

Die Einführung verläuft erstaunlich reibungslos. Fast 44 Prozent der Beschäftigten berichten, dass ihre Behörde die KI-Anwendungen sogar offiziell zur Verfügung stellt. Statt auf Zwang setzen die Behörden auf Leitfäden und Schulungen. Die Hauptvorteile für die Mitarbeiter: schnellere Bearbeitungszeiten und mehr Inspiration bei der Problemlösung.

Warnung vor der „Digitalen Fassade“

Doch Technologie allein ist kein Allheilmittel. Das warnt ein gemeinsames Papier der Netzwerke NExT und DigitalService vom 5. März. Die Autoren mahnen: KI dürfe nicht zum oberflächlichen Pflaster für marode Alt-Systeme werden.

„Die fortschrittlichsten Algorithmen nützen wenig, wenn sie an das Ende einer ineffizienten Wertschöpfungskette geklatscht werden“, so die Kernkritik. Stattdessen fordert das Papier tiefgreifende Strukturreformen: die Überholung veralteter IT, standardisierte Abläufe und einen strengen Fokus auf nutzerzentrierte Anwendungen. Angesichts des Personalmangels in den Ämtern sei dies der einzige Weg, die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten.

Niedersachsen setzt auf Zentralisierung

Die Forderung nach strukturellen Reformen wird auf Länderebene konkret. Niedersachsen hat am 5. März einen neuen Chief Information Officer (CIO) berufen. Dr. Alexander Georgiadis übernimmt die neu geschaffene „Abteilung Digitalisierung, IT-Gesamtsteuerung, Sicherheit und Infrastruktur“.

Diese Bündelung aller Digitalisierungsaufgaben in einer Hand markiert einen klaren Abschied von der bisherigen, fragmentierten IT-Landschaft. Das Ziel: Prozesse straffen und digitale Dienstleistungen für Bürger schneller ausbauen. Niedersachsen will mit diesem zentralisierten Modell zum Vorbild für andere Bundesländer werden.

Das Problem der digitalen Zersplitterung

All diese Schritte geschehen vor dem unbefriedigenden Hintergrund des Onlinezugangsgesetzes (OZG 2.0). Laut dem Digitalverband Bitkom sind von 579 vorgeschriebenen Verwaltungsleistungen erst 349 irgendwie digital verfügbar. Nur 165 davon gibt es bundesweit einheitlich.

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Gegen diesen Flickenteppich setzt die Bundesregierung auf den „Deutschland-Stack“ – eine souveräne, interoperable Digitalinfrastruktur für alle Verwaltungsebenen. Die Fraunhofer-Studie stellt jedoch fest: Das Konzept ist komplex und muss den Behörden noch besser vermittelt werden. Die größte Hürde bleibt, die hochautonomen IT-Abteilungen in Ländern und Kommunen von standardisierten Bundeslösungen zu überzeugen.

Die nächsten Großprojekte stehen an

Der Zeitdruck wächst. Ein Meilenstein ist die für 2027 geplante Einführung der Europäischen Digitalen Identitäts-Brieftasche (EUDI-Wallet). Sie soll Ausweise, Führerscheine und Krankenkassenkarten im Smartphone sicher speichern und die Interaktion mit dem Staat grundlegend verändern.

Gleichzeitig treibt die Suche nach digitaler Souveränität den Staat zu Open-Source-Lösungen. Ein am 3. März gestarteter Wettbewerb soll herausragende Open-Source-Projekte in der Verwaltung auszeichnen – etwa im Bereich KI.

Die Frage für 2026 lautet: Schafft es Deutschland, die Lücke zwischen innovativer Technologie und veralteten Verwaltungsstrukturen zu schließen? Die KI ist da. Jetzt muss die Reform des Systems folgen.